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Hat Papst Franziskus die Kontrolle verloren? (2)

Teil 2 der Serie «Der Aussenblick»: Die liberale Revolution erreicht Solothurn

Aus den Regionen, wo die Reformation im 16. Jahrhundert ihren Ursprung nahm, kommt neues Ungemach. Der «Synodale Weg» fordert Rom heraus und bringt die Kirche an den Rand des Schismas. In der Schweiz erreicht die «liberale Revolution» Solothurn im November 2023.

Das Newsportal POLITICO hat eine umfassende Recherche über das Hadern liberaler Katholik:innen in Deutschland und der Schweiz mit Papst Franziskus veröffentlicht (englischsprachiger Originaltext). Der Aussenblick ist spannend, denn er ist aus der Perspektive des eher konservativen amerikanischen Katholizismus verfasst.

Eine zentrale These für den deutsch-schweizerischen Liberalismus: Die hiesige katholische Mentalität ist durch einen kulturellen Protestantismus geprägt. Auch Bischof Felix Gmür kommt zu Wort.

Das «pfarrblatt» veröffentlicht den Text in drei Teilen in deutscher Übersetzung.
Teil 1: Ein liberales Schisma made in Germany?
Teil 2: Die liberale Revolution erreicht Solothurn
Teil 3: Die Geister, die er rief, sind Kulturprotestanten

Teil 2 der Serie «Der Aussenblick»: Ein belagerter Bischof und ein glückloser Papst

Ben Munster, POLITICO
(Übersetzung: Annalena Müller)

Im Januar empfing Bischof Felix Gmür POLITICO in seiner Residenz in Solothurn, dem Sitz des Bistums Basel. Während Schnee auf die Tannen um seinen beeindruckenden Hauptsitz fiel, berichtete der Bischof vom Fiasko, das seine Kirche erfasst hat.

Luzerner Aufstand gegen den Bischof

Die Revolution klopfte im November 2023 an Gmürs Tür, als ihm  Kirchgänger:innen aus dem Kanton Luzern, der zum Bistum Basel gehört, vier Forderungen zur Bekämpfung von Missbrauch vorlegten. Wenige Wochen zuvor war die Schweiz von einer Reihe erschreckender Enthüllungen erschüttert worden. Die Luzerner Synode – ein Laienparlament, das in Teilen über die Kirchensteuer befindet und damit auch die Arbeit des Bistums mitfinanziert – verlangte von Felix Gmür unter anderem die Einrichtung einer externen Stelle zur Untersuchung von Missbrauchsfällen sowie eines Archivs, um die Vernichtung von Dokumenten zu verhindern.

Wie in Deutschland zeigt auch dieses Ereignis die wachsenden Spannungen zwischen Klerus und Gläubigen. Der grosse Unterschied besteht jedoch darin, dass die Luzerner Kirchenmitglieder bereit waren, sehr weit zu gehen. Die Synodalen setzten sie sich nicht für eine neue, wohlwollende Aufteilung der Macht ein. Sie drohten vielmehr damit, Felix Gmür rund eine halbe Million Franken vorzuenthalten, sollte er ihre Forderungen nicht erfüllen.


Für einige war das ein erschreckender Präzedenzfall: «Wenn man das Geld hat, hat man jetzt die Macht gegen den Bischof», sagt Urs Corradini, Diakon im Bistum Basel. «Das ist wirklich gefährlich. Die Macht muss beim Papst, den Bischöfen und den Priestern liegen.» Andernfalls bestehe die Gefahr, dass Glaubensfragen einer demokratischen Entscheidungsfindung unterworfen werden – «und dann entscheidet die Gruppe, ob man an Christus glauben will oder nicht.»

«Es ist ein Krieg»

Auch wenn der Streit noch gütlich beigelegt werden kann, war Bischof Gmür empört, dass er überhaupt entstanden ist. «Ich habe gesagt: Ihr seid nicht meine Vorgesetzten. So geht das nicht!». Nur teilweise scherzhaft fügt er hinzu: «Es ist ein Krieg».

Natürlich sind Kommissionssitzungen und Scheckbücher noch keine Heugabeln und Fackeln. Aber die Ereignisse, die Mitteleuropa erschüttern, haben konservativere Kirchenführer alarmiert. Diese befürchten, dass Bestrebungen wie die in Berlin, Brüssel und Basel den geschwächten Bischöfen säkulare Richtlinien aufzwingen könnten.

Als sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) letzten November in Berlin versammelte, gab Stanislaw Gadecki, der mächtige Ex-Erzbischof von Posen, dem Catholic World Report ein Interview. Darin verglich er die Debatte in Deutschland mit der protestantischen Reformation, welche die Kirche im 16. Jahrhundert zerrissen hat. «Die Dokumente, über die [die Deutschen abstimmen], schöpfen reichlich aus der protestantischen Theologie und der Sprache der modernen Politik», sagt der polnische Bischof.

«Der Papst ist nicht liberal»

Andere finden, die Deutschen spielten mit dem Feuer, wenn sie glaubten, dass die 2’000 Jahre alte Kirche mit ihrer grundsätzlich autoritären Hierarchie jemals wie eine moderne Demokratie funktionieren könnte.

«Sie haben den Papst falsch verstanden, der Papst ist nicht liberal», sagte Kardinal Jean-Claude Hollerich, ein enger Verbündeter von Franziskus, gegenüber POLITICO. Hollerich sieht die deutsche Kirche als Opfer von «aggressivem Lobbyismus» und einer Polarisierung im Stil des Kulturkampfes in den USA. Solche Politik, fügt der Kardinal düster hinzu, «zerstört die Einheit der Kirche».


Was hält Franziskus von all dem?

Der Pontifex hat zwar kaltes Wasser auf das deutsche Feuer gegossen. Aber von einem harten Durchgreifen hat er abgesehen. Franziskus ist sich bewusst, in welch prekärer Lage sich die europäische Kirche befindet, der die Mitglieder in Scharen davonlaufen. «Der Glaube ist in Europa und in weiten Teilen des Westens keine selbstverständliche Voraussetzung mehr. Sondern er wird oft verleugnet, verspottet, ausgegrenzt und lächerlich gemacht», sagte der Pontifex in einer Rede vor Kirchenfürsten im Jahr 2019.

Als Papst hat Franziskus versucht, die Grenzen dessen, was in der Kirche geht, zu erweitern. Aber Franziskus kollidiert dabei immer wieder mit der Starrheit der Struktur und der Lehre. Oder er stolpert über seinen eigenen chaotischen Ansatz zur theologischen Politikgestaltung. Die Skandale des Papstes folgen einem mittlerweile vertrauten Rhythmus. Franziskus bringt beiläufig eine progressive Idee ins Spiel. Daraufhin erntet er heftigen Widerstand von der Rechten und zieht sich zurück. Das wiederum verärgert die Linke. Tage, Monate oder gar Jahre später präsentiert er eine abgeschwächte Version seines ursprünglichen Vorschlags, nur um noch mehr Gegenwind und noch grössere Verwirrung zu provozieren.

Prekäre «Kirche der zwei Geschwindigkeiten»

Das Ergebnis dieses chaotischen Prozesses ist eine prekäre «Kirche der zwei Geschwindigkeiten», in der Franziskus versucht, beide Seiten zu beschwichtigen, indem er die Anwendung seiner Entscheidungen dem Ermessen der Ortskirchen überlässt. Diese Idee ist ebenso revolutionär wie bezeichnend für die zunehmende Verzweiflung im Vatikan. Zwar gab es schon immer ein gewisses Mass an «Jedem das Seine» in Bezug auf regionale Unterschiede, doch selten war dies bisher päpstliche Politik.

Am besten veranschaulicht die Veröffentlichung von Fiducia supplicans im Dezember diesen Ansatz. Fiducia supplicans ist eine päpstliche Erklärung, die das Recht der Priester bekräftigt, gleichgeschlechtlichen Paaren einen einfachen Segen zu erteilen. Mit der Veröffentlichung des Schreibens sah es zunächst danach aus, als ob der Papst seine Meinung nach Jahren der Zweideutigkeit geändert habe. Bis dato hatte der Papst homosexuelle Katholik:innen auf einer persönlichen Ebene umarmt, während er hart gegen institutionelle Bemühungen vorging, Segnungen voranzutreiben – vor allem 2021 in Deutschland.


Fiasko «Segen für alle»

Doch die anfängliche Begeisterung der Liberalen über Fiducia supplicans schlug in Enttäuschung um, als Franziskus deren Bedeutung nach lautstarken Protesten konservativer Katholik:innen herunterspielte. Eine Klarstellung des Vatikans hielt gar fest, Fiducia supplicans beziehe sich nur auf auswendig gelernte, vorgefertigte Segnungen, von der gleichen Art, die ein Priester auch einem skrupellosen Geschäftsmann anbieten könnte, wenn er wollte. So drückte Franziskus es selbst später aus.

Die Segnung für homosexuelle Paare sollten nicht länger als 10-15 Sekunden dauern, heisst es in der nachgeschobenen Klarstellung. Und weiter, dass der Segen in Regionen, in denen er als «unklug» angesehen würde, völlig ignoriert werden könne. Keinesfalls sollte Fiducia supplicans als formale, lehrmässige Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften missverstanden werden. Diese, so machte die Präzisierung deutlich, seien nach wie vor sündhaft.

Die Verbündeten des Papstes würden wohl sagen, dass all dies beabsichtigt war. Denn Fiducia supplicans ist in der gleichen Haltung verwurzelt, die Franziskus' «Wer bin ich, um zu richten?» sagen liess. Der Papst hat das Lehramt nicht geändert. Aber das Ziel von Fiducia supplicans sei es, die Priester aufzurufen, sich weniger auf Sünde – insbesondere sexuelle Sünde – zu fixieren und darauf zu verzichten, Kirchgänger:innen einer «erschöpfenden moralischen Analyse» zu unterziehen. Schliesslich sündigen Priester genauso viel wie jeder andere Mensch – und manchmal sogar mehr.

Niemand ist zufrieden

Zufrieden war trotzdem niemand. Traditionalist:innen monierten, dass die Erklärung auf einen moralischen Relativismus hinauslief, der ohne Vorwarnung von oben aufgezwungen wurde. Für Progressive war das Hin und Her eine Erinnerung daran, dass der Papst im Herzen ein Konservativer ist und seine Unterstützung für LGBTQ+ Anliegen eine klare Grenze hat. (Berichte über die Verwendung des homophoben Wortes «frociaggine» durch Papst Franziskus im Rahmen einer Diskussion über homosexuelle Priester, haben diesen Eindruck in den letzten Monaten verstärkt).

Schlimmer noch, zeitgleich mit der Kontroverse um Fiducia supplicans erschienen Berichte über den Autor des Dokuments, den neu ernannten Kardinal Victor Fernandez. Dieser hatte als junger Priester ein Buch über Küsse und Orgasmen geschrieben. Fernandez ist ein langjähriger Protegé von Franziskus. Der Papst hatte ihn erst jüngst zum Leiter des Dikasteriums für die Glaubenslehre ernannt, der vatikanischen Behörde, die über die Reinheit der katholischen Lehre wacht. Fernandez wurde schnell zur Zielscheibe des konservativen Aufschreis. Obwohl Fiducia supplicans nie offiziell zurückgenommen wurde, ist es heute insbesondere für Konservative so, als hätte es die Erklärung nie gegeben.

Lesen Sie in Teil 3: Warum Franziskus’ Kurs auf eine mögliche Kirchenspaltung zusteuert.

Teil 1: Ein liberales Schisma made in Germany?

 

POLITICO

Ist ein amerikanisches Onlinemagazin und gehört zu den wichtigsten Medien im Washingtoner Politikbetrieb. Die Journalist:innen rekrutieren sich vor allem aus dem Umfeld der US-amerikanischen Leitmedien Washington Post und Financial Times. Politisch wird das Magazin der amerikanischen Mitte zugeordnet.

Seit 2015 exisitiert POLITICO EUROPE mit Sitz in Brüssel und Büros in Berlin, London und Paris. Chefredakteur ist seit 2021 der ehemalige Leiter der Financial Times Asia, Jamil Anderlini.

Kirchenberichterstattung von POLITICO und POLITICO EUROPE sind säkular und am ehesten vergleichbar mit der NZZ oder FAZ. Die Perspektive POLITICO ist eine dezidiert amerikanische, die in Sachen Katholizismus und Kirchenreform traditioneller ist als im deutschsprachigen Raum. Der hier wiedergegeben Artikel ist daher als «Aussenblick» zu verstehen. (am)

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