Foto: Kornhausbibliotheken

Lesen öffnet Welten

Das Projekt «Lesetandem» an den Kornhausbibliotheken übertrifft die Erwartungen und ermöglichst Teilhabe an Bildung und Kultur.

Das Projekt «Lesetandem» hat die eigenen Erwartungen übertroffen. Der Bedarf ist hoch, aber auch das Engagement von Freiwilligen.

Christian Geltinger

 

«Meine Frau hat mir den Flyer hingelegt und gemeint, das wäre doch was für dich!» Jost Steiner ist der einzige Mann im Team der Lesetandems. Der pensionierte Mediziner hat zwar selbst ein vierjähriges Grosskind, das seinen Opa gerne auf Trab hält, engagiert sich aber schon seit längerer Zeit ehrenamtlich, unter anderem bei pro senectute, wo er Geflüchteten geholfen hat, die deutsche Sprache zu lernen.

Katholische Kirche finanziert

Es ist einfach nur beglückend zu erleben, mit welcher Begeisterung sich die drei Senior:innen engagieren, die sich an einem Dezembermorgen mit der Katholischen Kirche Region Bern und Daniel Oberli von den Kornhausbibliotheken zum Erfahrungsaustausch treffen. Oberli ist der Projektleiter des Projekts Lesetandem, das unter anderem auch im Kanton Aargau erfolgreich durchgeführt wird: «Im Kanton Aargau wird das Projekt vom Kanton mitfinanziert. Das ist im Kanton Bern leider nicht der Fall. Daher sind wir sehr dankbar, dass die Katholische Kirche hier in die Bresche springt und damit dieses tolle Projekt ermöglicht.»

Weg zur Bildung

Bildung für alle ist ein zentrales Thema, für das sich die Katholische Kirche mit dem Fond für diakonische und soziale Projekte einsetzt. Mit den Lesetandems, die in den Zweigstellen Ostermundigen, Zollikofen und Gäbelbach angeboten werden, wollen die Kornhausbibliotheken bildungsferne Familien unterstützen, die zu einem überwiegenden Teil Migrationshintergrund haben. «Gerade in Gäbelbach sind wir an einem sozialen Brennpunkt, wo Kinder kaum Aufstiegschancen haben. Lesen ist für mich vor allen Dingen der Weg zur Bildung», so Ayse Barbier. Die 77-jährige Ärztin hat selbst Migrationshintergrund, ist in der Türkei geboren. Sprachen sind ihre Leidenschaft. Erste Erfahrungen mit Unterrichten hat sie bereits gesammelt, als sie die Kinder einer Mitarbeitenden bei den Hausaufgaben unterstützte. Einmal sei die Mutter zu ihr gekommen und habe gesagt, sie hätte nun selbst ein Buch gelesen und hätte unendlich viel geweint. Sie fragte sich, ob das Lesen immer so traurig sei. «Das Buch war das Tagebuch der Anne Frank.» Lesen ist die Konfrontation mit den eigenen Gefühlen, auch das ist eine Erfahrung.

Eine Frage der Konzentration

Es muss nicht jede:r eine ausgebildete Lehrperson sein wie Ilse Pressmann aus Zollikofen. Sie hat 43 Jahre an der Oberschule unterrichtet. Einen Nachmittag in der Woche hält sie sich frei für das Freiwilligenamt. Anders als ihre beiden Kolleg:innen begleitet sie im Lesetandem deutschsprachige Kinder. Wie so häufig ist das Lesen vor allen Dingen eine Konzentrationsfrage. Ob nun diagnostiziertes oder nicht diagnostiziertes ADHS, das Phänomen des «Zappelphilipps» hätte es nach ihrer Erfahrung schon immer gegeben. Ist die Herausforderung bei den Kindern in der Primarschule das ruhige Sitzen am Platz, wird die Aufmerksamkeitsspanne bei den Älteren vor allem von den sozialen Medien definiert. Dabei ist Ilse Pressmann alles andere als pessimistisch. Es würde nach wie vor sehr viel gelesen.

Freude an Kindern und Spass am Lesen

Drei Personen mit drei jeweils unterschiedlichen Hintergründen. Da stellt sich die Frage: Was muss man als freiwillige Person mitbringen, um Lesetandems durchzuführen? Für die Kornhausbibliotheken sei in erster Linie entscheidend, dass die Erwachsenen Freude an der Arbeit mit Kindern und selbst Spass am Lesen haben, so Daniel Oberli. Wenn zusätzlich noch (heil)pädagogische Erfahrung, zum Beispiel aus dem Lehrberuf, dazu kommt, sei das hilfreich, ist aber nicht zwingend erforderlich. Der Katholischen Kirche Region Bern, die seit 2023 über ein ausgefeiltes Präventions- und Schutzkonzept verfügt, war es wichtig, dass auch hier die Standards eingehalten werden - ein Anliegen, das die Kornhausbibliotheken selbstverständlich ebenfalls teilen.

Was heisst zuverlässig?

Die Eltern der Kinder im Zielalter werden über den schulischen Kommunikationskanal Klapp über das Angebot informiert und können ihr Kind dann anmelden. So wird gewährleistet, dass diejenigen Eltern vom Angebot erfahren, welche bisher noch keinen Kontakt mit der Bibliothek hatten. Natürlich sei auf beiden Seiten eine gewisse Zuverlässigkeit erforderlich, um die regelmässigen Termine gewährleisten zu können. Ayse Barbier, die eine 12-jährige Jugendliche begleitet, weiss ein Lied davon zu singen: «Am Anfang war die Motivation noch sehr gedämpft und es war immer irgendetwas anderes. Aber wir haben uns immer ehrlich unsere Meinung gesagt und nach drei bis vier Mal war das Eis gebrochen. Heute kommt sie selbst mit Fragen. Neulich hat sie mich gefragt, was das Wort zuverlässig heisst», sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Das Thema Zuverlässigkeit ist auch Jost Steiner ein Anliegen: «Wir nehmen uns gerne die Zeit, es ist aber auch wichtig, dass die Eltern und Kinder es ernst nehmen.» Interessierte gibt es genug. Anfangs waren 30 Tandems angedacht, mittlerweile sind es rund 50.

Teilhabe und Integration

Es sind aber auch die zusätzlichen positiven Effekte neben der Verbesserung der Lesefertigkeit, die das Projekt Lesetandems so wertvoll machen. «Einmal in der Woche bekommt ein Kind 45 Minuten komplette Aufmerksamkeit», so Barbier. Oft käme die ganze Familie mit in die Bibliothek, um dort die Zeit des Unterrichts zu verbringen, weiss Jost Steiner zu berichten. Der Effekt für die ganze Familie, für deren Integration und deren Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben ist nicht hoch genug einzuschätzen. Knapp 800.000 Erwachsene in der Schweiz können nicht richtig lesen und schreiben. Wer weiss, vielleicht liesse sich das Projekt perspektivisch auch auf diese Gruppe erweitern?

 

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