Gemeinderätin Franziska Teuscher mit dem Leitenden Priester des Pastoralraums Region Bern, Ruedi Heim, an der Medienkonferenz zur Überbrückungshilfe. (Foto: Rechsteiner)

Versteckte Armut bekämpfen

Für Überbrückungshilfen spannt die Stadt Bern mit der Kath. Kirche Region Bern zusammen

Die Stadt Bern startet ein Pilotprojekt für Überbrückungshilfen. Es beinhaltet niederschwellige Hilfen für armutsbetroffene Menschen, die keine Sozialhilfe beziehen. Durchgeführt wird das Pilotprojekt durch die Fachstelle Sozialarbeit der Katholischen Kirche Region Bern.

"Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen." Mit dem Zitat aus der Präambel der Schweizer Bundesverfassung begann Franziska Teuscher die Medienkonferenz zur Überbrückungshilfe in der Stadt Bern. Als Direktorin für Bildung, Soziales und Sport erläuterte die Berner Gemeinderätin, wie Corona drastisch vor Augen geführt hat, "dass wir ein bedeutendes Problem mit versteckter Armut haben. Unerwartet viele Menschen nehmen trotz Notlage keine Sozialhilfe in Anspruch."

Nun sollen in der Bundesstadt niederschwellige Hilfen Personen ein menschenwürdiges Dasein sichern, die aus Angst vor negativen Konsequenzen den Kontakt mit Behörden vermeiden. Dadurch können sie durch die sozialen Maschen fallen und nehmen eine existenzbedrohende Notlage in Kauf. Hier soll die Überbrückungshilfe der Sicherung des Lebensbedarfs für Wohnen, Essen, Kleidung und Gesundheit dienen. Sie umfasst zudem eine bedarfsorientierte Kurzberatung. Dabei wird mit den Antragstellenden eine Standortbestimmung gemacht und bei Bedarf weiterführende Unterstützung vermittelt.

Ziel der Überbrückungshilfe ist der Schutz vor unmittelbarer Not und die Stabilisierung oder Verbesserung der finanziellen Situation von Personen in prekären Lebenslagen. Insbesondere sind dies armutsbetroffene Ausländer*innen mit gültigem Aufenthaltsstatus B, C, F oder L, Sexarbeiter*innen und Sans-Papiers. Mit einem Flyer und der via QR-Code erreichbaren Webseite www.überbrücken.ch erhalten die Betroffenen in sieben Sprachen detaillierte Infos zu Sinn, Zweck und Vorgehen des Angebots.

Erfahrungen aus der Corona-Pandemie

Die Überbrückungshilfe soll niederschwellig sein und ohne Angst vor Behördenkontakten genutzt werden können. Die Stadt will deshalb nicht als Hauptakteurin in Erscheinung treten, sondern mit Hilfsorganisationen ausserhalb der Verwaltung zusammenarbeiten. Mit der Fachstelle Sozialarbeit der Katholischen Kirche Region Bern hat die Stadt schon im Rahmen der Corona-Nothilfen erfolgreich zusammengearbeitet. Sie verfügt über bekannte Beratungsangebote in den Quartieren und einen breiten Zugang zu den Zielgruppen.

Die kirchliche Fachstelle wird aber auch mit anderen sozialen Organisationen zusammenarbeiten. Auf diese Weise sollen auch Personen erreicht werden, die vor allem mit spezialisierten Beratungsstellen in Kontakt treten, wie Sans-Papiers oder Sexarbeiter:innen. Diese Organisationen können über ein elektronisches Datenverarbeitungssystem ebenfalls Anfragen auf Leistungen an die katholische Fachstelle einreichen.

Wissenschaftliche Begleitung

Das Pilotprojekt wird vom runden Tisch Armut der Stadt Bern begleitet sowie von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) wissenschaftlich überprüft. Dabei soll geklärt werden, ob die Zielgruppen erreicht werden, welche Anschlusslösungen gefunden werden und aus welchen Gründen die Personen Anträge auf Sozialhilfe vermeiden.

Der Gemeinderat hat den Leistungsvertrag mit der Katholischen Kirche Region Bern und den Begleitauftrag an die ZHAW genehmigt. Die für das Pilotprojekt benötigten Mittel von insgesamt rund 220'000 Franken sind in der Strategie zur Förderung der beruflichen und sozialen Integration für die Jahre 2022 bis 2025 enthalten, die der Stadtrat im Juni 2022 zustimmend zur Kenntnis genommen hat.

 

Medienberichte zur Überbrückungshilfe: