Die Künstler*innen: Marco Schmid, Fabienne Gaehwiler, Mario Gisler. Foto: Sylvia Stam

Kraft Kuchen: Gebrauchte Objekte wie die Linse eines Hellraumprojektors. Foto: Sylvia Stam

Kraft Kuchen: In den Boden des Bildstöcklis ist eine Wallwurz eingelassen. Sylvia Stam

Quo Vadis: Die Trauben haben braune Pünktchen, sie zersetzen sich bereits. Foto: zVg

«Als Künstlerin kann man sich dem Sakralen nicht entziehen»

Ein modernes Bildstöckli gestalten. Dieser Aufgabe stellten sich Studierende der Hochschule Luzern für Design und Kunst.

von Sylvia Stam

«Unser Bildstöckli ist aus alten Fenstern gemacht, es erinnert an ein Gewächshaus», beschreibt die Künstlerin Fabienne Gähwiler (23) ihre Kunstinstallation. «Zuerst fällt die goldene Rettungsdecke an der Rückwand ins Auge, die je nach Sonnenstand unterschiedlich schimmert», fährt ihr Künstlerpartner Mario Gisler (25) fort. «Dann sieht man vielleicht die Pflanze, die am Boden wächst, und wenn man näher kommt die gläserne Kugel, die darüber hängt», ergänzt Gähwiler, die im luzernischen Oberkirch aufgewachsen ist.

Idda-Legende aktualisieren

Die beiden Studierenden der Hochschule Luzern für Design und Kunst haben eines von vier zeitgenössischen Bildstöckli gestaltet, die entlang eines Wanderwegs stehen, der vom Kloster Fischingen zur Anhöhe Ottenegg führt. Anlass ist das 150-Jahr-Jubiläum der beiden Landeskirchen im Kanton Thurgau. Projektleiter Reto Friedmann gelangte mit seiner Anfrage an die Luzerner Hochschule.

Gähwiler und Gisler liessen sich von der Legende der heiligen Idda inspirieren. Sie lebte im 13. Jahrhundert als Inklusin beim Kloster Fischingen. «Idda ist sehr präsent in dieser Region», sagt Gisler, der aus Andermatt stammt. Er erwähnt ihr Grab in der Klosterkirche und die Idda-Kapelle auf der Ottenegg. Bis heute beteten Menschen zu ihr, etwa um von Beschwerden an den Füssen befreit zu werden.

«Unser Bildstöckli ist eine künstlerische Umsetzung der Idda-Legende», so Gähwiler, und erwähnt die Pflanze, die innerhalb des Stöcklis in die Erde eingelassen ist: Die Wallwurz soll gegen Schmerzen in den Beinen helfen. Damit werde das Stöckli selber ein Stück dieser Legende, «ein Teil dieses Kuchens», sagt Gisler mit Bezug auf den Titel ihrer Installation: «Kraft Kuchen».

Gebrauchte Objekte

Dass die Pflanze die Ausstellungsdauer vielleicht nicht überleben wird, ist Teil des Projekts: «Uns interessiert die Veränderung», erklärt Gisler. Deshalb bestehe das Stöckli auch aus gebrauchten Objekten: Fensterscheiben, die Linse eines Hellraumprojektors, Rettungsdecke. «Diese Objekte werden in die Idda-Geschichte transformiert», sagt Gähwiler.

Veränderung ist auch Thema der Installation von Marco Schmid: «Eine fast menschengrosse grüne Traube, die infolge der Corona-Pandemie nur virtuell zu besichtigen ist, liegt am Boden. Ihr Stiel ist an einem Holzbalken befestigt, an dem sich Eisenhaken mit Einbuchtungen befinden, sodass die Traube geschultert werden kann», beschreibt Schmid (43) sein Objekt. «Die Trauben haben braune Pünktchen, sie zersetzen sich bereits.»

Thurgauer Kulturgut

Die Installation – beziehungsweise der Hinweis auf den QR-Code und die dazugehörige App – befindet sich an einer Wegkreuzung, «wie oft bei Bildstöckli», erläutert der in Luzern tätige Theologe, der in Langenthal aufgewachsen ist. Die Installation mit dem Titel «Quo vadis» lade denn auch zum Wegtragen ein, und sie reflektiere das Thema der Ausstellung: «Wohin führt das Verhältnis von Kirche und Staat?»

Zur Traube gebe es viele biblische Bezüge, ebenso sei sie im Kanton Thurgau ein wichtiges Kulturgut, so Schmid.

Kommunikation durch Bilder

«Bildende Kunst ist Kommunikation durch das Bild. Die katholische Kirche hat eine lange Tradition darin. Wie kann sie heute mittels Bildern kommunizieren?», erläutert Schmid sein persönliches Interesse am Thema. Es gehe in der Kunst wie in der Theologie um existenzielle Themen: Zerfall, Wandlung, Fruchtbarkeit. Er ist überzeugt, dass «die grossen Fragen des Lebens im Kern religiöse Fragen sind». Gar so weit gehen Gisler und Gähwiler nicht. Doch auch für sie, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, ist «Religion einfach da, ob man sich dazu bekennt oder nicht», sagt Mario Gisler. «Als Künstlerin kann man sich dem Sakralen nicht entziehen», pflichtet seine Partnerin ihm bei. Denn auch bei der Kunst gehe es um die Schöpferkraft.

 

Ausstellung bis 18. Oktober.  Weitere Infos finden Sie HIER

10. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 16
  • Pfarrblatt / Angelus