Was gewinnen wir, wenn wir weniger verbrauchen?

Ein Gespräch mit einer Pionierin eines suffizienten Lebensstils.

Weihnachten ist bei vielen auch das Fest des Überflusses. Dabei gewinnen wir eine Menge, wenn wir weniger verbrauchen. Zoe Lehmann, Mitarbeiterin des Fachzentrums der Katholischen Kirche Region Bern, hat ihren Arbeitsplatz im DOCK8, wo sie im Auftrag der Katholischen Kirche für das Netzwerk Nachhaltigkeit tätig ist. Sie hat mit Personen wie Rebecca Müller gesprochen, eine Pionierin des suffizienten Lebens. 

Zoe Lehmann

 

Was bedeutet Suffizienz für dich und in welchen Bereichen verhältst du dich suffizient? 

Ich versuche mich in möglichst allen Lebensbereichen suffizient zu verhalten. Ich verbinde Suffizienz stark mit einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit gegenüber anderen Menschen und nachfolgenden Generationen.

Wie kam es, dass du dich mit Suffizienz auseinandersetztest?  

Der Begriff ist für mich zwar eher neu, das entsprechende Verhalten reiht sich für mich aber in eine lange Kontinuität ein. Der Nachhaltigkeitsgedanke, dass ich nicht mehr verbrauchen will als nötig, begleitet mich schon sehr lange. So bekam ich vor Kurzem eine Karte von Greenpeace, ich sei seit 30 Jahren Mitglied. Seit meiner Jugend setze ich mich mit Umweltschutz auseinander und esse z.B. seither vegetarisch, bzw. seit mehreren Jahren wenn möglich vegan. In den 2000er Jahren wurde es offensichtlich, dass wir nicht weiter wie bisher herumjetten können, und so hörte ich auf zu Fliegen. Spätestens seit 2015, als mich das Team um Marion Leng vom CDE für ihr Buch «Genug genügt» portraitierte, setze ich mich auch mit dem Begriff Suffizienz und dem Konzept des guten Lebens auseinander. 2019 gaben die Klimaproteste nochmals Aufschwung und Hoffnung, dass sich mehr Menschen Gedanken zu ressourcenschonendem Leben machen. Ich warte ungeduldig darauf, dass dieser Elan zurückkommt, er ist so dringend wie nie.

Was tust du konkret für ein ressourcenschonendes Leben?  

Was mir wichtig ist, versuche ich, so nachhaltig wie möglich zu erreichen. So kaufen mein Partner und ich im lokalen Bio- oder Unverpacktladen ein und geniessen feines Gemüse von der solidarischen Landwirtschaft Radiesli in Worb. Wir flicken unsere Kleider oder lassen die Schuhe flicken, leihen Dinge oder kaufen sie im Brocki gebraucht. Wir wohnen in einer Genossenschaft mit Photovoltaik auf dem Dach und einer Holzpelletheizung. Ich reise zu Fuss, mit Velo oder mit dem öV, versuche aber auch Letzteren möglichst bewusst einzusetzen. So plante ich vor Kurzem, den Jakobsweg von Arles bis zu den Pyrenäen zu wandern, bis ich realisierte, ich könnte genauso gut bereits in Genf loswandern. 2019 reiste ich für Pro Velo zur grossen europäischen Velokonferenz «Velo-City» per Zug und Fähre nach Dublin. Das dauerte zwar länger als mit dem Flugzeug, war aber einiges eindrücklicher, weil wir auf der Überfahrt Delphine sahen. Die meisten Menschen denken, Reisen ohne Flugzeug sei beschwerlich und bedeute Verzicht. Diese Art des Reisens ist für mich aber vor allem sehr abenteuerlich und lustvoll.

Welche weiteren Vorteile ergeben sich aus suffizientem Verhalten für dein Leben? 

Ich bin zufriedener, wenn ich im Einklang mit dem lebe, was ich für richtig halte. Denn ich spüre betreffend Klimakrise eine starke Dringlichkeit, sie macht mir Angst. Bereits jetzt sind viele Menschen direkt und stark von der Klimakrise betroffen. Deshalb setze ich mich bei der Arbeit für die aktive Mobilität und im Privaten für griffige politische Massnahmen ein. So sammle ich aktuell Unterschriften für die Konzernverantwortungs-Initiative. Es braucht nicht nur individuelles Handeln, sondern entsprechende gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die von Verboten bis zu Anreizen reichen.  

Was rätst du Personen, die sich erstmals mit suffizientem Verhalten auseinandersetzen? 

Melde dich für den «Klimakurs» der Republik an. Diese Mails zeigen dir übersichtlich, wo du als Individuum einen relevanten Unterschied machen kannst. Sie legen den Fokus auf die Reduktion der drei 3 Fs, die Bereiche, die individuell wirklich was bewirken: Fliegen, Fleisch, fossile Energie. Meiner Ansicht nach, bräuchte es ausserdem als viertes F die Finanzen, da viele Banken und Pensionskrassen ihr Geld nutzen, um Kredite an klimaschädliche Projekte zu vergeben. So haben wir mit unserem Geld sowohl beim Konsum als auch beim Sparen einen wichtigen Hebel. Starten kannst du gut mit deiner Unterschrift für die Finanzplatz-Initiative. Der WWF hat ein Umweltrating der Alternativen Bank, positive Vorreiterin, und der grossen Schweizer Banken gemacht.

Wie gelingt es dir, die Hoffnung nicht zu verlieren, obwohl der Mainstream im Überfluss lebt und viele Umweltinitiativen abgelehnt oder wenig griffig umgesetzt werden? 

Da hilft mir die Autorin Rebecca Solnit, die schreibt: «Menschen, die gegen Flut und Feuer kämpfen, können es sich nicht leisten, die Hoffnung zu verlieren. Warum also sollten wir das tun?”

Kennst du frustrierte Momente, in denen du Verzicht empfindest? 

Lange war es mein Traum, nach Kuba zu reisen und dort auf der Autobahn Velo zu fahren. Mittlerweile habe ich realisiert, dass ich solch eine Flugreise, die nur dem Vergnügen dient, nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Gleichzeitig wurde mir in diesem Prozess bewusst, dass ich nicht zögern würde, in einem familiären Notfall ins Flugzeug zu steigen. So hat sich das Thema erledigt. Es gibt in der Nähe so viel Schönes zu entdecken.

Ich freue mich über Freund:innen, die nach Diskussionen mit mir ihr Flugverhalten ändern und in Europa beispielsweise nicht mehr fliegen. Manchmal fühle ich mich alleingelassen, wenn Personen, die sich der Klimakrise bewusst sind, ein Auto kaufen. Was mich ebenfalls frustriert, sind Eltern, die sich wenig um ein ressourcenschonendes Leben scheren. Sie müssten doch das grösste Interesse an einer lebenswerten Zukunft für ihre Kinder haben. 

Gab es in Bern die letzten Jahre Initiativen, die dich zuversichtlich stimmten hinsichtlich der Schaffung von Rahmenbedingungen für suffizientes Verhalten? 

Ich bin dankbar für radikale Aktionen, weil die mein Gefühl von Dringlichkeit widerspiegeln. Weniger radikale Aktionen sind natürlich genauso wichtig. All den Menschen, die sich seit Jahrzehnten politisch, im Beruf oder auf der Strasse für mehr Nachhaltigkeit einsetzen, fühle ich mich sehr verbunden. Die Stadt Bern hat während der letzten Jahre viel in den Ausbau der Velo-Infrastruktur investiert. Diesbezüglich freue ich mich auf mehr. Ebenso gibt es kleinere, hoffungsvolle Initiativen wie die Klimadebatten der offenen Kirche Bern oder die Workshops der Gemeinwohlökonomie zum klimafreundlichen oder enkel:innentauglichen Leben.

 

Mehr über das Netzwerk Nachhaltigkeit erfahren Sie HIER.

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