«pfarrblatt» Nr. 10/2022

Es ist mir ein Anliegen, Ihnen einmal dafür zu gratulieren, dass Sie sich effizient für die Gleichberechtigung von Frauen in Katholisch Bern einsetzen und nicht nur davon sprechen. In der neuesten Ausgabe finden sich (ausser einigen Kleinbildern von Gruppen) 13 Fotos von Frauen und 0 von Männern. Die offene Stelle in Thun (S. 11) richtet sich auch ausschliesslich an Frauen.

Hier bei uns in Italien sind wir noch nicht soweit, obwohl auch in meinem Dorf sich fast keine Männer mehr zur Messe einfinden.

Hans-Rudolf Hodel, Santa Maria Coghinas (SS/Italia)

«pfarrblatt» Nr. 10/2022: «Frontex – ja oder nein»

Ich finde es schade, wenn in einem Artikel oder Interview mit dem Ziel dem Leser eine Entscheidungshilfe für eine Abstimmung zu bieten schon im Titel eine falsche Angabe gemacht wird; zwar wird bereits in der Einleitung klar gesagt um was es bei der Abstimmung am 15. Mai geht: «ob die Schweiz ihren Beitrag von bislang 24 auf 61 Millionen Franken erhöhen soll?». Es geht also keineswegs um die Abschaffung von Frontex.

Das ist auch auf der Website des «kirchlichen Komitees gegen Frontex» deutlich gesagt: «Mit dem Referendum wird eine längst überfällige Diskussion zu den systematischen Menschenrechtsverletzungen an den EU-Aussengrenzen» gefordert. Die Frage ist: Wer «steckt den Kopf in den Sand?» Frau Acklin, diejenigen die wie sie glauben mit fast 40 Millionen mehr komme eine «grundlegende Reform» in Gang oder ob es nicht zielstrebiger ist, klare Bedingungen an den mehr als doppelten Beitrag zu knüpfen? Das war bereits in den Debatten der eidgenössischen Räte auf dem Tisch.

Auch da die Frage an BR Ueli Maurer: Ist es nicht viel mehr der Bundesrat und nicht «die SP die den Leuten Sand in die Augen streut»? In die gleiche Richtung geht die notorische Falschbehauptung von BR Keller-Sutter, ein Nein zur Vorlage hätte den Rauswurf der Schweiz aus dem Schengensystem zur Folge. Wie es Ständerat und Rechtsprofessor Daniel Jositsch in der NZZ sagt: «… das ist Unfug. Es gibt keinen Automatismus, auch wenn sogar BR Keller-Sutter das behauptet». Und weiter «BR Keller-Sutter richtet gerade einen beträchtlichen Schaden an. Sie wiederholt andauernd die leere Drohung, dass die Schweiz bei einem Nein bei Schengen hinausfliege. Offenbar hat sie keine besseren Argumente.

Doch genau diese Rhetorik ist europapolitisch verheerend: Dieses Argument, dass wir praktisch zur Zustimmung gezwungen seien, sorgt für Frust. Die Bundesrätin zementiert das Bild, dass wir am Gängelband der EU seien, dass wir bestraft würden, wenn wir nicht kuschten. Das halt ich für brandgefährlich!» (4.5.22) Das alles ist wie ein Déjà-vu, wenn wir uns an die unrühmliche Kampagne von Frau BR Keller-Sutter gegen die Konzernverantwortungs-initiative erinnern. Ruedi Strahm hat es nach der Abstimmung 2020 so zusammengefasst: Was «bleibt ist … ein Vertrauensverlust gegenüber der Justizministerin Karin Keller-Sutter. Bisher galt das EJPD mit dem Bundesamt für Justiz im Rücken als «juristisches Gewissen».

Nach den von vier Rechtsprofessoren festgestellten rechtspolitischen Fehlbeurteilungen der Departementschefin ist dieses Kompetenzzutrauen dahin» (TA 1.12.20). Offenbar hat Frau Bundesrätin und ihre MitstreiterInnen das nicht gespürt und nichts dazu gelernt, schade!

Viktor Hofstetter, Dominikaner, Zürich

«pfarrblatt» Nr. 9/2022: Organspende: Die Frage nach der Freiwilligkeit

Wer mein Herz will, muss mich fragen – Nein zum Transplantationsgesetz

Die Hippokratische Gesellschaft Schweiz setzt sich für eine vertrauenswürdige Transplantationsmedizin ein. Vertrauenswürdig kann Transplantationsmedizin nur dann sein, wenn die Organspende unverändert eine Spende bleibt. Denn der Begriff der «Spende» beinhaltet seine Freiwilligkeit, die in der persönlichen Entscheidung jedes Spenders liegt. Die Bereitschaft, Organe zu spenden, kann entweder durch einen Organspendeausweis festgehalten werden, oder der mutmassliche Wille hierzu ist den engsten Angehörigen bekannt und sie stimmen am Ende des Lebens einer Organspende zu. Diese Freiwilligkeit ist durch die heute gültige erweiterte Einwilligungs- und Zustimmungslösung gewährleistet.

Am 15. Mai 2022 stimmt die Schweizer Bevölkerung über eine grundsätzliche Änderung des Transplantationsgesetzes im Sinne einer «erweiterten Widerspruchslösung» ab. Mit einem «Ja» dürften allen Personen am Lebensende Organe entnommen werden, sofern sie nicht zu Lebzeiten ausdrücklich der Organspende widersprochen haben oder ihre Angehörigen dies zum Todeszeitpunkt nicht tun. Die Widerspruchslösung führt somit eine eigentliche Organspende-Pflicht ein.

Einem derartigen Paradigmenwechsel, durch den der Staat die körperliche Unversehrtheit nicht mehr in jedem Fall schützen würde, muss mit einem NEIN Einhalt geboten werden. Bei der Volksabstimmung geht es nicht um ein Pro oder Contra zur Organspende, sondern um die Entscheidung, ob davon ausgegangen werden darf, dass Menschen, die nicht explizit NEIN zu einer Organspende gesagt haben, ihre Organe entnommen werden dürfen. 

Es ist unbestritten, dass eine Erhöhung der Spenderzahl wünschenswert ist. Die Widerspruchsregelung aber ist ein inakzeptables Mittel, weil sie medizinethische und verfassungsrechtliche Grundsätze verletzt. Denn: Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel!

Hippokratische Gesellschaft Schweiz
Dr. med. Raimund Klesse, Präsident

«pfarrblatt» Nr. 5/2022: Über Kreuz …

So schön dieser Artikel auch tönen mag, ist es eine einseitige Perspektive. Jesus hat am Kreuz freiwillig all unsere Schuld auf sich genommen und ist mit diesem Akt unser aller Erlöser geworden. Ein Erlöser von Schuld und Sünde, die nie aktueller war als in unserer heutigen Zeit. Das Kreuz, das Gläubige nicht ängstigt, sondern zu trösten vermag, weil Jesaja schrieb: "Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen" und "Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt". (Jes 53,4-5). Unser menschliches Gerechtigkeitsempfinden verlangt nach Wiedergutmachung und Sühne, nach Reue. Sind wir nicht Abbilder unseres Urbildes? Gott ist unendliche Barmherzigkeit, aber ebenso vollkommene Gerechtigkeit. Und Jesus hat dieser seiner Gerechtigkeit als Gott und Mensch Genugtuung und Abbitte geleistet. Ohne Karfreitag kein Ostern, ohne Leiden keine Erlösung. Darum ist jede Messfeier immer auch das Darbringen des unblutigen Opfers Jesu zur Sühne aller Schuld der Welt, die ihre Aktualität nie verliert.

Béatrice Lüscher, Online-Leserbrief

Ein Halleluja für das Pfarrblatt. Leser:innenumfrage Nr. 4/2022

Vom Chefredaktor persönlich wird die Leserumfrage des Pfarrblattes in der Ausgabe 04/22 in höchsten Tönen kommentiert. „Die meisten Menschen lesen vieles im Pfarrblatt, es ist eine Zeitung“, ist bereits im zweiten Kapitel zu lesen. 523 Fragebogen konnten ausgewertet werden, das sei „eine hohe Zahl“, wird im Hintergrund kommentiert. Tatsächlich?

Aus der Altersstruktur der Umfrageteilnehmer ist zu erkennen, dass gut die Hälfte U65, also Erwerbstätig sind und die andere Hälfte Ü65, eher pensioniert ist, davon 230 über 70 – 100-jährige. Das ist an sich sehr erfreulich und gelichzeitig bedenklich, insbesondere wenn die Umfrage als Grundlage für ein Neukonzept 2023 dienen soll und man das Resultat dermassen unkritisch beurteilt.

Im Pfarrblatt sind namentlich ca. 300 Mitarbeitende aufgeführt, welche eine Aufgabe in den Pfarreien haben und Lohn beziehen. Im sog. „Dualen System“ sind noch weit mehr Menschen für die Kirche engagiert, gesamthaft eher mehr als Tausend. Gehe ich davon aus, dass sich diese Leute überdurchschnittlich bei der Umfrage beteiligt haben und den U65, also den Erwerbstätigen zugeordnet werden. De facto sind also Umfrageteilnehmer Alt oder im wesentlich kirchlich engagiert. Diejenigen, die das Pfarrblatt nicht oder oberflächlich durchblättern bzw. an der Umfrage nicht teilgenommen haben, sind also die ganz grosse Mehrheit. Wieviele eigentlich?

Das Pfarrblatt hat eine Auflage von 50‘000 Exemplaren. Hochgerechnet sollten damit weit über 100‘000 Katholiken erreicht werden.

Mein Fazit:
Die Umfrage ist ein Schlag ins Wasser, Geld und Platzverschwendung, zeigt aber, wie abgehoben und schönfärberisch die Redaktion das Thema behandelt und sich selber einschätzt. Das Pfarrblatt ist heute tatsächlich kaum mehr als eine „Zeitung“, inhaltlich vergleichbar mit einem Quartieranzeiger.

Es ist bekannt, dass etwa 3% der Katholiken praktizierend sind. Das entspricht 3‘000 „Erleuchtete“ bzw. 97‘000 „Heiden“, die eigentlich missioniert werden sollten. Das Pfarrblatt nimmt diesen Anteil von Katholiken und damit seine Aufgabe in keiner Weise wahr, ausgenommen sind vereinzelt Artikel im Pfarrteil. Die Gottesdienste sind dünn besucht. Die Kirchenaustritte beschleunigen sich.

Vertiefte Beiträge, welche die Botschaft von Jesus und die religiöse Praxis bekannt machen würden, sind im Pfarrblatt nicht zu finden: z.B. über die Sakramente, den Aufbau der Eucharistie und des Wortgottesdienstes, Glaubensfragen generell, das Beten, die katholische Spiritualität, die Evangelisten, über den Sinn des Lebens und des Sterbens, die katholische Soziallehre, den Katechismus usw. werden notpeinlich von der Redaktion gemieden. Die pastorale Seite kommt selten zu Wort. Anstelle werden Seiten gefüllt mit unbedeutenden oder einseitigen Beiträgen, inkl. überdimensionierter Fotos, bis zu einem gewissen Personenkult, sozialpolitische Artikel im Sinne des Mainstreams und im Interesse Wohlfühllebens.

Viele wertvolle Themen werden zwar im Internet unter „Glaubenssache online“ publiziert, sie finden aber den Weg ins Pfarrblatt kaum, dort wo alle 2 Wochen die „Zeitung“ im Briefkasten liegt. Ich kann ihnen versichern, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine bin – eine Umfrage würde locker 523 Personen mobilisieren.

Robert Droux, Bern

Nr. 3/2022: «Versöhnung gelingt nur, wenn es alle auch wollen»

Dass das Wort «Versöhnung» etwas mit Söhnen zu tun haben soll, wie es Frau Prof. K. Heyden andeutet und denkt, ist ein Trugschluss, der manchmal verständlicherweise um sich greift. Das Wort leitet sich jedoch von «Sühne» ab - die frühere «Versühnung» geriet später zur bis heute üblichen «Versöhnung» (leider dann deckungsgleich mit «Söhnen» und somit irreführend). Das soll bedacht werden, damit nicht auch hier dann noch eine scheinbare Notwendigkeit des Genderns beschworen wird – eine «Vertöchterung» braucht es also eindeutig nicht; die «Versöhnung» genügt!

Patrizio Mazzola, Bern

«Ein Bischof sollte nicht mehr Gehorsam einfordern» Nr. 2/2022

Darf ich vorausschicken, dass ich 2021 das 50. Jubiläum meiner Priesterweihe gefeiert habe. Ich habe in diesen 50 Jahren nie «vor einem Bischof gekniet und ihm für das ganze Leben Ehrfurcht und Gehorsam versprochen» und schon gar nicht, wie es Mathias Wirth salopp ausdrückt, «eine Carte blanche für meine Biografie und in gewisser Hinsicht auch für mein Denken ausgestellt». Ich weiss nicht, ob der Autor schon je einer tatsächlichen Priesterweihe beiwohnte; meistens wird in der Sensationspresse das sich auf den Bodenwerfen als nicht mehr zeitgemäss dargestellt. Mit Gehorsam hat das alles rein nichts zu tun.

In der Tradition unseres Dominikanerordens stellt der Obere dem auf dem Boden liegenden Kandidaten die Frage: «Was wünschest du?» Und die Antwort des Kandidaten lautet: «Die Barmherzigkeit Gottes und die eure!», wobei gemeint ist, jene der Gemeinschaft. Also auch nichts von «Einfordern» oder sogar «sein eigenes Denken aufgeben», im Gegenteil. Alles was ich in meinen 48 Jahren Ordensleben über Gehorsam gelernt habe, ist jenseits jeden Kadavergehorsams oder auch nur der leiseste Hauch einer Unterwerfung im Sinne einer Bedingungslosigkeit à la «Carte blanche». Da ist eine Vorstellung wie «in gewisser Hinsicht auch für ihr Denken» ein Horror und wäre sie nicht von einem «Theologe und Ethiker der Uni Bern», würde ich sagen, es ist eine bösartige Unterstellung.

Ich könnte mich nun zeilenlang über den Gehorsam im Dominikanerorden auslassen, der seit den ersten Konstitutionen (1220) nie nur auf einen Vorgesetzten bezogen ist, sondern immer einen Gemeinschaftscharakter hat. Es gibt in der Schweizer Kirchengeschichte ein ähnlich lautendes Beispiel dieser Form des Gehorsams und die Experten sind der Meinung, dass die dominikanische Tradition mit grosser Wahrscheinlichkeit da auch einen wesentlichen Einfluss hatte: Der Brief des hl. Bruder Klaus an die Regierung von Bern (1482). Nach der üblichen Dankesrede für die Spende, hat Bruder Klaus die erstaunlichen und grossartigen Sätze diktiert: «Von Liebe wegen schreibe ich Euch mehr. Gehorsam ist die grösste Ehr, die es im Himmel und auf dem Erdreich gibt. Darum sollt Ihr schauen, dass Ihr einander gehorsam seid, und Weisheit ist das allerliebst deswegen, weil sie alle Dinge zum Besten anfängt.»

Das «einander gehorsam sein» versteht sich nur, wenn man den Sinn des ursprünglich lateinischen Wortes «ob-audire» begreift, das so viel wie «noch besser, noch tiefer hören» heisst. Auch da sehen wir wie sogenannter blinder Gehorsam ein Unsinn ist, eine eigentliche Karikatur vom tieferen Sinn, und nur so kann Gehorsam auch als Tugend verstanden werden. So bin ich eher skeptisch, ob die Abänderung einer Weiheformel etwas Wesentliches zur Bekämpfung der Seuche des Machtmissbrauchs beitragen kann.

Viktor Hofstetter, Dominikaner, Zürich

Interview mit Rita Famos, 2.1.2022

Ich habe während der Abstimmungskampagne zur Konzernverantwortungsinitiative persönlich fünfzehn (15!) Leserbriefe geschrieben und mich im KOVI (Kirchen für die Konzernverantwortungsinitiative) zusätzlich vielseitig engagiert. Ich kann mich nicht erinnern irgendwann etwas von Pfarrerin Rita Famos gehört zu haben; nicht einmal als sich einige Politikerinnen an ihr Christsein erinnerten und mit Falschmeldungen als Kreis der «christlichen, protestierenden Frauen!» verschiedentliche engagierte ChristInnen öffentlich verunglimpfen. Woher sie ihre Neinparolen zu fischen versuchten, war nie klar; mit Sicherheit lieferte ihnen «das Evangelium keine Abstimmungsparolen». Dagegen bekam ich von einfachen ChristInnen unzählige positive Echos auf meine Leserbriefe, gerade auch von LeserInnen des Pfarrblatts. Phrasen wie: «Wir müssen den Dialog mit der Wirtschaft intensivieren und den sozialethischen Dialog auf allen Ebenen fördern, indem wir uns überlegen: Was für Gefässe gibt es, wo wir unsere Positionen diskutieren können?» mag ich gar nicht mehr hören. Da kommt mir immer wieder ein Erlebnis in den Sinn als in den 80er Jahren eine hochkarätige ökumenische Kirchendelegation aus Südafrika u.a. in Zürich die Schweizer Kirchen darum bat, sich endlich gegen das Unrechtsregime der Apartheid einzusetzen. In der Pause nahm mich ein Herr zur Seite und sagte mir: «Herr Hofstetter, ich muss Ihnen leider sagen, sie werden die reformierte Kirche Zug nie dazu bringen sich gegen die Apartheid einzusetzen, denn Herr Marc Rich zahlt dieser Kirche allein eine Million Franken Kirchensteuer!» Wie ich später vernahm war er der pensionierte CEO von Shell-Switzerland, Kirchenratspräsident und wusste sehr wohl von den Machenschaften von Marc Rich.

Viktor Hofstetter, Dominikaner, Zürich

Interview mit Rita Famos, 2.1.2022

Wenn ich die Ausführungen von Rita Famos zum kirchlichen Engagement für die Konzernverantwortungsinitiative lese, dann frage ich mich: Hat sich die Evangelische Kirche Schweiz von ihrem prophetischen Auftrag verabschiedet und wo bleibt ihre Solidarität mit den Opfern der multinationalen Konzerne? Opfert man diese, weil man mit den Mächtigen im Dialog bleiben und ja keine Steuergelder verlieren will?

Was würde Rita Famos wohl machen, wenn zu ihrer Kirche dieser Rabbi aus Nazareth gehören würde, der über die Reichen sagte, «eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Reich Gottes», und der die Händler und Geldwechsler zornig aus dem Tempel vertrieben hat? Vermutlich würde sie ihn zur Zurückhaltung mahnen und darauf hinweisen, dass seine Haltung in der reformierten Kirche nicht mehrheitsfähig sei.

Wie Rita Famos ganz am Schluss verrät, weiss der Rat der EKS noch nicht, ob er sich zur Gletscherinitiative äussern wolle. Nach der Lektüre des Interviews bin ich nicht mehr sicher, ob ich mir überhaupt noch eine Äusserung wünsche.

Jürg Liechti-Möri, Bern

«Beten ohne Gott», 20.12.2021

Die Diskussion um das neue Buch von Niklaus Brantschen mit dem provokativen und vom Autor womöglich zu plakativ gewählten Titel ist spannend, wichtig und richtig. Es scheint mir mit diesem Titel einmal mehr eine Gefahr, die Spiritualität des Zen aus christlicher Sicht verkürzt wahrzunehmen, und genau das ist sicher das Letzte, was der Autor will – so sehr steht diese nämlich gar nicht im Gegensatz zu Traditionen christlicher mystischer Texte, insbesondere eines Meister Ekkehards. Erstens ist jenes japanische stille Sitzen eine Übung, unser sich immer in Gegensätzen hin und her bewegendes Denken loszulassen – es ist also weder gottlos noch nicht gottlos, es ist weder unterscheidend, noch nicht unterscheidend, es ist weder mit einem Gegenüber, noch ohne Gegenüber. Es ist weder gegensätzlich, noch nicht gegensätzlich. Das einmal als erster Punkt. Dann ist aber ganz wichtig hervorzuheben, dass dieses stille Sitzen immer wieder unterbrochen wird mit streng rituellen Gebeten, Rezitationen, Lobpreisungen von Buddha. Meditation als Wechselspiel zwischen freiem Flottieren und formaler Konzentration. Darin sehe ich eine grosse konfessionsübergreifende Korrespondenz zu klösterlichen Praktiken weltweit. Und, Hand aufs Herz: wie oft schweifen unsere Gedanken bei Gebeten zu Gott immer wieder von Gott weg, und wieder zurück, und wieder weg? Gott und Gott-los im Wechselspiel…

Sandro Fischli, Bern

«Beten ohne Gott», 20.12.2021

Zur Buchbesprechung von Niklaus Brantschen möchte ich eigentlich nur mit zwei Zitaten antworten. Das erste stammt von Teresa von Avila in ihrem «Das Buch meines Lebens», das ich in diesen Tagen wieder einmal zur Hand genommen habe. Im Kapitel 8, in dem sie vom «inneren Beten» schreibt, stehen diese wunderbaren Sätze, die ich x-mal meditiert habe: «Wer aber noch nicht mit dem inneren Beten begonnen hat, den bitte ich um der Liebe des Herrn willen, sich ein so grosses Gut doch nicht entgehen zu lassen. Hier gibt es nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen, denn wenn er auch nicht vorankommen und sich Mühe geben sollte, so vollkommen zu werden, dass er die Wohlgefühle und Wonnen verdient, die Gott solch-en Menschen gibt, so wird er doch schon nach einem so kleinen Gewinn den Weg zum Himmel erkennen. Und wenn er durchhält, dann hoffe ich auf das Erbarmen Gottes, dass ihn noch nie jemand zum Freund erwählt hat, den er es nicht vergolten hätte. Denn meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.» Und die Herausgeberinnen fügen in einer Fussnote noch treffend an: «Für Teresas Art zu beten ist es wichtig, dass es unverzweckt, unverdient und unberechnet ist. Es ist auch nicht notwendigerweise ein Gespräch, wie dieser Text oft übersetzt wird.»

Das zweite Zitat ist von Meister Eckhart, der ja oft davon spricht «Gott» um Gottes willen zu lassen. Aber mir kommt beim Lesen solcher Kommentare immer das eine in den Sinn, das zeigt wie konkret und aus dem Leben gegriffen seine Gedanken sind: «Alles, was ich weiss, das wisst ihr auch, sagt Jesus. Der Mensch, der nun alles weiss, was Gott weiss, der ist ein gottwissender Mensch. Ein solcher Mensch erfasst Gott in seinem eigenen Eigensein und in seiner eigenen Einheit und in seiner eigen-en Gegenwärtigkeit und in seiner eigenen Wahrheit; mit einem solchen Menschen steht es sehr recht. Der Mensch aber, der mit inwendigen Dingen keinen gewohnten Umgang hat, der weiss nicht was Gott ist. Wie ein Mann, der hat Wein in seinem Ke-ller, hat aber davon nicht getrunken oder gekostet – dann der weiss es nicht, dass er gut ist. So auch steht es mit den Leuten, die in Unwissenheit leben: Sie wissen nicht, was Gott ist.» (Predigt 10).

Viktor Hofstetter, Dominikaner, Zürich

Echte Schönheit spricht alle an, 22.11.2021

Der Beitrag von Daniela M. Meier hat mir sehr gut gefallen und mein besonderes Interesse geweckt. Beim Lesen kam mir ein Detail aus dem Büchlein «La belleza de nuestro Dios» von Manuel Diaz Mateos, SJ (hg. 2016, Lima, Peru) in den Sinn. Darin schreibt er, dass in der Septuaginta (LXX, älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache) in Genesis 1,31, Gott am Ende der Schöpfung bemerkt: «… es ist sehr schön» (kalà lian). Auf Grund dessen, was im Beitrag von Daniela M. Meier steht, sollte man Gott in Gebeten auch als «faszinierender Gott» anreden!?

Thomas Perler, Murten

Volkssynode

Eine bunte Patchwork-Familie stellt seit längerem fest, dass es mit der Wohnsituation so nicht mehr weitergeht. Also schlägt der Ziehvater die Renovation ihres Hauses vor. Die Jüngsten dürfen über die Ausstattung der Kinderzimmer reden, die Grösseren über den Velokeller und den Bastelraum und die Mutter über die Küche und den weiteren Wohnbereich. Nur über den Einsatz von alternativer Energie anstelle fossiler Brennstoffe lässt der Vater nicht mit sich reden. Die Mutter und mehrere Kinder verzichten auf ihr Mitsprachrecht und verlassen die Gemeinschaft. «Machen wir mit», sagen sie, «unterstützen wir die Allmacht des Vaters, der immer noch nicht bemerkt hat, dass in Sachen Fortbestand unserer Familie ‘Matthei am Letzten’ ist.»

Guido Lauper, 3700 Spiez

Seelsorge und Selbstsorge, 30.10.2021 / Seelsorge als Muttersprache der Kirche, 29.10.2021

Beeindruckend und wohltuend, die Texte der reformierten Theologin Claudia Kohli und des Psychiaters Daniel Hell zur Seelsorge. Basis jeder Seelsorge ist für Claudia Kohli «ein durch und durch gütiger Blick auf Menschen und ihre Realitäten». Wer immer das Christsein ernst nimmt, kommt um diese radikale, urchristliche Haltung nicht herum. Da verblassen Dogmatik und jegliches formelhafte Reden über Gott. Besten Dank für diesen Beitrag!

Werner Bühlmann, Thun

2021/22: Nicht alleine gehen

Das Ansehen unserer Kirche ist auf einem Tiefpunkt. Der Papst sprach im Zusammenhang mit dem französischen Bericht über Kindsmissbrauch von einer «Stunde der Scham». Es ist die Folge einer doppelbödigen Sexualmoral.

Der Reformstau umfasst aber noch viele weitere, bestens bekannte Problemkreise. - Die vielen drängenden Fragen bewegten wohl den Papst,  einen Dialogprozess anzustossen. Unser Bischof sagt im Pfarrblatt Nr. 20 allerdings bereits, dass die Grundstruktur der Kirche nicht in Frage gestellt sei und dass über die weltweit wichtigsten Fragen der Papst, als Garant der Einheit dieser Kirche, entscheide. (Zwischenfrage: Von welchen Strukturen ist hier die Rede und was heisst genau Einheit der Kirche?) Trotz Systemkrise sind die Weichen für Ausweichmanöver also bereits gestellt. Der Fragebogen lässt «die heissen Eisen» weg; er ist uninspiriert, teils banal und realitätsfremd. Bei einzelnen Fragen sind die Antworten längst bekannt. - Von einem herrschaftsfreien Dialog auf Augenhöhe kann in Wirklichkeit keine Rede sein. Es geht hier im Grunde nur um Gruppengespräche und unverbindliche Meinungsäusserungen. Eine Bischofssynode soll dann 2023 die Antworten verwerten, für uns intransparent, ohne Mitwirkung externer Fachpersonen und der Betroffenen. Unter diesen Voraussetzungen wird sich die Dialogbeteiligung in Grenzen halten. Eine Pflichtübung für Kirchgemeinderäte? - Warum wurde beispielsweise nicht folgendes Vorgehen angekündigt: ein noch offener, mehrjähriger, dezentraler, föderalistischer, strukturierter Erneuerungsprozess steht bevor/wir sind bereit, ohne Tabu über alle wesentlichen Fragen lösungsorientiert zu verhandeln/ wir ziehen die besten Fachleute und die Betroffenen zur Entscheidfindung bei/wir sorgen für eine transparente und planmässige Umsetzung der Resultate.- Nicht die Angst um die Stabilität eines weitgehend mittelalterlichen, absolutistisch-monarchischen, traditionalistischen, reaktionären Machtapparates ist massgebend. Gefragt sind möglichst wenige differenzierte Regeln für aufgeklärte, sinnsuchende Menschen in einer komplexen, schwierigen, dynamischen  Lebenswirklichkeit.

Fritz Scheibler, Schliern

«Hier begegne ich Jesus physisch», 26.4.2021

Das stille Verharren vor einer Hostie mag Menschen helfen, Gottes Gegenwart zu spüren. Es mag sie Geduld einüben, von der Bischof Felix im gleichen Heft schreibt. Oder es mag sie ermutigen, sich z.B. um Asylanten zu kümmern, wie es von Anny Hug berichtet wird. Offenbar findet Frau Hug die «physische» Präsenz Gottes in den ungeliebten, benachteiligten Menschen, ganz wie Jesus gesagt hat «Was ihr einem von ihnen getan habt, habt ihr mir getan.» Jesus hat sich mit den Verachteten identifiziert; mit ihnen hat er das Leben und das Brot geteilt. In ihnen ist er auch heute sehr physisch präsent, damit wir das «Brot» mit ihnen/ihm teilen. Wenn die Meditation vor der Hostie die Menschen zur Liebe befähigt – zu Geduld, Toleranz, konkreten Taten – wunderbar! Wenn nicht, bleibt sie Sentimentalität, die vom Wesentlichen ablenken kann. Denn Liebe-Gott-Jesus teilt das Brot. Geteiltes Brot ist göttliches Brot.

José Balmer, Tafers

Interview mit Johanna Rahner, 20.4.2021

Weil der Theologe Hans Küng die absolute Unfehlbarkeit des Lehramts verneinte, wurde er kaltgestellt. Das letzte Konzil aber widerrief die alte kirchliche Irrlehre von der «Alleinseligmachenden», und gibt Küng damit recht. Sämtliche kirchlichen Lehren müssen darum neu überprüft werden; Küng selbst bezweifelt in äusserst vorsichtiger Weise sogar Grundartikel des Glaubens («Christ sein»). Die Abklärung dieser Fragen ist aufwendig und anspruchsvoll; es braucht einen Küng II.

Dr. Bruno Portmann, Bern

«Der Segen gehört Gott, nicht der Kirche», 22.3.2021

Die Kombination der Stichworte «Homosexualität» und «Kirche» führt bei den meisten Gläubigen wahrscheinlich längstens dazu, dass sie abschalten und innerlich emigrieren. Die Meinungen sind gemacht und jegliche Diskussion scheint dazu verurteilt zu sein, am Felsen Petri zu zerschellen.
Wie und wo aber funktioniert dieses Zerschellen eigentlich? Das zu verstehen, könnte lehrreich sein für die Zukunft. Im letzten Pfarrblatt konnte man es lesen, im Interview mit dem höchsten Kirchenrichter der Schweiz.

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Was sagt eigentlich Jesus?, fragt das Pfarrblatt. Nichts! antwortet Betticher, um dann doch die Vermutung nahezulegen, dass Jesus wohl die gängige Ordnung akzeptiert habe, um die von ihm gepredigte Nächstenliebe nicht auf die gleiche Ebene zu stellen wie sie. Was für ein Konstrukt! Als hätte die Nächstenliebe nichts mit den gängigen Ordnungen zu tun! Als hätte Paulus nicht dargelegt, dass die Taufe in Christus hinein alle gängigen Ordnungen, sexuell, ethnisch, sozial (männlich/weiblich, Jude/Grieche, Sklave/Freier) außer Kraft setzt!
Der historische Jesus hat zu fast allen Themen der 613 Ge-und Verbote seines Glaubens nichts gesagt. Seine Auslegung dieser Gebote war sein Leben. Und daraus kann Betticher und jeder Theologe guten Willens mehr als genug ableiten für eine Praxis der Segnung menschlicher Diversität. Nicht zuletzt könnten Kirchenrechtler daraus lernen, dass Jesus bereit war zu lernen und seine Praxis zu ändern (wie etwa die Geschichte mit der Syrophönizierin zeigt).

Ist das Lehramt nicht sogar hinderlich für einen menschlichen Umgang? insistiert das Pfarrblatt. Und jetzt kommt’s: Die Kirche habe Ideale und das sei gut so, ja sie sei heilig und unantastbar. Es sei nun Aufgabe der «Theologie und Wissenschaft» (sic!) mehr miteinander zu sprechen und eine Lehre zu entwickeln, die zwischen der Gemeinschaft voller SünderInnen und dem Ideal vermittelt. Aber die Bibliotheken sind voll mit Diskussionen zum Thema. Sie haben längst deutlich gemacht, dass das, was Betticher als «Ideal» bezeichnet in Bezug auf Nichtheterosexualität ein Skandal ist. Ein Skandal deshalb, weil das, was die Kirche als natürliches, unantastbares Ideal preist als kulturelles und soziales Konstrukt entlarvt wurde.

Das Einzige, was Betticher kritisiert ist die Kommunikation im päpstlichen Dokument, das die Segnung homosexueller Paare verbietet. Warum? Weil sie im gleichen Dokument, das sie als SünderInnen bezeichnet der menschlichen Wertschätzung für würdig befunden werden. Das sei für die Seelsorgenden schwierig. Aber es ist genau umgekehrt: Das Dokument macht den Skandal des Kirchenrechtes offenkundig. Es brachte an den Tag, was ständig der Fall ist. Es ist nun leichter für die Seelsorgenden zu erkennen, dass das Kirchenrecht unmenschlich ist.
Betticher möchte die Mauer des Skandals mit smoother Kommunikation und Nachsichtigkeit übertünchen. Aber es ist Zeit, sie abzubrechen und mit neuen Steinen auf dem Felsen Petri ein Lebenshaus zu bauen, sonst zerschellen die Diskussionen weiterhin an falscher Exegese und fundamentalistischen Idealen, die eigentlich Skandale sind.

Dr. theol. Thomas Staubli, AT-Dozent und Asylseelsorger

«Jesus-Film im Kontext von Pasolini und Scorsese», 23.3.2021

Zum Film «Das neue Evangelium» von Milo Rau kann ich mich kaum äussern, hatte ich doch keine Gelegenheit ihn ausser eines Trailer zu sehen. Aber zur Aussage, auch des Filmemachers, der Film stehe in der Tradition von Pier Paolo Pasolini fühle ich mich geradezu verpflichtet mit diesem Missverständnis aufzuräumen; seit ich Pasolinis «Il Vangelo secondo Matteo» 1965 zum ersten Mal in Belgien gesehen habe, weiss ich gar nicht wie oft ich zu einzelnen Szenen oder auch zum ganzen Film zurückgekehrt bin. 1965 war es eine Riesen-Sensation und in unserem Noviziat war es der einzige Film, den wir im Kino sehen durften. Übrigens mussten wir warten bis er in einem katholischen Kino gezeigt wurde.

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Das erste grosse Missverständnis ist schon der richtige Titel: «Das Evangelium nach Matthäus»!, nichts von irgendwie «Das 1. Evangelium - Matthäus» u.a.. Es ist zudem eine eigentliche Tautologie vom «Neuen Evangelium» zu reden. Wie es mein südafrikanischer Mitbruder Albert Nolan einmal sagte in Anspielung an die Übersetzung im Englischen von «Evangelium»: «Good News»: Unsere Verkündigung ist selten wirklich Evangelium, weil sie selten Neues «News» bringt und kaum je wirklich gut «good» ist!

Nur weil ein Film an der gleichen Location wie die Vorgänger gedreht wurde sagt gar nichts über irgendeinen Zusammenhang aus. Die Tatsache, dass Mel Gibson die Kreuzigungsszene für sein Horrorepos «The Passion of Christ» in Matera drehte, empfand ich immer schon als eine Frechheit und zudem unappetitlich. Das Matera der 60er Jahre von Pasolini hat mit der «süditalienischen Stadt Matera», die 2019 zur «Kulturhauptstadt Europas» ernannt wurde, und in der Milo Rau seinen Film drehte die sind zwei total verschiedene Welten.

Dazu gibt es viele Anekdoten; etwa die folgende: als Pasolinis Film «Il Vangelo» 1964 zum ersten Mal in Rom gezeigt wurde, gab es in Kreisen der italienischen Regierung eine eigentliche Aufruhr. Man sprach von Kulturschande und glaubte an ein marxistisches Komplott; es wurde eine Kommission nach Matera geschickt abzuklären, ob in den 60er Jahre Menschen immer noch in Höhlen ohne Strom und fließendes Wasser lebten? Zur Abhilfe baute man ausserhalb der Stadt Sozialwohnungen. Dies hat übrigens 2004 nach dem Film von Gibson ein NZZ-Journalist vor Ort verifiziert und festgestellt wie auch nach 40 Jahren die Bewohner über diese Zwangsumsiedlung immer noch unglücklich sind.

Eine weitere Anekdote: Der Produzent von Pasolini hatte den Wunsch geäussert, er sollte seinen Jesusfilm in Palästina drehen. So reiste Pasolini mit einem Monsignore in den Nahen Osten und kam mit dem eindeutigen Urteil zurück: «Es ist für mich völlig unmöglich den Film dort unter den bestehenden Verhältnissen zu drehen.» Erst dann machte er sich auf die Suche nicht einfach in Süditalien, sondern in jener Gegend der sog. Basilikata, die durch die Verbannten der faschistischen Mussolini-Diktatur erst in den 30-40er Jahren in Norditalien bekannt wurde. Obwohl Pasolini nie direkt vom Roman von Carlo Levi, «Cristo si è fermato a Eboli» («Christus ist nur bis Eboli gekommen») spricht, ist es dem Leser des Buches oder auch dem Kenner des entsprechenden Filmes von Francesco Rosi, «Cristo si è fermato a Eboli» klar und eindeutig, das Matera von Pasolini ist die Welt, die Levi so eindrücklich beschreibt.

Ein treffendes Zitat mag genügen: «Niemand hat diese Erde berührt, es sei denn als Eroberer oder als Feind oder als verständnisloser Besucher. Die Jahreszeiten gleiten über die Mühsal der Bauern dahin, heute wie dreitausend Jahre vor Christi Geburt; keine menschliche oder göttliche Botschaft wurde an diese halsstarrige Armut gerichtet», schreibt Carlo Levi. Wir wissen, dass Paolini im Vorfeld der Aufnahmen Bauern vor Ort interviewt hat, die genau dieses Elend der «halsstarrigen Armut» zum Ausdruck bestätigen.

Aber es gibt noch ein viel gewichtigeres Argument, warum der Vergleich «Il Vangelo secondo Matteo» von Pasolinis mit anderen Jesusfilmen viel zu kurz greift. Pasolini sagt er hätte das Evangelium zweimal in seinem Leben gelesen, das erste Mal 1942 also mit 20 Jahren und das zweite Mal 1962 in Assisi und da hätte er die Idee gehabt einen Film über das Evangelium zu machen. Hier wird deutlich warum es ihm nie darum ging einen sog. Jesusfilm zu machen. Das macht eine höchst erstaunliche Aussage deutlich, die sich auf seinen Kurzfilm «La Ricotta» bezieht: «Es ist nicht schwer vorauszusehen, dass diese meine Erzählung!! Vorurteile jeder Art, zwiespältige und skandalisierte Urteile hervorrufen wird. Deshalb möchte ich hier erklären wie immer man meinen Film betrachtet, es geht mir nur um das Eine die «Leidensgeschichte Christi» – an die auch mein Kurzfilm «La Ricotta» indirekt erinnert. Für mich ist die Darstellung der «Leidensgeschichte» die sorgfältigste aller Erzählungen, die es ja gab und die Texte, die sie erzählen sind die erhabensten, die je geschrieben wurden».

Es geht Pasolini um die Darstellung der «Leidensgeschichte» und die Texte, die sie erzählen; mit anderen Worten es geht ihm tatsächlich um das «Das Evangelium nach Matthäus»! Hier spricht nicht nur der Filmemacher Pasolini, sondern auch der Poet und Dichter, der seit seinen jungen Jahren hervorragende Gedichte geschrieben hat. Es ist keineswegs erstaunlich, dass seine ersten Gedichte in der Sprache seiner Herkunft aus dem Friaul sind, nämlich in Rätoromanisch. Man darf es ohne Zweifel etwas zugespitzt sagen: Pasolini wollte in keiner Weise die Jesusgeschichte für unsere Zeit illustrieren, sondern sein Film sollte die Menschen von heute dazu anregen, wieder das Neue Testament zur Hand zu nehmen und die sorgfältigste aller Erzählungen und den erhabensten Text, der je geschrieben wurde lesen: «Das Evangelium nach Matthäus»!

Was dies alles noch unterstreichen kann, aber hier zu weit führen würde ist die grosse Auswahl der Musik, mit denen Pasolini die einzelnen Szenen unterstreicht. Dazu hat er auch ein sehr intensives Studium der Ikonographie betrieben wie es verschiedentlich dargestellt wurde. Es ist auch etwas billig darüber zu rätseln, warum auch Wunder und Heilungen von Pasolini in seinem Film darstellt. Die Antwort ist einfach: Seine Erzählung möchte zur Ergründung der sorgfältigsten aller Erzählungen und zum erhabensten aller je geschriebenen Texte führen. Vielleicht erklärt das auch den Erfolg und warum damals Mitte der 60er Jahre sein «Evangelium nach Matthäus» in Paris in der Kathedrale Notre-Dame gezeigt wurde und Papst Paul VI. ausdrücklich wünschte, Pasolini möge seinen Film auch den Konzilsvätern, also den Bischöfen und Kardinälen des II. Vatikanischen Konzils zeigen; unter geradezu abenteuerlichen Umständen schaffte es Pasolini diese mit dutzenden Taxi ins Kino an der Via Veneto zu bringen.

Viktor Hofstetter, Dominikaner, Zürich

Eucharistie im Alltag, 1.4.2021

Geschätzter Herr Wiedemeier,
ich achte Ihre Gedanken! Aber ich hoffe, dass das breite Angebot der Oneline-Gottesdienste bleibt, darum hier eine andere Perspektive. Die"geistliche Kommunion" in Abwertung? «Gemeinschaft auf TV- nur eine Fiktion"? Dürfen wir es wagen, so zu urteilen? Wissen wir, was der Einzelne erlebt? «Wir alle haben Anteil am einen Leib Christi!", so hören wir. Das Erleben im grossen Leib Christi ist je persönlich, niemand hat darüber zu urteilen. Persönlich verbinden und stärken in mir diese Gottesdienste das Bewusstsein für eine ortsübergreifende Kirche. Können wir ermessen, wieviel Kraft diese Gottesdienste Menschen zu geben vermögen in ihrer Alltagsbewältigung? Die hl. Messe ist eben nicht "nur" ein Geschehen von Menschen mit Menschen, sondern Begegnung und Beziehung darüber hinaus mit dem Unverfügbaren, Unfassbaren. Dies kann verschiedentlich im Vordergrund stehen! Wir bedürfen über die menschliche Hilfe und Gemeinschaft hinaus etwas, was nur von Gott selber geschenkt werden kann. Warum findet sowohl die kranke wie auch die depressive Bekannte über gute Übertragungen täglich soviel Kraft? Und warum bleiben von der Kirche enttäuschte Menschen treulich bei der sonntäglichen Übertragung ? Es übersteigt menschliches Zu-einander-Schauen. Digital bleiben auch die innerkirchlichen Spannungen wohltuend aussen vor, gerade weil man sich nicht kennt, sich aber in der einen inneren Ausrichtung auf das Geheimnis der Eucharistie hin zusammenfindet. (Was nicht heissen soll, dass wir dem Auftrag zum christlich ausgerichteten Zusammenleben im Alltag nachher ausweichen!) Ich hoffe sehr, dass Sie auch diese Gesichtspunkte verstehen.

Ruth Landtwing
 

Zum Verhüllungsverbot: Die Schweiz ist keine Insel, 5.02.2021

Elham Manea ist eine sehr vernünftige Frau, welche sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Leben islamischer Frauen befasst (diverse Publikationen, u. a. «Women and Shari'a Law: The Impact of Legal Pluralism in the UK»). Da sieht natürlich die Studie über eine einzige Muslima in der Schweiz mager aus. (Ich schäme mich für die Universität Luzern).

Wir werden am 7. März über die Verhüllung von Schweizer Musliminnen abstimmen, nicht über die Verhüllung der bedauernswerten Frauen in Afghanistan. Die Nikabträgerinnen hier tragen die Uniform des extremen, politischen Islam provokativ. Das hat nichts mit wirklicher Religiosität zu tun, im Gegensatz zu einer echt religiösen Haltung vieler muslimischer Frauen in der Schweiz, welche sich ganz normal kleiden oder höchstens ein Kopftuch tragen. Sie gilt es, zu fördern und ihnen eine Zukunft in unserer freiheitlichen Gesellschaft zu ermöglichen.

Maria Furrer-Nideröst, Herrenschwanden

 

«Einsatz für Gerechtigkeit ist politisch», 17.02.2021

Die Fastenzeit beginnt und bald feiern wir Ostern, das Fest der Auferstehung. Ich nutze die Fastenzeit gerne für den Verzicht und habe auch Verständnis, wenn dabei das «immer mehr» und der Konsum an sich hinter- fragt wird. Aber ich vermisse gerade in dieser Corona-Zeit das Wort der Kirche an all jene, welche den Tod fürchten. Müsste nicht gerade das nahende Osterfest daran erinnern, dass dieses Leben für Christ*innen nicht das einzige ist, oder ist der Glaube an ein Leben nach dem Tod gänzlich allen abhandengekommen? Ich finde, es wäre Zeit für ein Revival dieses Gedankens, damit die Angst der Zuversicht weicht, dass das Leben einen Sinn hat und mit dem Tod nicht endet. Das hätte mindestens ein bisschen Platz im «pfarrblatt» verdient nebst den ausführlichen politischen Klimadiskussionen etc., die ich an dieser Stelle nicht weiter kommentieren möchte.

Aliki Panayides, via E-Mail

Mit gemischten Gefühlen, 31.12.2020

Es ist meiner Frau und mir ein Bedürfnis, Ihnen für den grossartigen Ruf ins Neue Jahr von Frau J. Keune bestens zu danken. Es sind sehr bedenkswerte und gehaltvolle Überlegungen (speziell für uns ältere «Semester», die schon Einiges erlebt haben). Wir wünschen Ihnen alles Gute fürs Neue Jahr 2021.

Josef Zimmermann, Thun