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Alles auf Anfang?

Alle Jahre wieder heisst es Abschied nehmen von einem alten Jahr und einem neuen die Tür aufhalten, es begrüssen und den Sprung hinein wagen.

Dieser alljährliche Jahreswechsel hat seinen festen Platz nach Weihnachten, was im Grunde alles andere als selbstverständlich ist. Denn der Übergang unterbricht den Weihnachtsfeierkreis. Das Kind ist geboren, die Hirten haben es gefunden, und die Sterndeuter sind schon auf dem Weg.

Doch noch vor ihrer Ankunft dort ändert sich die Jahreszahl im Datum. Die Sterndeuter brechen im alten Jahr auf und finden das gesuchte königliche Kind im neuen Jahr. Auch im universitären Betrieb markiert der Jahreswechsel keine eigentliche Zäsur: Die Vorlesungszeit des alten Semesters wird zwar noch vor Weihnachten beendet, doch das akademische Semester dauert bis Ende Januar; der gelehrte Stoff wird zumeist erst im neuen Kalenderjahr geprüft und begleitet die Studierenden somit über den Jahreswechsel hinaus.

Man könnte also geneigt sein, zu sagen: Das neue Jahr kommt ungelegen. Es platzt quasi mit der Tür ins Haus. Sein Beginn unterbricht den natürlichen Lauf der Dinge und lädt mitten im Weihnachtstrubel beziehungsweise mitten im Lernstress zur Besinnung ein:
Was habe ich im alten Jahr alles erlebt? Welche Höhen und Tiefen habe ich durchschritten, und wer oder was hat mich auf diesen Wegen ermutigt und begleitet? Was ist mir wichtig geworden, und wo bin ich über mich selbst hinausgewachsen? Und welchen Schwung, aber auch welche Herausforderungen nehme ich mit ins neue Jahr? Worauf freue ich mich, und worauf gehe ich eher zögerlich zu? Was sind meine Hoffnungen und Wünsche? Und nach welchen Plänen will ich gestalten, was in meinem Gestaltungsspielraum steht?

Solche Fragen können ungelegen kommen. Sie können aufwühlen und Gedankengänge anstossen, die das Alltagsgeschäft vorerst ins Stocken bringen.

Möglicherweise kommen solche Fragen zu keinem Zeitpunkt gelegen, und es ist daher gut, dass sie ihren festen Platz haben nach den weihnachtlichen Hauptfeiertagen, wenn das Geschäft erst mal zur Ruhe gekommen ist. Wer innehält in dieser Zeit, muss nicht alles auf Anfang setzen. Doch man kann den Wechsel der Jahreszahl zum Anlass nehmen, bewusst unter neuem Vorzeichen weiterzugehen.

Isabelle Senn


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19. Dezember 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 1/2019