Sommerserie 15 - Teil 2

Sprache(n) lernen

«Café Bruder Klaus» in Biel – Ein Raum für Pfarreimitarbeitende, QuartierbewohnerInnen, Passanten. Am 5. September ist Wiedereröffnung nach den Ferien.

Der hoch gewachsene Mann steht etwas verloren im Pfarreizentrum. An einem grossen Tisch beendet soeben eine Klasse von Unti-Kindern ihr Mittagessen  und schaut den unerwarteten Besucher etwa so erstaunt an wie er die Jugendlichen.

Auf die Frage, was man für ihn tun könne, sagt er: Hier Kurs? Deutsch  sprechen? Bald ist klar, dass er ins Pfarreizentrum gekommen ist für den  Deutschkurs, der jedoch erst in zwei Stunden beginnen wird. So setzt er sich  an einen freien Tisch, nimmt sein Buch hervor und beginnt eine Seite mit  Abbildungen von Lebensmitteln  zu studieren: Milch, Äpfel, Brot, Salat, Kaffee,  Bonbons. Seit rund einem Jahr bringt eine eritreische Frau den neu im   Durchgangszentrum Büren a. A. angekommenen Frauen und Männern ein  Grundwissen in Deutsch bei.
Im Anfang sass sie manchmal allein da, weil niemand kam, mittlerweilen wird ihr Angebot sehr geschätzt und rege genutzt, bereits unterrichtet sie zwei  Gruppen. «Ich habe selbst erfahren, wie wichtig es ist, möglichst bald Deutsch zu sprechen», sagt Lehrerin Nazita, «deshalb setze ich mich jetzt gerne als  Freiwillige für diesen Deutschkurs ein». Im Pfarreizentrum St. Katharina wird jeden Mittwoch ein Raum zur Verfügung gestellt für die eifrig Lernenden. Als der Kurs einmal gleichzeitig mit einem SeniorInnenanlass stattfand und dessen  Teilnehmende bemerkten, dass die «SchülerInnen» im Nebenzimmer nur mit Notizpapier und Kopien aus dem einzigen vorhandenen Buch ausgestattet waren, sammelten sie am gleichen Nachmittag Geld, so dass für alle  Kursteilnehmenden je ein Buch angeschafft werden konnte.

Miteinander reden

Gemeinsam eine Sprache finden ist auch im «Café Bruder Klaus» in Biel-Bienne ein wichtiges Anliegen. Die gleichnamige Pfarrei steht im Quartier Madretsch an verkehrsreicher Lage, es gibt hier wenig Orte, an denen sich die Anwohner treffen können. So ist mit dem «Café Bruder Klaus» ein Raum geöffnet worden für Begegnungen zwischen Pfarreimitarbeitenden, KirchgängerInnen,  QuartierbewohnerInnen, Passanten. Man kann hier miteinander plaudern, Zeitung lesen oder im Internet surfen, für Kinder hat’s Spielsachen und für alle gibt’s Kaffee oder Tee, kalte Getränke und Gebäck.
GastgeberInnen sind  Freiwillige, deshalb ist ein Betrieb rund um die Uhr nicht möglich. Im Moment ist das Café Mittwoch- und Donnerstagmorgen zwischen 9 und 12 Uhr geöffnet, am Freitag zwischen 9 und 18 Uhr. Für viele der Freiwilligen ist die Mitarbeit im  Café auch bereits eine Möglichkeit zu Kontakt mit anderen Menschen aus dem  Quartier und aus der Pfarrei.

Miteinander reden ist bei meinem Besuch in Bruder  Klaus angesagt: Gerne hätten die Betreiberinnen mehr Leute aus dem Quartier da, sie diskutieren eine ansprechendere Aussenwerbung auf dem  Trottoir, die Gestaltung eines Flyers, die nötige Von-Mund-zu- Mund-Propaganda.
Die soziokulturelle Animatorin Eliane Muff, die im  Pastoralraum Biel-Bienne - Pieterlen/Lengnau arbeitet, macht den Frauen Mut: Es brauche manchmal halt einfach etwas Geduld, um etwas wachsen zu lassen,  sagt sie zu Michaela, Annelise und Nora, die an diesem Morgen das Café betreuen. Leer ist dieses jedoch keineswegs: Im Café findet seit Frühling  2015 auch der von der Stadt Biel-Bienne organisierte und von Tamara Shalaby geleitete Sprachkurs «Eltern-Kind-Deutsch» statt.
«Wir sind überglücklich darüber, hier im Pfarrei-Café gratis einen idealen Ort zur Verfügung zu haben»,  sagt sie. «Das Pfarreiteam und die Freiwilligen unterstützen uns wunderbar,  einige Familien aus dem Quartier kannten das Pfarrei-Café bereits vorher, alle  kommen gerne hierher in den Sprachkurs.» So sitzen Frauen und Männer eifrig über Bücher und Blätter gebeugt, die Kinder machen zum Teil mit oder spielen  in einer Ecke. Kaffee und Getränke stellt die Pfarrei allen kostenlos zur  Verfügung. Ebenfalls im Café Bruder Klaus zugegen ist jeden Donnerstag Morgen die Organisation «SOS futures mamans». Diese ehrenamtliche Hilfsorganisation ist vor allem in der französischsprachigen Schweiz tätig und  bietet werdenden Müttern materielle, moralische, juristische oder medizinische  Unterstützung von Fachpersonen an. In der Kleiderstube können Mütter finden,  was ihnen für ihre Kleinen fehlt. Die Beraterinnen von «SOS futures  mamans» schätzen es, ihre Tätigkeit im Café Bruder Klaus, mitten in der Stadt   Biel, ausüben zu können.

An einem Tisch

Sprechtisch für Männer in Bümpliz. Sie stammen aus Kolumbien, Bolivien und aus der Schweiz

«Gastfreundschaft bedeutet, offen zu sein für einen Kulturaustausch, gwunderig zu sein für Andere und Anderes – und das heisst, miteinander zu reden, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln», sagt der in der Kirche auch  nach seiner Pensionierung engagierte Berner François Emmenegger. In der Berner Pfarrei St. Antonius hat François Emmenegger den «Sprechtisch» für  Männer ins Leben gerufen. Einen solchen gibt’s bereits für Frauen; die  Sozialarbeiterin Isabelle Altermatt vermittelt Frauen, die nicht ohne weiteres  von Zuhause wegkommen, eine gute Gelegenheit, einmal unter ihresgleichen zu sein und beim Plaudern miteinander auch noch gleich Deutsch zu lernen.
Bei Männern stelle sich die soziale Ausgangssituation etwas anders dar, meint  François Emmenegger, nicht hingegen die sprachliche: viele der Männer mit Migrationshintergrund sprechen nicht gut und nicht gern Deutsch, oft auch, nachdem sie bereits Jahre in Bern leben. Der «Sprechtisch» will hier auf eine  niederschwellige, unkomplizierte Art und Weise eine Möglichkeit zur  Verbesserung des Deutsch Sprechens sein.
Die Männer treffen sich mit François und zwei seiner Freunden zusammen jeden Donnerstag um 17 Uhr in der  Pfarrei. Zu dritt sind sie, damit möglichst alle anderssprachigen Teilnehmer die  Möglichkeit zum Reden haben. Manchmal gibt es Zweiergespräche, manchmal tauscht man sich in der ganzen Gruppe aus. Ein Tisch, Stühle, ein Krug Wasser und ein paar Gläser – mehr braucht es dazu nicht.

«Manchmal lesen wir  zusammen 20 Minuten, wir reden über alltägliche Anliegen und Probleme.» Auch  etwa darüber, wie schwierig es ist, in der deutschen Schweiz Deutsch zu  lernen: Dialekt kann kaum verstanden werden, wenn man die Sprache zu   lernen beginnt. Was ist richtig: Ja, Jo oder Jä? Was ist ein «Giel»? Oder gar ein  «Modi»? Und: Warum ist es für Einheimische so schwierig, Hochdeutsch zu sprechen mit Anderssprachigen? Am Sprechtisch werden nicht Grammatik geübt  oder Vokabeln ebüffelt, hier geht es einfach darum, as Reden zu wagen.  Behutsam korrigiert zu erden. Dabei kommen berührende  Lebensgeschichten zum Vorschein, wird Schönes und Schweres geteilt,  entstehen Kontakte. Da erzählt der über 70jährige Bolivianer, warum er in den  vielen Jahren, in denen er bereits in der Schweiz lebt, einfach stets ohne   Deutschkenntnisse ausgekommen ist, diskutiert der junge Kolumbianer mit  seinen Schweizer Sprechtisch- Kollegen seine Zukunftspläne, lacht ein anderer   mit François zusammen darüber, dass er zwar um die Hausecke wohnt, jedoch   beim Prairie-Zmittag in der Pfarrei Dreifaltigkeit durch einen Flyer auf den   Sprechtisch aufmerksam gemacht worden ist. «Es sind gute Momente der   Begegnung mit anderen Menschen», sagt François Emmenegger: «Kein hoch    gestochener Sprachkurs, sondern ein Versuch, im Kleinen damit zu beginnen,   einander besser zu verstehen. Ist das nicht grundsätzlich ein kirchliches  Anliegen?»

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Text: Marie-Louise Beyeler
Fotos: Pia Neuenschwander