Bosnien skizziert

Wie ist Bosnien und Herzegowina strukturiert?
Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei Teilstaaten. Die Republik Srpska (serbisch, orthodox) und die Föderation Bosnien und Herzegowina (Bosniaken/muslimisch; Kroaten/katholisch). Die drei nationalistischen Parteien der Serben, Kroaten und Bosniaken sind seit Kriegsende an der Macht und blockieren jede Entwicklung. Sie sind vor allem auf Machterhaltung und Sicherung von Privilegien aus.

Wie ist die Situation seit dem Kriegsende 1995?
Seit dem Krieg in Bosnien und Herzegowina (1992-95) sind eine Million Flüchtlinge und Hunderttausende Vertriebene zurückgekehrt, die Mehrheit nicht in die ehemaligen Wohnorte. Zerstörte Häuser und Infrastruktur wurden wieder aufgebaut. 
Die wirtschaftliche und soziale Situation ist desolat: über 40% Arbeitslosigkeit. Viele Jugendlichen möchten das Land verlassen. Trotz Auslandhilfe sind die staatlichen Dienstleitungen in Gesundheit, Bildung, Altersvorsorge weiter abgebaut worden.

Warum gab es Krieg in den Ländern Ex-Jugoslawiens?
Die Wurzeln der Grausamkeit und der Gewaltausbrüche liegen nicht in der Balkanmentalität  Der Krieg entstand nicht als Folge eines Hasses unter Bevölkerungsgruppen, wie das die Propaganda weismachte. Die Ursachen liegen im wohlüberlegten Gewalteinsatz machthungriger, nationalistischer Staatsführungen. Dass unter Tito nationalistische Parteien die einzige Opposition bleiben und demokratische Bewegungen beseitigt wurden, hat die Zerfallskriege erst möglich gemacht. Nationalistische Eliten, kirchliche Würdenträger und Medien bedienen sich auch nach dem Krieg weiterhin nationalistischer Propaganda.

Wieso ist der Staat Bosnien und Herzegowina instabil?
Die verschiedenen Völker in Jugoslawien haben eine lange Tradition des Zusammenlebens. Sie lebten jedoch nie in einem demokratischen System zusammen. In der bosnischen Verfassung haben ethnische Rechte Vorrang vor individuellen Rechten. Die Kategorie „Bürger/Bürgerin" gibt es nicht. Ein nach ethnischen Prinzipien aufgebautes Staatengbilde wird instabil bleiben und wieder Konflikte auslösen. Die gleichen nationalistischen Kräfte, die den Krieg anzettelten, sind an der Macht.

Sind die Religionen schuld am Krieg?
Der Krieg wurde aus politischen Gründen geführt. Weil im zerfallenden Jugoslawien Parteien und Armee auseinanderbrachen, stützen sich nationalistische Politiker auf die Religionsgemeinschaften. Die muslimische Glaubensgemeinschaft, grosse Teile der katholischen Kirche und etwas weniger die serbisch-orthodoxe Kirche (weil sich die Serben auf die Überreste der jugoslawischen Volksarmee stützen konnten) liessen sich für die Ziele der jeweiligen Nationalisten einspannen. Die Religionsgemeinschaften trugen nicht zur friedlichen Konfliktlösung bei. Gemeinsame Friedensgebete und interreligiösen Dialog gab es in katholischen, evangelischen, muslimischen und jüdischen Basisgruppen.

Machten alle mit?
Die Tito-Enkelin Svetlana Broz hat Berichte gesammelt, von Personen, die sich im Krieg für Angehöriger anderer ethnischer Gruppen einsetzten und sich weigerten dem nationalistischen Wahnsinn zu verfallen. Sie zeigt, wie sich in Bosnien und Herzegowina viele Menschen weigerten ihr eigenes Leben zu retten, indem sie für andere einstanden. Das war weder abhängig von der Volks- noch der Religionszugehörigkeit. Die Gründe für die Zivilcourage waren: Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, das gute Einvernehmen vor dem Krieg und die Verantwortung für andere Menschen unabhängig ihrer Volks- und Religionszugehörigkeit.

Quelle: René Holenstein, Dieses Schicksal unterschreibe ich nicht, Zürich 2007

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