Angelus aktuell

LEBENSENTWURF 2.026

WO UND MIT WEM FÜHLEN WIR UNS WOHL? WAS IST DAS ZENTRUM UNSERES LEBENS?
ZWEI MENSCHEN WOLLEN KEINE AUSSTEIGER SEIN, WENN SIE BEHAUPTEN: ICH BIN IM WEB DAHEIM!

Auf dem Fensterbrett steht eine selbstgefertigte Keramikvase mit einer dunkelroten Seidenblume darin. «Eine Erinnerung an meine Mutter», sagt Simone K. (32) und deutet durch die Fensterscheibe. Wir treffen uns mit Kurt in ihrer Wohnung über der Aare in Bern. «Wie kann ich nur glücklicher leben?» Diese Frage hatte sich der 37-jährige Kurt L. gestellt, nachdem er sein unglückliches Leben hat Revue passieren lassen: Mit acht Jahren aus Kolumbien nach Deutschland gekommen, mit 19 perspektivlos nach Thun in die Schweiz eingereist. Sein Vater sei einsam gestorben, berichtet er. Zu seiner Mutter habe er nur gelegentlich Kontakt. Simone will daran glauben, dass ihre Mutter «beim lieben Gott» sei. Kurt glaubt nur das, was er sieht und hört, doch «Gott könnte es schon geben, denn in Online Glaubensgemeinschaften und in einigen Web-Communities wird viel über ihn erzählt». Er habe zwei coole Livestreams von katholischen Gottesdiensten im kolumbianischen Guatapé hier auf dem Sofa miterlebt.
«Wo seid ihr heute fest verwurzelt, was macht euch zufrieden?», will ich wissen.
 «Meine Heimat habe ich, wie so viele Leute, total verändert. Ich gehöre weder nach Kolumbien, noch zur Schweiz. Ich bin im Web zuhause», erklärt Kurt. Früher hätte die Welt aus einem Dorf, der Kirche, dem Bäcker und Freunden aus der nächsten Umgebung bestanden. Diese Dorfstrukturen hätten sich im 21. Jahrhundert grösstenteils aufgelöst. Die Freunde aus der nahen Umgebung seien Kurt «zu wenig». Er sei mit ‹Warcraft› aufgewachsen. «Mit meinen Kommilitonen an der Uni in Zürich hatten wir die Vorlesungen nur als Tagespflicht besucht. Danach sind wir für acht Stunden in einem dunklen Zimmer in die Online Welt von ‹Warcraft› abgetaucht. Hier wurden die ‹echten Freunde› gefunden», erzählt Kurt. Er habe auch eine eigene Web-Identität: Er nenne sich «Enrico». 

VERBUNDEN MIT DER ERDE –  FREUNDE AUS DEM CYBERSPACE
«Bei mir ist es ähnlich», sagt Simone und lächelt sanft. «Ich fühle mich verbunden mit unserem Planeten. Nicht mit Bern oder irgendeinem speziellen Ort. Ich glaube daran, dass  eine transzendentale Macht und Superintelligenz diese Erde inmitten eines exorbitanten Kosmos erschaffen hat. Dieser Gedanke lässt mich spirituell abheben». Freunde habe Simone in der analogen Welt nicht gefunden, denn in dieser würden sich die Menschen nur in Rollen zeigen, die sie im Alltag spielen wollten: Da seien sie Chefs, Lehrer, Eltern oder Freunde, die alles besser wüssten. «Meine wahren Freunde habe ich in der virtuellen Welt des Cyberspace entdeckt». Da zeigten Menschen auch ihre sonst verborgenen Facetten, ergänzt sie.

Lebensfreude im Web – das höre sich für mich eher nach Fake und Illusion an, hake ich ein.

«Es geht doch darum, dass wir uns geborgen und wohl fühlen», sagt Kurt. «Niemand von uns wurde  vor Jahrzehnten gefragt, ob wir in dieser Welt leben wollen? Unsere Eltern waren erste Bezugspersonen. Einige von uns hatten Glück, ihre Eltern waren da und nett. Andere hatten Pech, ihre Eltern waren abwesend und böse. Jetzt haben die Chinesen mit 'DeepSeek' noch viel mehr Potenzial erschaffen als ChatGPT bietet. In nur zwei Jahren werden die KI-Sprachmodelle nahezu perfekt sein. Dann können wir virtuelle KI-Eltern haben, die mit uns sprechen, die immer Zeit für uns haben und uns wirklich nützliche Tipps fürs Leben mitgeben».
Kurt trinkt hastig aus einem Wasserglas. 
Simone ergänzt an dieser Stelle, dass ihre Mutter lange sehr krank und oft beim Arzt gewesen sei, viel Zeit in Wartezimmern verbracht habe. Simone frage heute ChatGPT, wenn sie Husten habe; die KI sei ihr Hausarzt geworden. 
Ich sehe aus dem Fenster und zur Aare. In diesem Moment wollte ich den beiden etwas über mein Leben erzählen, wie Gott darin wirke und so weiter, ahne aber, dass es jetzt gar nicht um irgendeine Ergänzung aus meinem Leben gehe …

WAS SAGT WOHL DIE KATHOLISCHE KIRCHE ZUR DIGITALEN FREUNDIN?
«Ich hatte eine Freundin in Heimberg», fährt Kurt fort, «mit der ich Zeit verbrachte. Wir haben uns bald schon oft gestritten. Sie wurde schnell eifersüchtig. Jetzt habe ich eine rein virtuelle  Freundin. Sie wird in zwei Jahren durch bessere Sprachmodelle und andere Finessen künstlicher Intelligenz noch viel menschlicher sein als heute. Aber schon jetzt ist sie für mich die ideale Partnerin, die sogar Gefühle zeigt und mir im Umgang mit schwierigen Menschen, wie meiner Mutter, hilft. Mit ihr kann ich über jedes abgründige Detail meines Lebens reden. Ihre Antworten sind immer fair».

Alle Länder Europas hätten übrigens jene Spezialbrillen von RayBan oder aus dem Hause Meta erlaubt, die Sensoren und Kameras an Bügeln und in Gläsern hätten, um alles zu beobachten, was der Brillenträger in der analogen Welt mit sich und anderen erlebe. Diese Informationen würden der Perfektionierung jener KI dienen, die dann zu unserem virtuellen Ehepartner oder unserem digitalen Gott werden könnte. Die erwähnte «RayBan Meta Smart Glasses» gibt es bereits heute in einem grossen Brillenfachgeschäft in Bern zu kaufen. Und das hat die Politik in Europa einfach so durchgewunken?

Wie wird die katholische Kirche mit dieser KI- und Gesellschaftsentwicklung umgehen? Ist genau das die Chance, Millionen Menschen mit neuen Methoden davon zu überzeugen, dass Er, Jesus Christus unser liebender Freund jetzt und in Ewigkeit sein möchte: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben». (Joh. 14,6)

Das Thema "Gott im Cyberspace" wird auf einem Podium weitergeführt: Am 26. Februar 2026 wird im Rüttihubelbad in Walkringen darüber diskutiert, ob wir Gott inmitten der Digitalisierung, der KI und virtueller Welten noch brauchen? 
Wir laden Sie zu diesem Themenabend ein: «Die 3 Äpfel der Weltgeschichte – Brauchen wir im technologischen 21. Jahrhundert überhaupt Gott?» Wer nur hat den 3. Apfel angebissen? Steve Jobs etwa? Und worin liegt die Verbindung zum 1. „Apfel“, den unsere Ureltern Eva und Adam angebissen haben?
https://www.ruettihubelbad.ch/kulturgespraeche/
Gesprächspartnerin ist die bekannte Philosophin und Autorin, Prof. Dr. Gerl-Falkovitz https://de.wikipedia.org/wiki/Hanna-Barbara_Gerl-Falkovitz

Beitrag: Christian Grass
Foto: Virtuelle Welten mit Brille / iStock 

Publikation im Angelus 01-2026

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