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News-Artikel

Den Mut haben, Türen, Fenster und Herzen zu öffnen. Foto: iStock/Marina113

Berührungsängste

Wechselspiel von Berühren und Berührt-Werden als Grundlage jeder Beziehung. Andreas Knapp schreibt

In einem Schlager hiess es: «Tausendmal berührt – tausendmal ist nichts passiert!» Warum ist so oft nichts passiert? Es gibt Berührungen, die uns kalt lassen. Wenn ich etwa in einem überfüllten Bus von allen Seiten gedrückt und geschoben werde, so werde ich zwar berührt, aber nur äusserlich. Andererseits wollen wir manchmal jemanden berühren, doch wir erreichen ihn nicht, da sich der andere abgeschottet hat und mit uns gar nichts zu tun haben will.

Menschen haben Angst vor Berührungen, weil ja tatsächlich etwas passieren könnte: Eine Begegnung kann herausfordern und verändern. Da bleiben viele dann lieber in ihrer Rüstung und klappen das Visier herunter. Die Folge davon ist Einsamkeit. Der Mensch schliesst sich wie in einer Festung ein, die letztlich zum Gefängnis wird.

Wir Menschen sehnen uns nach Kontakt und Nähe. Doch wir müssen auch die Erfahrung machen, dass wir verletzt werden. Dann ziehen wir uns zurück – wie ein Schalentier in ein hartes Gehäuse. Die Mauer jedoch, die den Menschen schützen soll, sperrt ihn zugleich auch ein.

Leben aber findet der Mensch nur in Beziehung und das heisst im Wechselspiel von Berühren und Berührt-Werden. Doch dazu müssen wir die Festung zu einem offenen Haus umbauen, das heisst: Fenster und Türen in die Mauern brechen, damit Kontakte möglich werden. Wenn aus der Burg ein Haus geworden ist, dann kann ich mich dorthin zurückziehen, um mich zu schützen. Ich kann mich aber auch öffnen, um Gäste zu empfangen und mit anderen in Kontakt zu treten.

Die Bibel erzählt von Jesus, dass er genau solche Menschen berührte, die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Und er liess sich berühren, etwa von Kranken. Diese Berührungen waren heilsam: Fremde wurden integriert, Ausgestossene fanden wieder ihren Platz. Für Jesus waren solche Berührungen Zeichen dafür, dass Gottes neue Welt beginnt: Unsere Welt kann heiler werden, wenn wir uns dem Fremden öffnen. Im Berührt-Werden und Berühren, da passiert etwas. Also: keine Berührungsängste!

 

 

Andreas Knapp

… gehört der Ordensgemeinschaft «Kleine Brüder vom Evangelium » an. In Leipzig engagiert er sich in der Flüchtlingsarbeit und Gefängnisseelsorge.

Illustration: schlorian

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

20. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 5
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