Bilder sind unmittelbar. Selbst Vögel können sie verstehen. Foto: Sisu Numisha / photocase.de

Die Macht der Bilder

Wir leben in einer unfassbar bildlastigen Zeit. War im Anfang wohl nicht das Wort, sondern das Bild? Und wieso bilden die einen das Göttliche ab, während es bei den anderen verboten ist?

Von Irene Neubauer, offene kirche

Im Anfang war nicht das Wort, im Anfang war viel eher das Bild. Das ist jedenfalls der Befund religionswissenschaftlicher Forschung weltweit. Das gilt auch für das ganz frühe Judentum. Auch Jahwe wurde nicht immer in einem bilderlosen Kult verehrt, sondern erst nach einer langen Entwicklung der Abgrenzung gegenüber den religiösen Praktiken der Nachbarvölker. Viel später noch fanden sich in vielen Synagogen Bilder. Die Auseinandersetzung um die Berechtigung und die Funktion von Bildern in der religiösen Praxis zieht sich aber wie ein roter Faden – durchaus auch ein blutrot getränkter Faden – durch die Religionsgeschichte des Christentums, des Judentums und des Islams.

Bilder sind unmittelbar und konkret. Eine altägyptische oder chinesische Darstellung eines Menschen ist über alle zeitliche Distanz hinweg als solche sofort erkennbar. «Mensch», ausgesprochen in Altägyptisch oder Chinesisch oder geschrieben mit Hieroglyphen, setzt zum Verständnis voraus, dass wir diese Sprachen verstehen können. Bilder dagegen können mitunter sogar Tiere verstehen. Aufgeklebte schwarze Raubvogelformen hindern andere Vögel daran, in Scheiben zu fliegen. Ein Ruf oder ein Schriftzug «Achtung Raubvögel» hätte hingegen keine Wirkung. Ein Bild kann also vorgaukeln, dass da etwas ist. Die Illusion vom Abwesenden. Hier wurzelt die religiöse Kritik an Bildern. «Theologisch gesehen ist Bild oder Nicht-Bild die Frage nach der Gegenwart oder Nicht-Gegenwart Gottes in der Welt, bzw. nach der Art dieser Gegenwart oder Nicht-Gegenwart», schreibt der Alttestamentler Othmar Keel. Im Christentum wurzelt die Bilderverehrung in der Menschwerdung Gottes: Weil Gott Mensch wurde und als Mensch in der Welt gegenwärtig ist, darf das Göttliche dargestellt werden.

Für die religiöse Bildkritik gibt es zwei Ansätze, Zum einen wird von der hebräischen Bibel über das Frühjudentum bis zu den Reformatoren die gleiche Linie verfolgt: Nicht Bilder an und für sich, sondern ihre Verwendung im Kult, ihre Verehrung in der religiösen Praxis werden abgelehnt.
Der andere Ansatz ist sozialkritisch und zieht sich ebenfalls von den Propheten bis in die Neuzeit: Statt Geld für die prunkvolle Ausstattung von Tempeln und Kirchen mit Bildern und Figuren zu verschwenden, sollte es vielmehr eingesetzt werden für die Fürsorge für Arme, die wahren Abbilder Gottes.

Bilder können uns anspringen und geradezu belästigen. Und in unserer bilderlastigen Zeit gilt dies mehr denn je. Und sie haben die Tendenz, die virtuelle für die reale Wirklichkeit auszugeben. Vielleicht wird es bei einem nächsten Bildersturm darum gehen, das reale Leben mit all seinen Beulen und Kanten gegen die stromlinienförmig geschönte, virtuelle Realität zu verteidigen.

«Ikonen²»
Eine Ikonenausstellung – klassische und avantgardistische Zugänge von Petru Tulei, rumänischer Ikonenmaler, und zehn Künstlern und Künstlerinnen aus der Schweiz. Vom 30. Juni bis 14. September in der Heiliggeistkirche Bern (beim Bahnhof). Vernissage: 30. Juni; Finissage: 14. September. Am Podium vom 31. August loten eine Kunsthistorikerin, ein griechisch-orthodoxer und ein reformierter Theologe die Suchbewegungen zwischen Bilderstreit und Bilderflut aus. Eine Ausstellung der «offenen kirche». Ein weiteres, reiches Rahmenprogramm ergänzt die Ausstellung. Detailprogramm: www.offene-kirche.ch

7. Juni 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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