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Antijudaismus, der – (Teil 1)

Antisemitismus, heisst es, werde wieder salonfähig. Das scheint grotesk, wähnt man doch im Jahr 2020 solche verabscheuungswürdigen Gesinnungen endgültig für überwunden – nicht zuletzt, weil die neue Rechte doch jetzt Muslim*innen zur «Bedrohung des christlichen Abendlandes» stigmatisiert. Aber der Anschlag im deutschen Halle im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass für Neonazis, nur weil sie eine neue Zielscheibe für ihren Hass gefunden haben, das alte Feindbild noch lange nicht ausgedient hat.

Judenfeindlichkeit hat nicht nur in Deutschland traurige Tradition. Sowohl in christlichen als auch in muslimischen Ländern ist Antisemitismus dunkler Teil der Geschichte – unabhängig von Epoche oder politischer Orientierung. Politisch motiviert war der Judenhass sowieso immer nur zum Teil. Dahinter stand vielmehr als historische Voraussetzung, jedenfalls in Europa, der christliche Antijudaismus. Juden und Jüdinnen wurden in ganz Europa als sogenannte «Mörder Christi», als «Verleugner der wahren Lehre» verfolgt und ermordet. Schon in den ersten Jahrhunderten, besonders mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion, hetzten christliche Bischöfe gegen jüdische Gemeinschaften und christliche Mönchsgruppen zerstörten Synagogen. Zahllose antijüdische Schriften mittelalterlicher Theologen impften dem christlichen Abendland ein tiefes Misstrauen gegenüber der jüdischen Bevölkerung ein. Und die Kreuzfahrer betrachteten Juden und Jüdinnen als Verbündete der Muslim*innen und richteten Massaker unter allen jüdischen Gemeinschaften an, die entlang der Routen ins Heilige Land siedelten.

In all diesen Epochen spielte die katholische Kirche eine gewichtige Rolle – indem sie sich gegen die Juden und Jüdinnen als Bedrohung für das Christentum in Stellung brachte. Sie zensierte und verbrannte jüdische Schriften und gebot ihren Gläubigen, besonders im 18. und 19. Jahrhundert, das Eintreten gegen die «schädlichen Einflüsse von Juden und Jüdinnen in Kultur und Wirtschaft». Der Boden, auf dem der Judenhasser des 20. Jahrhunderts säte, war damit gepflügt.

Sebastian Schafer

«Katholisch kompakt» im Überblick

 

 

18. Dezember 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 1
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