Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt im Oktober 1986 in Darmstadt. Foto: Keystone, Kurt Strumpf

Der Mensch in seinem Labyrinth

Auch Professoren irren. Als der Student Friedrich Dürrenmatt eine Seminararbeit zurückerhält, warnt Fritz Strich, Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Bern: «Verfallen Sie ja nicht auf die Idee, sich mit Literatur zu beschäftigen.» Er ahnt nicht, dass vor ihm der spätere Weltautor aus dem Emmental steht.


Autorin: Beatrice Eichmann-Leutenegger

Tatsächlich hätte sich dem Studenten, der kompromisslos das Künstlertum anstrebte und damit gegen den Vater revoltierte, eine zweite Möglichkeit angeboten: das Malen. Bereits während des Studiums entstanden Federzeichnungen und Gemälde sowie literarische Texte. Es zeigte sich eine Doppelbegabung; hier wie dort wütete auf dem Urgrund das Chaos. 1942 bezog er eine Mansarde über der Wohnung der Eltern an der stadtbernischen Laubeggstrasse 49, wo der von Bildern geradezu Getriebene die Wände bemalte.

Heute kann man über die Gestaltungskraft des Visionärs nur staunen. In seinem OEuvre leben die Mythen der Antike – Minotaurus, Atlas, der Turmbau von Babel – und christliche Themen wie Kreuzigung und Auferstehung, Hölle und Paradies weiter. Die Herkunft aus dem Konolfinger Pfarrhaus leugnet er nicht, auch wenn er sich in seinem Hang zur Groteske dem Kanon verweigert und gegen Ideologien jeder Couleur rebelliert. Der genuine Protestant tritt nach seinem eigenen Gesetz an.

Nicht Orientierung in einer irrwitzigen Welt, die nur in Gleichnissen, nur noch in Komödien darzustellen war, versprach der an Kierkegaard geschulte Dürrenmatt. Er wagte den Sturz ins Nichts, setzte sich dem Zweifel aus, wählte das Paradox als Denkfigur und akzeptierte das Dasein als Labyrinth. Auf die Frage, ob er, der vorerst als christlicher Dichter galt, Agnostiker oder Atheist gewesen sei, gibt es keine eindeutige Antwort. «Ich bin ein Pfarrerssohn. Ich habe immer an Gott gezweifelt (…). Ich hielt Gott für möglich, aber nicht für sicher», sagte er 1988 («Pflicht zum Atheismus»). Das Verhältnis zwischen Wissen und Glauben beschäftigte ihn, den Leser von Karl Barths «Kirchlicher Dogmatik», bis zuletzt. Für Peter Rüedi liegt «in der religiösen Grundierung seines Atheismus, in der Ahnung von einem Ganzen» die künftige Aktualität Dürrenmatts. Indessen zählte der persönliche Glaube zu einer Intimität, die er, «ein schamhafter und zurückhaltender Mensch», nicht preisgeben wollte.

Auch sein Familienleben wahrte er strikt vor den Augen der Öffentlichkeit; in der Freundschaft schätzte er Distanz. Von der Suchtkrankheit und den Depressionen seiner Frau Lotti wussten nur wenige. «Wer das Scheitern nicht wagt, der soll die Hände von der Kunst lassen», sagte Dürrenmatt («Portrait eines Planeten»), dessen Lieblingsgestalt Sisyphos war. Zu Beginn kämpfte das Paar mit grossen finanziellen Schwierigkeiten. Die ersten Stücke endeten in Theaterskandalen («Es steht geschrieben», 1947) oder im grandiosen Fragment «Der Turmbau zu Babel», 1948, das im Holzofen verbrannt wurde. Dürrenmatt erlitt 1951 unter dem künstlerischen und materiellen Druck einen Zusammenbruch. Erst die Aufführung der Stücke «Der Besuch der alten Dame» (1956), «Die Physiker» (1962) und «Der Meteor» (1966), deren Komik aus der Tragik erwächst, bringen den Durchbruch für diesen Aristophanes der Moderne. Innert einem Jahrzehnt gelingt Dürrenmatt eine Wirkung, die in dieser Stärke nicht wiederkehrt.

Zeitweise wandte er jetzt der Bühne den Rücken zu und widmete sich erneut der Prosa, wozu ihn das Zerwürfnis mit dem Basler Theater 1968, die veränderte Theater-Ästhetik und gesundheitliche Rücksichten bewogen. Doch er blieb ein von Zweifeln gebeutelter Schwerarbeiter. Während einer Kur in Vulpera begann er 1969 mit der Arbeit an den «Stoffen», über die er nicht verfügte, sondern denen er ausgeliefert war. Angriffig meldete er sich zudem auf der Polit-Bühne, denn eine Gesellschaft ohne rebellierende Schriftsteller konnte er sich nicht denken.

Der Tod seiner Frau Lotti (1983) warf ihn aus der Bahn. Hilflos irrte er durch sein Haus über dem Neuenburgersee. Charlotte Kerr, die zweite Gattin, riss ihn aus diesem Tief, und die Weiterarbeit an seinen Bild- und Textprojekten brachte ihn wieder ins Gleichgewicht. 1989 schenkte er seinen literarischen Nachlass der Eidgenossenschaft unter der Bedingung, ein Literaturarchiv einzurichten. Die Umstände vor der Unterzeichnung des Papiers hätten Stoff für eine Komödie geliefert, denn Dürrenmatt verfiel in einen seiner berüchtigten Monologe, bis die Prominenz fast die Nerven verlor.

Am 14. Dezember 1990 starb er in Neuchâtel. «Gott liess uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu» («Der Tunnel», 1952).

 

Literaturhinweise:

• Peter Rüedi, Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen; Diogenes 2011, 960 S., 39.90 Fr.
• Ulrich Weber, Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie; Diogenes 2020, 752 S., Fr. 37.00

24. November 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 25
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