Bild: Glaube (Fides), Liebe (Caritas), Hoffnung (Spes). Allegorische Zeichnung, Julius Schnorr von Carolsfeld, 1911, wikimedia

Caritas, die –

Glaube, Liebe, Hoffnung – das sind die drei christlichen Tugenden, die jede*r Gläubige verinnerlicht haben sollte. Glaube, Liebe und Hoffnung sollen also aktiv praktiziert werden, aber noch viel stärker sollen die drei Tugenden in das alltägliche unbewusste Handeln und Denken eingehen. Was bedeutet das?

Vielleicht hilft es, den Begriff der christlichen Tugend am Beispiel der Liebe, lateinisch Caritas, näher zu betrachten. Caritas umfasst in diesem Zusammenhang die tätige freundschaftliche, sorgende Nächstenliebe, die sich in materieller und immaterieller Fürsorge ausdrückt. In der frühen Kirche waren die Diakone zuständig für die «Umsetzung» der Caritas: Sie sorgten für die Bedürftigen und halfen Menschen in Not. Das machte die frühe Kirche populär – und sorgte für Akzeptanz vonseiten der Herrschenden.

Heute versieht die katholische Kirche immer noch zahlreiche karitative Dienste. Jedoch kann, genau wie Glaube und Hoffnung, die Liebe nicht einfach an die Institution Kirche delegiert werden – auch wenn dies in der Vergangenheit mehr als oft getan wurde, mit verheerenden Folgen. Das Merkmal einer christlichen Tugend ist es, dass sie von allen Gläubigen verinnerlicht werden muss, also zu einem leitenden Thema des eigenen Verhaltens wird. Denn: Wie soll ein Unternehmen oder eine Regierung zu tugendhaftem Handeln geführt werden? Sind Institutionen, in denen der Mensch hinter der Struktur verschwindet, nicht grundsätzlich menschlichen Werten wie Nächstenliebe entgegengesetzt?

Genauso aber wird umgekehrt, wenn es um Fürsorge geht, oft die individuelle Ebene überbetont – Fürsorge könne nicht institutionalisiert werden und habe nichts zu tun mit Politik oder gesellschaftlichen Entscheiden. Natürlich: Die Nächstenliebe muss immer Leitstern des eigenen Verhaltens sein. Das beinhaltet, im Gegenüber zuerst die guten Absichten zu finden versuchen, grosszügig zu sein, über die eigenen Bedürfnisse hinauszudenken. Aber es bedeutet auch, sich einzusetzen, damit strukturelle Probleme behoben werden – und das beinhaltet, auf einer höheren Ebene als nur der eigenen Wohltätigkeit von Liebe zu reden.

Sebastian Schafer

«Katholisch kompakt» im Überblick

5. August 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 17
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