Ein Mann protestiert während einer Nachtwache in Santiago de Chile gegen sexuelle Ausbeutung und für Transparenz in der katholischen Kirche. Foto: Reuters/Ivan Alvarado

Aufräumarbeit in der Kirche

Vor dem Hintergrund der Skandale um sexuelle Gewalt in der Kirche fragen wir den Leiter des Priesterseminars St. Beat Luzern, Dr. Agnell Rickenmann, wie Priester heute auf den Zölibat vorbereitet werden und was sich in der Ausbildung geändert hat.

Interview: Andreas Krummenacher


«pfarrblatt»:
Mit welchen Gefühlen sehen Sie der vatikanischen «Tagung zum Schutz von Minderjährigen in der Kirche» entgegen, was erwarten Sie?

Agnell Rickenmann: Ich versuche zuerst, mich davor zu hüten, übertrieben viel zu erwarten: Also etwa im Sinne der Illusion, dass damit dann alle Probleme gelöst seien, oder die katholische Kirche alle ihre Strukturen verändere. Aber: Ich denke, dass die Kirche damit ein gutes Signal setzt, in dem Sinn, als dass sie sich endlich wirklich und ehrlich mit dem dornenvollen Thema auseinandersetzt. Und das tut die Kirche als «Ganzes», indem sie sich ernsthaft vor den Augen der ganzen Welt bemüht, die schlimmen Erfahrungen und Tatsachen nicht unter den Teppich zu kehren, sondern endlich offensiv einen Riegel zu schieben – wie immer dann auch Massnahmen und Entscheidungen aussehen mögen.

Was lösen Berichte über Missbräuche bei Ihnen als Priester aus?

Es ist für mich besonders stossend und schmerzhaft, wenn sich Priester oder kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Missbräuche oder ähnliche Grenzüberschreitungen zuschulden kommen lassen. Viel an Glaubwürdigkeit geht dabei verloren. Es ist inzwischen bekannt, dass aber nicht nur zölibatär lebende Mitarbeiter der Kirche sich solches Fehlverhalten zuschulden kommen liessen, sondern auch verheiratete.
Es handelt sich hier also nicht einfach um das Thema Zölibat, sondern viel weiter um eine Frage der Kultur der Strukturen und die Frage, ob das System angstbesetzt verschlossen oder kommunikativ offen ist auch im Umgang mit der Frage von Affektivität und Sexualität. Dies gilt gleichermassen für zölibatäre wie auch für verheiratete Männer.

Wird jemand speziell geprüft, wenn er Priester werden will? Gibt es ein Aufnahmeverfahren und ist dabei Sexualität ein Thema?

Natürlich tun wir heute in der Ausbildung von Priestern alles, um zu verhindern, dass Männer mit Problemverhalten in den kirchlichen Dienst aufgenommen werden, dazu gibt es verschiedene Kriterien. Zuerst muss jemand einen guten Leumund mitbringen, von Menschen, die ihn kennen, aus der persönlichen Umgebung und etwa aus der Pfarrei, wo jemand aufgewachsen ist.

Dann gibt es die Vorsichtsmassnahmen, die heute in unserer Diözese flächendeckend auf alle angewendet werden, so muss jemand beim Eintritt ins Priesterseminar einen Betreibungsregisterauszug, einen Strafregisterauszug und einen Sonderprivatauszug abliefern, damit klar ist, dass hier keinerlei Vorbelastungen vorliegen. Der Sonderprivatauszug zeigt uns, dass jemand nicht straffällig geworden ist mit einem Verhalten (Missbrauch), was sonst gegenüber schutzbedürftigen Personen (z. B. Kindern, kranken Menschen) ein klares Berufsverbot bedeutet.

Wie geht das im Verlauf der Ausbildung weiter, wie werden die Männer auf das Leben im Zölibat, ohne Sexualität, vorbereitet?

GeneraEs ist klar, dass die bereits genannten Kriterien noch nichts definitiv über die Eignung von Priesteramtskandidaten zu einem zölibatären Leben aussagen. Wir, d.h. der Regens, der Spiritual, die geistlichen Begleiter, das Ausbildungsteam der Diözese, die Professor*innen an der Universität, sprechen heute diese Thematik von verschiedenster Seite an. Da sind die Standortgespräche, die bei Priesterkandidaten sicher auch dieses Thema beinhalten, dann gibt es verschiedene Austausch- und Informationsanlässe zum Thema Affektivität und Spiritualität, besonders nennen möchte ich das Wochenende für Seminaristen, bei dem in Begleitung eines Psychologen unter den Studenten offen über den Umgang mit Sexualität und Zölibat gesprochen wird und auch Hilfestellungen angeboten werden.

In der geistlichen Begleitung durch den Spiritual ist dies im persönlichen Gespräch sicher ein Thema. Ebenso wird von allen (nicht nur Priesterkandidaten) der Besuch des Präventionskurses «Nähe–Distanz» verlangt, ohne all diese Elemente kommt jemand nicht weiter. Zudem kann manches auch in alltäglichen, zwischenmenschlichen Gesprächen thematisiert und im Seminar in einem ungezwungenen Rahmen auch die zölibatäre Lebensform eingeübt werden.

Hat sich aufgrund der sexuellen Übergriffe in der Vergangenheit und der Berichterstattung darüber in der Ausbildung etwas verändert?

Ja, eindeutig, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist der Druck, unter Generalverdacht zu stehen, manchmal belastend, nicht nur für uns Ausbildende, sondern auch für die Studenten. Zum andern ist es aber auch ein Segen: genauer hinzuschauen und von Anfang an einen anderen Umgang mit der Körperlichkeit zu lernen, Dinge, Beobachtungen und unverzichtbare Verhaltensregeln klar anzusprechen gehören heute zur Grundausstattung der Ausbildung. Dazu gehören verschiedene Lernelemente zu einem guten Umgang mit Nähe und Distanz in der seelsorgerlichen Arbeit.

Wie war das in Ihrer Studienzeit?

Meine Generation wurde thematisch wenig und ungenügend auf die zölibatäre Lebensform vorbereitet, vor allem auch im Hinblick darauf, dass sich seit mehr als einer Generation das Verhältnis zum Leib grundlegend verändert hatte. Zu meiner Zeit merkte ich, dass das Thema bei unseren Ausbildnern aufgrund einer gewissen Ratlosigkeit vor diesem Wandel tabu oder angstbesetzt war, entsprechend verkrampft reagierten wir wohl auch in unseren ersten Jahren als junge Priester.

Braucht es nicht tiefgreifende Strukturreformen in der Kirche und Wahlfreiheit hinsichtlich der Lebensform bei Priestern? Das Thema wird sich nicht einfach so in Luft aufzulösen.

Es mutet mich etwas naiv an, zu meinen, dass man mit Strukturreformen allein oder der bestmöglichen Ausbildung diese Probleme auf einen Schlag lösen könnte. Wir Ausbildner wissen beispielsweise nie, wie sich jemand persönlich weiterentwickelt und was topmotivierten Leuten im Leben alles widerfährt. Mein Wunsch wäre, dass die Kirche im Umgang mit dieser Thematik zu einer neuen Klarheit kommt: Ich wünschte mir grundlegend einen grosszügigeren, unverkrampfteren Umgang mit den Themen Sexualität und Zölibat, eine Offenheit durchaus in Klarheit und Respekt vor dem Leben, vor verschiedenen Lebensformen und Ehrfurcht auch im Reden miteinander und übereinander – und dies in jeder Hinsicht.

 


Dr. Agnell Rickenmann (55),
aus Solothurn. Matura in Einsiedeln, Studium in Theologie und Philosophie in Rom und Strassburg. 1989 wurde Agnell Rickenmann zum Priester geweiht. 1990–1993 war Agnell Rickenmann Vikar an der Dreifaltigkeitspfarrei in Bern. Er hatte verschiedene Pfarrstellen und Dekanatsleitungspositionen inne, und nahm akademische Lehrtätigkeiten an den Universitäten Lugano und Luzern wahr.
2001–2006 war Agnell Rickenmann Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz. Er ist Domherr des Standes Solothurn und Mitglied im Bischofsrat.

Seit September 2017 ist Agnell Rickenmann Regens, also der Leiter, des Seminars St. Beat in Luzern. Es ist das einzige Priesterseminar des Bistums Basel, zum dem auch der Kanton Bern gehört.

Auf der Website des Seminars steht, dass es darum gehe, «Menschen für die Weitergabe des Evangeliums und für den Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft auszubilden und vorzubereiten». Im Jahr 2013 wurde das Priesterseminar komplett reorganisiert. Es ist heute auf verschiedene Standorte in Luzern verteilt und wird vom Regens und von einem Ausbildungsteam geleitet. Ausbildungsleiterin ist Dr. Elke Freitag, Mentorin ist Dr. Jeanette Emmenegger und Spiritual ist P. Edwin Germann.

Derzeit sind rund 100 Studierende für den kirchlichen Dienst im Bistum Basel in Ausbildung. Davon sind 10 bis 15 Perso- nen Priesteramtskandidaten. Das Ausbildungsteam betreut daneben auch Pastoralassistent*innen, Studierende der Religionspädagogik und künftige Diakone. Es wird versucht, «alle Gruppen auf ihren spezifischen Berufsweg vorzubereiten und dabei die Gemeinschaft im Blick zu behalten».

Andreas Krummenacher

20. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 5
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