36 000 Namen ertrunkener Menschen wurden aufgeschrieben. Foto: zVg

Das Kind ist volljährig

Die «offene kirche bern» feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Zeit für einen dankbaren Blick zurück zu den Anfängen, einen wachen Blick aufs Jetzt und einen zuversichtlichen nach vorne.

Von Irene Neubauer, «offene kirche bern»

Von der Strasse in die Kirche geholt.

Bevor die Heiliggeistkirche beim Bahnhof 1999 auch zum Raum für die «offene kirche bern» wurde, hatte sich rund um die Kirche die Drogenszene Berns etabliert. In die Kirche zu gelangen, war manchmal eine Art Spiessrutenlaufen für die Gottesdienstbesuchenden. Die kirchlichen Behörden sannen auf Abhilfe. Es stand die Idee im Raum, die Treppen ständig zu bewässern, um die Leute zu vertreiben. Dieses Vorgehen stiess jedoch auf Widerstand. Die Mehrheit des Kirchgemeinderates entschied: «Wir können nicht am Sonntag hier das Evangelium predigen und anhören und unter der Woche so mit Randständigen umgehen.» Statt diese Menschen loszuwerden, machte die Gemeinde ihre Türen auf: Sie holte die Randständigen in die Kirche.
Für diese mutige Offenheit dürfen wir der Kirchgemeinde dankbar sein. Dankbar sein dürfen wir auch der interreligiösen Trägerschaft des Vereins Offene Heiliggeistkirche Bern, zu der neben den drei Landeskirchen auch von Anfang an die Jüdische Gemeinde Bern gehört.

Offen für alle.

Seit der Gründung der Kirche im 12. Jh. durch die Spitalbrüder zum Heiligen Geist war dies ein Ort der Sorge um Arme, Kranke und Randständige. Dieser Genius loci ist seit achthundert Jahren lebendig und prägend. Dieser Geist wirkt auch heute weiter; zum Beispiel in der jeweils zu zweit aus einem grossen Freiwilligenteam betreuten Kaffee-Ecke – dem Herzstück der «offenen kirche bern».
Für viele Menschen mit Migrationshintergrund, für Menschen ohne festes Zuhause oder für einsame und sozial isolierte Personen ist es ein täglicher Treffpunkt. Hier sind alle willkommen und können bei einem Gratisgetränk miteinander oder auch mit den Freiwilligen ins Gespräch kommen. Vor allem im Sommer finden auch Tourist*innen aus aller Welt den Weg hierher und das ganze Jahr über Pendler*innen oder Einkaufende. Es ist ein Ort, wo Menschen aller Nationen und Schichten willkommen sind.

Labor mit gewisser Narrenfreiheit.

Die «offene kirche bern» bietet auch ein reiches Veranstaltungsprogramm. Dazu gehört das feste Wochenprogramm mit dem täglichen Seelsorge-Angebot «ganz Ohr», dem Auftank-Moment «halb eins – Wort Musik Stille» jeweils am Mittwochmittag und dem Orgelpunkt am Freitagmittag. Oder die Frauenrituale acht Mal im Jahr und das monatliche offene Singen mit «StimmVolk Bern» und die Männermeditation. Teil davon sind auch die Fixpunkte wie Museumsnacht, Festival der Kulturen oder Musikalischer Adventskalender.
Die «offene kirche bern» versteht sich ebenfalls als ein Ort für Menschen auf der Schwelle, für Zweifler*innen und Suchende, die nicht mehr wirklich beheimatet sind in einer Kirchgemeinde, aber offen für neue Formen von Spiritualität, mit interreligiöser Ausrichtung. Es gehört auch zu ihrem Auftrag, aktuelle religiöse und soziale Themen aufzugreifen. Beispielsweise mit der Einladung des holländischen Pastors Claas Hendricksen, der sich bewusst als Atheist bezeichnet.

Dezidiertes soziales Engagement.

Ein drittes Standbein ist das soziale Engagement, besonders in den Bereichen Migration und Nachhaltigkeit, beispielsweise rund um den Flüchtlingstag diesen Juni mit der viel beachteten Aktion «Namen nennen», wo die Namen der mehr als 36 000 in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunkenen Frauen, Männer und Kinder aufgeschrieben und in einer 24-Stunden-Aktion öffentlich gelesen wurden. Oder mit dem Foodsave-Festival und der Beteiligung am Internationalen Kauf-Nix-Tag. Wichtig dabei ist auch die Vernetzung mit anderen Organisationen und die Mitarbeit von vielen motivierten Freiwilligen.
Was also 1999 aus einer Notsituation entstanden ist, entwickelte sich über die Jahre zu einer Erfolgsgeschichte: Die Zahl der Besuchenden steigt kontinuierlich – 2018 waren es rund 68 000.
Die «offen kirche bern» ist ein Ort, an dem viele, ganz unterschiedliche Menschen innehalten und auftanken, sich inspirieren und herausfordern lassen, sich begegnen und engagieren – das lässt uns zuversichtlich nach vorne schauen.

 

«Gut, besser, ausgebrannt – Selbstoptimierung»
Isabelle Noth, Professorin am Institut für praktische Theologie der Uni Bern, gibt in der «offenen kirche bern» im Gespräch mit Irene Neubauer Impulse zum Thema Selbstoptimierung, Chancen und Gefahren. In einem zweiten Teil antwortet sie auf Fragen aus dem Publikum. Der Abend findet im Rahmen der anfangs November durchgeführten EinkehrWoche «Stop nonstop» statt: Dienstag, 5. November, 19.00.
Infos: www.offene-kirche.ch

 

 

30. Oktober 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 23
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