Der Sittener Bischof Jean-Marie Lovey an einem Pressegespräch in Rom. Er soll die Schweizer Katholikinnen und Katholiken an der Familiensynode vertreten. Foto: Andrea Krogmann

Am Ende bestimmt der Papst

Beinahe wäre sie mit einem Skandal gestartet: Am Vortag der Eröffnung der Weltbischofssynode hatte sich ein polnischer Vatikan- Prälat als praktizierender Schwuler geoutet. Gleichzeitig versammelten sich Zehntausende zu einer Gebetsvigil, um für klare Worte der Synode für die traditionelle katholische Familienlehre zu beten.


Die beiden Lager, schien es, waren damit nicht nur in der Synodenaula im Vorfeld schon abgesteckt. Die Synodenväter hingegen bemühten sich in der ersten und zweiten Woche sichtlich, bei allen Gegensätzen eine Eskalation zu vermeiden. Konkrete Ergebnisse waren zum Abschluss des zweiten Synodendrittels nicht zu erwarten. Die ersten Zwischenberichte zeigen aber Tendenzen.

Papst mit deutlichen Worten

Zum Auftakt machte Papst Franziskus noch einmal klar, worumes ihm geht: Die Synodenteilnehmer sollen in einen offenen Dialog treten und einander zuhören. Dabei setzt er auf die Arbeit im kleinen Kreis: 13 Sprachzirkel – vier auf Englisch, je drei auf Französisch und Italienisch, zwei auf Spanisch und einer auf Deutsch – diskutieren insgesamt fast 40 Stunden lang und gewinnen damit gegenüber dem Plenum an Gewicht. Zugleich hat Franziskus deutlich gemacht, dass er das Zepter nicht aus der Hand zu geben gedenkt: In einer ungewöhnlichen Wortmeldung am zweiten Synodentag unterstrich er die Kontinuität zwischen der Bischofssynode 2014 und dem gegenwärtig Treffen. Ein Zurück hinter das 2014 Erreichte, wie manche Konservative es wünschen, wird es nicht geben.
Das Ergebnis der Synode liegt nicht in den Händen ihrer Teilnehmer, sondern des Papstes, hatte am ersten Synodentag der einzige Schweizer Vertreter, der Sittener Bischof Jean- Marie Lovey, bei einem Pressegespräch betont und mögliche Überraschungen nicht ausgeschlossen: «Wir müssen uns darauf vorbereiten, etwas anzunehmen, was wir vielleicht nicht erwartet haben!» Von dem ausdrücklichen Recht, während der Beratungen über deren Verlauf und seine persönlichen Eindrücke zu kommunizieren, will der Schweizer Bischof – entgegen vieler Amtsbrüder – keinen Gebrauch machen.
Unterdessen diskutiert Lovey im französischsprachigen Gesprächskreis «Circulus Gallicus A» zusammen mit rund 20 Synodenvätern, Experten und Gästen. Die Gruppe um Moderator Kardinal Gérald Cyprien Lacroix (Kanada) und Berichterstatter Erzbischof Laurent Ulrich (Frankreich) forderte in ihrem ersten Zwischenbericht, nicht nur die vielen Schwierigkeiten und Herausforderungen zu sehen, sondern einen Akzent auf die vielen gelungenen Familien zu legen. Der «Circulus A» plädiert für mehr Offenheit und für eine Sprache, «die den Dialog mit unseren Zeitgenossen favorisiert».

Afrikaner überraschen

Ähnlich der Tenor aus anderen Sprachzirkeln: Eine allgemeinverständlichere Sprache sei nötig, der Fokus auf die Probleme zeichne ein zu negatives Bild. Die mit fünf Kardinälen und einem Patriarchen hochkarätig besetzte deutsche Gruppe ging noch einen Schritt weiter und forderte, die Kirche dürfe nicht «zu sehr in eine Überbewertung der eher pessimistischen Wahrnehmung unserer Gesellschaft verfallen». Auch Selbstkritik wurde geäussert. Einer der englischsprachigen Zirkel etwa forderte ein Schuldbekenntnis der Bischöfe für ihr Versagen in der Familienpastoral. Fast schon für Erstaunen sorgten einzelne Wortmeldungen aus Afrika, etwa gegen die Diskriminierung von Homosexuellen – traten doch bei der Synode 2014 vor allem die Bischöfe vom schwarzen Kontinent als Hardliner auf.

Heisse Eisen kommen erst

Auf dem Papier war es allen bekannt: Die tatsächliche kulturelle Vielfalt wird – glaubt man den einzelnen Zwischenberichten – dennoch erst im direkten Miteinander in den Sprachgruppen zur erlebten Realität. Bei aller spürbaren und ausgesprochenen Unsicherheit in Bezug auf Franziskus’ neue Herangehensweise scheint seine Strategie in dieser Hinsicht aufzugehen: Die Kleingruppen diskutieren intensiv, vor allem aber hören die Vertreter aus den unterschiedlichsten sozialen und kirchlichen Realitäten einander zu und tauschen sich aus. Im Plenum von 270 Synodenvätern aus fünf Kontinenten wäre dies kaum möglich.
Auch wenn es zum Ende der zweiten Woche laut Vatikansprecher Federico Lombardi «kleine Anfänge einer Debatte mit den bekannten unterschiedlichen Positionen» gegeben hat: Der befürchtete Richtungskampf zwischen den Lagern von Reformern und Konservativen blieb bislang weitestgehend aus. Allerdings werden die wirklich heissen Eisen – der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und mit Homosexuellen – auch erst in der aktuellen Synodenwoche behandelt.

Andrea Krogmann

21. Oktober 2015