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News-Artikel

Die Baronin im Tresor

«Gwatt» bei Thun, Oktober 1960. Autorin Franziska Streun lässt in einer Romanbiografie Betty, Baronin Lambert, geschiedene von Bonstetten, geschiedene von Goldschmidt-Rothschild, in der letzten Woche vor dem Verkauf ihres Sommersitzes Erinnerungen an Schlüsselerlebnisse ihres bisherigen Lebens aufkommen. Frau Baronin setzt sich mit ihrem mehr oder weniger komplizierten Verhältnis zu teilweise anwesenden Familienmitgliedern auseinander.

Trotz sonnigem Herbstwetter fröstelt sie oft. Lediglich ihr Hund Scrumpi wird mit Streicheleinheiten bedacht, ausführliche Gespräche mit den Verwandten kommen nicht recht zustande, beschränken sich auf Smalltalk und sachliche Informationen. Vieles – meist Bitteres – aus der Vergangenheit wird angerissen aber nicht ausdiskutiert. Standesgemäss erzogen, zählen Gefühlsdinge nicht unbedingt zu Bettys Stärken.

Seit frühester Kindheit, auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, war ihr als Mitglied der fünften Rothschild-Dynastie in Brüssel eingebläut worden, sich Gefühle weitgehend zu verbieten oder zumindest nicht anmerken zu lassen. Disziplin stand über allem. Nicht standesgemässer Umgang war ohnehin tabu. Und blieb es in gewisser Weise.

Für Frauen hatten sich persönliche Belange stets und ganz dem Ruf und Wohl der Familie, und damit auch dem Vermögen, unterzuordnen. Trotz messerscharfem Verstand, vielseitigem Interesse und Talent fürs Bankwesen fügte sich Betty einer arrangierten Ehe innerhalb der Grossfamilie und den ihr zugedachten Aufgaben als Gastgeberin und Netzwerkerin.

Dass gerade diese perfekt eingeübte Rolle sie einmal als sinnstiftend ausfüllen würde und sie damit während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit des Kalten Kriegs zu einer wichtigen Anlaufstelle für verschiedenste Menschen in Notsituationen werden sollte, erweist sich als eine der versöhnlichen Seiten ihres bewegten Lebens. Franziska Streun schreibt:

«Oft war den Gästen ein Leben im Exil gemein: die diplomatische Welt oder ihre Wurzeln aus hochadligem Hause. Betty legte Wert auf das standesgemässe Benehmen und die nötige Bildung. Nationalität, Religion oder sexuelle Ausrichtung eines Menschen spielten für sie hingegen keine Rolle. Ebenso wenig liess sie sich beeindrucken, wenn rassisch oder politisch Verfolgte bei ihr zu Gast waren.
Bei Betty trafen sich Prinzessinnen, Grafen und Künstler genauso wie Diplomaten, Flüchtlinge und Judenretter oder US-Geheimdienstoffiziere, Wimbledon-Tennisspielerinnen und Autorennfahrer.»

Ins Gästebuch schrieben sich zahlreiche auch heute noch allgemein bekannte Persönlichkeiten ein, unter ihnen Marc Chagall, Greta Garbo, Carl Zuckmayer, Alexander von Stauffenberg oder Fürst Rainier von Monaco.

Franziska Streuns Buch basiert auf umfangreichen Recherchen und ergänzt durch historisch belegte Namen, Zahlen und Orte interessante Details der Familiengeschichte. Die Fülle an Fakten ist bisweilen erdrückend, weniger literarisch aufbereitet als aufzählend.

Andererseits ergänzen diese Details sowohl die offizielle schweizerische wie auch die europäische Geschichtsschreibung. Gästebücher und Fotos der vermutlich international vernetztesten jüdischen Schweizerin waren dem Thuner Stadtarchiv 2012 von einem Enkel der Baronin zur Verfügung gestellt worden.

Seit 1976 hat sich die Musikschule Region Thun im Anwesen der widersprüchlichen und geheimnisvollen «Madame la Baronne» eingerichtet, der Bonstettenpark ist frei zugänglich und drei Hundegrabsteine am Ende des Schorenkopfes berühren und faszinieren Vorbeispazierende.

Und der mit Schranktüren getarnte Stahltresor im ehemaligen Fumoir der Villa?

Wiederholt Gegenstand von Bettys Albträumen, war er verbunden mit «unduldbaren» Empfindungen von Einengung und Ausgeliefertsein. Zusätzlich unterstreicht dieser sogenannte «Personentresor» die zupackende Facette jener bemerkenswerten Frau. In Zeiten der Judenverfolgung hätte er die Aufgabe gehabt, sie selbst oder Freunde auf der Flucht vor der Polizei zu verstecken...

Andrea Huwyler


Streun, Franziska: Die Baronin im Tresor. Zytglogge 2020. 350 S.

Lesung im Haus der Religionen, Europaplatz 1, Bern Franziska Streun liest aus ihrer Romanbiographie. Moderation: Noemi Gradwohl. Eine Kooperation mit Salon Sefer der JGB. 
Mittwoch, 4. März, 19.00 

2. März 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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