Sommerserie 15 - Teil 1

Weihrauch und Whats App

Kathleen Perinpam, Martina Schärli, Bernadina Radi, Manuela Radi, Elias Aerni, Marius Aerni, Izak Domgjoni, Jeremy Nallathamby, Julia Kovac, Jenciya Perinpam in der Mitte Kaplan Josef Langga.


Fünfundsechzig, sagt sie. Richtig gehört? Ja, tatsächlich: In der weitläufigen Pfarrei Bruder Klaus in Huttwil gibt es fünfundsechzig Ministrantinnen und Ministranten.

Elisabeth Spichiger ist in Huttwil Pfarreisekretärin und Katechetin, sie unterrichtet alle Klassen und begeistert die Kleinen stets neu für die Aufgabe als Minis, der sie dann auch lange, sehr lange treu bleiben: die Ältesten sind im Moment 22jährig ...

Feiern, was uns zusammenhält

Die ungewöhnlich grosse Gruppe von Ministrantinnen und Ministranten deckt sozusagen zwei zentrale Anliegen von Elisabeth Spichiger ab. Da wäre auf der einen Seite ihr inniges Bestreben, den Gottesdienst als zentrales Ereignis der Pfarrgemeinde auch den Jugendlichen «schmackhaft» zu machen. «Wir müssen doch feiern, was uns zusammenhält,» sagt sie. «Wir brauchen das gemeinsame Feiern, das Erleben der Begegnung mit Jesus Christus, in jedem Alter, in jeder Lebenssituation…» Die Katechetin arbeitet bereits mit den Kleinen auf den Gottesdienst hin, sie werden vertraut mit dem Kirchenraum und den verschiedenen Elementen und Diensten der Liturgie. Schon früh wird das Interesse für das Ministrieren geweckt.
In jedem Huttwiler Gottesdienst sind acht Ministrantinnen und Ministranten im Einsatz. Das braucht ein gerüttelt Mass an Planung, macht dann aber jede Feier zu einem besonderen Ereignis. Stolz amtieren die Kinder und Jugendlichen als Kerzen- und Weihrauchträgerinnen und –träger, assistieren bei der Gabenbereitung, sammeln die Kollekte ein. Und weil die meisten von ihnen kleine und grosse Geschwister haben, entsteht in Huttwil nie der Eindruck einer überalterten Pfarrgemeinde: Die Familien der Minis sind in allen Gottesdiensten anwesend, stolz auf ihre Kinder und Geschwister «im Einsatz».

«learning by doing»

Die Ministrantinnen und Ministranten in Huttwil organisieren sich weitgehend selbst, Elisabeth Spichiger und die Sakristanin Beatrice Aerni sind im Hintergrund – allerdings sehr aktiv! – tätig. Die gefirmten Minis besuchen die Kurse der DAMP, der Deutschschweizerischen Arbeitsgruppe für MinistrantInnenpastoral. Dort holen sich die Jugendlichen das nötige Wissen und die Sicherheit zum Führen der Gruppen. Sechs Mal jährlich gibt’s in Huttwil ein Mini-Treffen, an dem eher die «Kleinen» teilnehmen. Vor dem Treffen besprechen Elisabeth und Beatrice mit den Leitenden das Nötige, danach sind vor allem Spiel und Spass angesagt: Das Üben nimmt einen eher kleinen Platz, ein, da gemäss Elisabeth Spichiger der Ministrantendienst gut geeignet sei für ein «learning by doing». Grössere, erfahrene Minis nehmen die Jüngeren beim Ministrieren in den Gottesdiensten einfach mit, man achtet aufeinander und wächst so besser in die Mini- Tätigkeit hinein als bei unzähligen Trockenübungen. Daneben sind Spiele angesagt, ab und an ein Postenlauf, immer ein Zvieri, ganz wichtig sind die Ausflüge zum Beispiel in ein Hallenbad, ins Theater oder ins Kino, sehr beliebt ist die jährliche Filmnight im Pfarreisaal. Man war auch schon im Luzerner Verkehrshaus, und dank einem grosszügigen Beitrag der Kirchgemeinde Langenthal (zu der die Pfarrei Huttwil gehört) konnten in der Osterwoche 2015 achtzehn Minis und zwei Leitende nach Rom reisen – ein unvergessliches Erlebnis.

Am 13. Juni fand für rund fünfzig Teilnehmende der Mini-Ausflug in den Europapark statt. Wenn auch sehr viele der Religionsunterrichts- Kinder nach der Erstkommunion Ministrantinnen oder Ministranten werden, ist dies doch stets eine freie Entscheidung. An die Mini-Treffen kommt, wer Zeit hat – «ich freue mich über jene, die da sind, Sanktionen für die Abwesenden gibt es nicht», sagt Elisabeth Spichiger. Auch soll jede und jeder selbst spüren, wann die Zeit da ist, um mit dem Ministranten- Dienst aufzuhören. Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht, «das reguliert sich von selbst».

Aus aller Welt

Diese Aktivitäten weisen denn auch gleich auf das andere Anliegen von Elisabeth Spichiger hin: Sie möchte den vielen Mädchen und Buben, jungen Frauen und Männern die Möglichkeit zur Begegnung, zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung schaffen. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass die grosse Mini- Gruppe in der Pfarrei Bruder Klaus die katholische Jugendgruppe in Huttwil ist. Die Gruppe setzt sich zusammen aus jungen Menschen, von denen die meisten ihre Wurzeln in Sri Lanka, Albanien, Kroatien, Indonesien, St. Mauritius, Portugal, Kuba, Deutschland haben.
Elisabeth Spichiger freut sich darüber, dass für alle diese Jugendliche das Ministrieren nicht einfach ein «auch das noch-Jöbli» ist, sondern eine Tätigkeit, in der man sie ernst nimmt, fördert, in der Eucharistiefeier einsetzt – und zudem mit allem rund um den sonntäglichen Einsatz stattfindenden Treffen und Aktivitäten die Minigruppe in der Pfarrei einen Ort der Begegnung hat, der sonst in Huttwil nirgends möglich wäre. Die Älteren sind auf einer Whats-App-Gruppe miteinander verbunden, teilen hier ihre Leidenschaft für Fussball, werden so aufgeboten für Mini-Termine. Man kennt sich und trifft sich in der Freizeit. In der Mini-Gruppe ist es möglich, zusammenzuwachsen. Die sehr unterschiedlichen Herkunftsländer, Sprachen, Gepflogenheiten haben einen Ort, an dem sie gut aufgehoben sind: Die Pfarrei.

Stets in Bewegung

Ist ihr, Elisabeth Spichiger, bewusst, dass sie mit ihrer ausserordentlichen Mini-Gruppe und den damit verbundenen Aktivitäten einen wesentlichen Beitrag dazu leistet, die jungen Menschen ins Erwachsenenleben und in unsere Gesellschaft hinein zu begleiten? Ja, meint sie, durchaus. Sie kennt die Jugendlichen und ihre Familien, hat hier ein offenes Ohr, wenn’s hüben oder drüben Probleme gibt, besucht die Familien auch mal zuhause, ermutigt oft Eltern für nötige Schritte etwa bei Schulproblemen, begleitet sie, wenn Familienmitglieder schwer krank sind. «Ich gehe mit diesen Familien ein Stück Lebensweg», sagt sie. Damit zeigt sie denn auch gleich auf, was sie meint, wenn sie alle pastorale Tätigkeit als Beziehungsarbeit bezeichnet: Es muss allen kirchlichen Mitarbeitenden ein Anliegen sein, mit den Menschen in der Pfarrei gemeinsam unterwegs zu sein.
Wo denn sonst als in unserer Kirche kommen so unterschiedliche Menschen zusammen, besteht die Möglichkeit, dass man sich kennen und schätzen lernen kann? Dass «ihre» Ministrantinnen und Ministranten eine grosse, aktive, sich stets in Bewegung befindende Gruppe junger Menschen sind, freut die Katechetin. Dass diese Gruppe aus dem Gottesdienst heraus wächst, sieht sie als innerstes Anliegen ihres Religionsunterrichts: «Wir kommen von Gott und gehen mit Jesus Christus auf ihn zu – das feiern wir jeden Sonntag in der Liturgie, auf diesem Weg sind wir alle. Hier erfahren wir uns als würdige, ernst genommene Menschen, wer immer wir sind, woher wir auch kommen.»

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Text: Marie-Louise Beyeler
Fotos: Pia Neuenschwander