«Halte mich nicht fest»
Jonathan Gardy 27, wuchs im Ruhrgebiet auf. Im aki Bern kam zur Frankophonie eine manifeste Helvetophilie. Seit 2017 lernt und wirkt der Theologe in der Pfarrei Guthirt bei Bern.

Trotzdem komme ich wieder

Unsere Kirchen sind leer – zum Glück? Wenn ich unter der Woche, auf einem Weg durch eine fremde oder auch vertraute Stadt laufe, kehre ich gern für ein paar Minuten in eine stille Kirche ein. Ich geniesse den leichten Duft von Weihrauch, das Licht, das sich in den bunten Fenstern bricht, und den Schein ein paar weniger Kerzen. Ich bin gern dort.

Anders am Sonntag: Die Kirche ist dann oft kaum weniger leer, aber diesmal machen mir die unbesetzten Bänke und der verzagte Gesang zu schaffen. Trotzdem komme ich wieder. Nicht aus blinder Hoffnung, dass die Kirche plötzlich nicht mehr leer sei. Sondern weil sich mit dem Kirchenraum Erinnerungen verbinden: Eine festliche Christmette, eine Atempause im vertrauten Gottesdienst, ein einsames Stillwerden mit einer leisen Ahnung vom grossen Geheimnis.

Maria von Magdala hatte als Jüngerin Jesu viele besondere Momente erlebt: Seine Worte hatten sie berührt, seine Taten sie froh gemacht. Jetzt war er tot. Sollte es das nun schon gewesen sein? Alles schien hinfällig zu sein, aus und vorbei. Maria fürchtete den öden Trott des Alltags, der sich zweifellos bald wieder einstellen würde.
Sie sehnte sich danach, noch einmal jene anrührende Tiefe zu erfahren, die das Leben weit und schön macht. Wo anders sollte sie suchen, als dort, wo wenigstens der starre Leib Jesu liegen sollte? Marias Sehnsucht war stärker als der Schrecken vor dem Leblosen. Und sie blieb nicht unerfüllt: Plötzlich brach eine Erfahrung in die Leere des Grabes ein, plötzlich waren da Trost und Staunen und Freude. Aber gleich darauf hörte sie: «Halte mich nicht fest!».

Es gibt sie heute noch, die kostbaren Momente von geschenkter Erfüllung. Kennen Sie auch welche? Sie gehen vielleicht im Wald spazieren, meditieren wie sonst immer oder sind ganz unabsichtlich still über einer Tasse Tee – und auf einmal ist der Augenblick dichter als gewöhnlich, in ihm liegt ein Mehr und Ehrfurcht kommt auf.
Ich hüte solche Erfahrungen wie einen liebgewonnen Schatz. Sie sind ein Reichtum. Und Reichtum will wachsen! Aber da steht dieses fordernde Wort: «Halte mich nicht fest; … geh aber zu meinen Brüdern!».

Die spirituellen Erfahrungen, nach denen viele Menschen – «gläubige» und andere – heute suchen, sind sehr wertvoll. Denn sie bedeuten mehr als nur schöne Momente: Sie gleichen Quellen, an denen man schöpfen und weitergehen kann – ein wenig erlöster als zuvor, und kräftiger entschlossen, der Welt ein Bruder oder eine Schwester zu sein. Der Weg vom leeren Grab führt nach Galiläa, in den Alltag. Die wirkliche Bedeutung einer Erfahrung zeigt sich erst im Handeln. Wenn unsere Kirchen darum leer wären – ein Glück!

Nicola Mohler 35, arbeitet für die Zeitung «reformiert.». Sie hat Arabistik studiert, mehrere Jahre im Nahen Osten gelebt und gearbeitet. Sie lebt heute in Muri.

Noli me tangere

Mit einem festlich geschmückten Frühstücks-tisch mit Ankezopf, Eiern und Fruchtsaft sowie den Klängen von Johann Sebastian Bach haben wir in unserer Familie viele Jahre Ostern zelebriert. Diese Erinnerung aus meiner Kindheit ist mir so präsent, wie das Glöckchenklingeln zur Weihnachtsbesche-rung.

Wie an Weihnachten so stand auch an Ostern nicht die Geschichte Jesu im Zentrum, sondern immer das Zusammensein, die fami-liären Rituale. Ohne damals die Bedeutung des Feiertages für uns Christen zu kennen, bringe ich mit dieser Kindheitserinnerung immer eine fröhliche Stimmung in Verbindung. Heute weiss ich, wie wichtig Ostern für Chris-ten ist. Wir feiern mit der Auferstehung Christi von den Toten den Sieg des Lebens.

Fulbert Steffensky sagte einmal in einem Interview, Ostern sei ein schwieriges Fest. Denn wer das Leben feiern wolle, müsse den Tod respektieren. Und das gelingt nicht immer. Zwar ist der Tod ein natürlicher Teil des Lebens, und wir alle müssen uns ihm früher oder später stellen. Trotzdem verdrängen wir ihn allzu oft.
Vielleicht auch deshalb, weil eine Mehrheit der Menschen nicht mehr an ein Jenseits glaubt – dass der Tod nicht das Ende ist.

Der Zeitforscher Karlheinz Geissler antwortete auf meine Frage, ob es sich mit dem Glauben an das Jenseits entspannter Leben würde: «Der Glaube ans Jenseits entlastet unser irdi-sches Dasein. Wir müssen nicht alles jetzt erledigen, weil es ja noch ein Leben nach dem Tod gibt.» Dieser Satz beeindruckte mich. Gerne würde ich ihn in meinen Alltag integrieren. Doch bis anhin leider erfolglos.

Susan Glättli 38, die Geografin hat sich der Nachhaltigkeit und der Kommunikation ver-schrieben. Sie liebt Worte, nicht-festgehaltene Musik, Wildnis und integre Menschen.

Unerkannt

Die geistigen Lehrer erkennen wir nicht immer auf den ersten Blick. Weniger, weil er oder sie Sonnenbrille und Mütze trägt. Mehr, weil ihre äussere Form nicht dem entspricht, was wir erwarten. Manchmal ist es eben ein Gärtner oder ein freundlicher, schweigsamer Kamin feger, der uns Weisheit näherbringt.
Oder sogar eine unangenehme Erfahrung, die zuerst Fluch(t)reflexe auslöst, uns dann aber zur Ein-sicht bringt. Etwa dass mir der Busfahrer die Türen vor der Nase schliesst und mich stehen lässt, obwohl ich doch dringend auf den Zug muss. Kaltherzig, rücksichtslos! Oder doch einfach neutral und pflichtbewusst? Eigentlich bin ich ja schlicht zu spät losgegangen.

Wir sollen dafür sorgen, dass es uns und den anderen gut geht, uns von Ängsten lösen, Missgunst, Neid und Hass vermeiden – so die Lehre. Sie fordert uns im Alltag heraus, verpackt in tausend kleine Situationen. Sie wandert verkleidet als Personen aus unserem Umfeld. Ob wir sie dahinter sehen, hängt von unserer Aufmerksamkeit ab.
Ich kann mich beispielsweise ärgern über den riesigen, glänzenden Geländewagen mit Ladefläche, der regelmässig durch die Flaniermeile im Quartier fährt. Oder mich nicht ärgern. Ich kann mich davor fürchten, mich unbeliebt zu machen, indem ich vehement für Nach- haltigkeit einstehe. Oder mich nicht fürchten. Ich habe die Wahl.

Den «Wegweiser» in verschiedenen Personen oder Erfahrungen zu erkennen ist Herausforderung und Übungsfeld zugleich. Kürzlich nahm sich eine Sekretärin Zeit, geduldig zu zuhören und zu verstehen, was ich eigentlich wollte. Obwohl sie für mein Anliegen nicht zuständig war, bemühte sie sich, mir die richtigen Kontaktpersonen anzugeben und zu erklären, wie ich am besten vorgehen könnte. Voller Respekt und Anteilnahme.

Wann habe ich zuletzt so gehandelt? Ich wünsche mir jedenfalls, dass es mir gelingt, Menschen eben-so zu begegnen. Und wenn es mir nicht immer gelingt, so habe ich Gelegenheit genug zu üben. Ermutigt durch das neu erwachte Leben, das uns Ostern bringt, kann ich von Neuem üben, Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln. Und den Busfahrer nicht zu ver wünschen.

Christina Brun 25, Multimedia Producerin. Ihre Geschichten bewegen sich auf dem schmalen Grat der Symbiose von Kunst und Journalismus. Sie lebt in St.Gallen.

Stolze Mutter Fauza, Syrerin

«Ich war diejenige, welche die Entscheidung in meiner Familie traf, dass wir Syrien verlassen mussten. Es war zu gefährlich und ich wollte nicht zusehen, wie meine Familie stirbt. Ich sagte ihnen, dass wir jetzt gehen.

Wir werden diesen Ort hier verlassen. Ganz am Anfang ging ich alleine in den Libanon. Ich wollte mir ein Bild vor Ort machen und sehen, ob es sicher für uns ist. Danach brachte ich den Rest meiner Familie. An der Grenze wurden wir von der syrischen Armee angehalten. Mein Sohn war im perfekten Alter für das Militär und sie wollten ihn behalten.
Sie sagten uns, dass er nicht gehen kann. Dies war keine Option für mich. Ich stellte mich vor ihnen auf, schaute ihnen tief in die Augen und sagte: «Nein!»Für mich war klar, dass er hier nur sterben würde. Ich sagte den Soldaten, dass mein Sohn mit uns kommt. Ich erklärte ihnen, dass wir ihn Ostern jetzt brauchen, ich ihn später aber zurückschicken werde.

Mir ist es ein Rätsel, wieso sie damit einverstanden waren, aber sie liessen uns gehen. Mein Sohn ist immer noch bei mir. Niemals würde ich ihn in den Krieg schicken.»

Anna von Däniken 21, die Interlaknerin studiert Humanmedizin in Fribourg. Die Jubla ist ihr eine Lebensschule. Sie spielt Geige und Gitarre, liebt die Natur und will den Menschen helfen.

In das Geheimnis eintreten

Ostern und insbesondere die Osternacht ist für mich, seit ich Kind war, die eindrücklichste Feier. Eigentlich das wichtigste Fest für die Christenheit, merke ich von Ostern aber immer weniger, vor allem wenn ich mit meinen Freunden über Ostern spreche. Ostern feiern? Nein, wieso denn?

Weihnachten ist für die Meisten noch ein Begriff, sei es wegen der Geschenke, dem oft beklagten Weihnachtsstress, sei es wegen dem alljährlichen grossen Familienessen, oder vielleicht doch sogar noch wegen all dem, was dahintersteht: die Geburt Jesus. Aber Ostern?
Ausser dem Hasen und der Osternestsuche bleibt nicht viel von Ostern übrig. Keine Geschenke, kein grosses Familienessen. Also wieso feiern? Was feiern?

In der Osternacht 2017 sagte Papst Franziskus in seiner Predigt: «Man kann Ostern nicht erleben, ohne in das Geheimnis einzutreten. Es ist keine intellektuelle Angelegenheit, es bedeutet nicht nur erkennen, lesen… Es ist mehr, viel mehr! Ins Geheimnis einzutreten bedeutet die Fähigkeit zum Staunen, zur Betrachtung; die Fähigkeit, in die Stille hineinzuhorchen und das klangvolle Säuseln zu hören, in dem Gott zu uns spricht.».

Ich denke, treffender kann man es nicht sagen. Als Maria Magdalena Jesus als Erste wiedersieht, und er zu ihr die bekannten Worte «Noli me tangere», «rühr mich nicht an» spricht, was hat er da wohl gemeint? Die neuere Bibelauslegung übersetzt dies etwas anders, nämlich «halte mich nicht fest». Maria befindet sich in einer Situation, die jeder von uns auch kennt. Es ist etwas Unglaubliches geschehen und man will es festhalten, beschützen, nicht loslassen.
Aber ich glaube, es ist genau das, was Jesus zu ihr sagt, worum er sie bittet. Loslassen. Loslassen von dem was wir sehen, halten, von gewissen Vorstellungen und Erklärungen, die wir umklammern, um das grössere Ganze überhaupt wahrzunehmen zu können.

Jesus sagt ihr, dass er nicht mehr im gleichen Zustand ist wie vorher, und dass sie nicht versuchen soll, diesen festzuhalten. Und gleichzeitig gibt er ihr auch eine Aufgabe. Sie soll die erste Ver-künderin der Auferstehungsbotschaft sein. Was bedeutet das für mein Leben? Ich, wir alle, versuchen uns in schwierigen aber auch in schönen, eindrücklichen Momenten irgendwo festzuhalten, sowohl materiell als auch geistig.
Wir suchen nach Erklärungen für etwas, wofür es keine nach unseren Massstäben logische und vernünftige Erklärung gibt. Loslassen. Staunen. Das eigene Ich und die eigene Meinung einfach mal zurücklassen. Damit man sich öffnen kann. Damit wir selber zu Trägern der Auferstehungsbotschaft werden können.

Für mich war ein Merkmal eines christlichen Lebens immer, dass es ein ständiges Aufbrechen ist. Ein Leben in der Auferstehungsbotschaft und ein immer neues Aufbrechen hin zur eigenen Auferstehung.

Ich bin überzeugt, es kann für jeden von uns Ostern werden, ein Freudenfest!