Dornröschenschlaf

Als Kind war Dornröschen mein Lieb­lingsmärchen. Ich war fasziniert von der schönen Prinzessin, die während geraumer Zeit unbeachtet und unge­stört vor sich hinschlummerte – zu­sammen mit ihrer ganzen Entourage. Dass da über Jahre oder gar Jahr­ zehnte hinweg nichts geschah: keine Kommunikation, kein Wachstum, kein Spiel, war für mich kaum vorstellbar.

Wenn ich in diesen Wochen zwischen­ durch das aki aufsuche, kommt es mir so vor, als wäre unser Haus, das sonst in dieser Zeit offen und belebt ist, in einen Dornröschenschlaf versunken: Die Türen sind geschlossen, die Räu­me leer, das Sekretariat und die Büros verlassen. Da und dort stehen Reini­gungsgeräte herum, die vom Frühjah­resputz zeugen, für den es in diesem Jahr mehr als genügend Zeit gibt. An der Plakatwand werden Anlässe ange­kündigt, die schon längst hätten statt­ finden sollen; von Hand ist über die Plakate geschrieben worden «fällt aus» oder «wird verschoben». Ich räts­le, wann die Kaffeemaschine wohl ih­ren letzten Kaffee ausgegeben hat und wie lange es her sein mag, dass die Mikrowelle in der Küche eine Mahlzeit aufgewärmt hat. Ohne das pulsierende Leben und die munteren Gespräche im Flur wirkt das Haus an der Alpeneggstrasse ganz ungewohnt – und es lädt zum Nachdenken ein: Was tun wir hier normalerweise? Wo­ durch zeichnet sich unsere Arbeit aus? Wer geht hier gewöhnlich ein und aus? Und wer nicht?

Die Stille im Haus provoziert keinen Aktionismus, viel­ mehr lenkt sie den Blick und die Gedanken auf das, was im Normal­ betrieb während des Semesters vor­ ausgesetzt wird und in der Hektik des Alltags oft unhinterfragt bleibt. Nicht alles schläft und schlummert wie im Märchen von Dornröschen; die Pflan­zen und das Grün rund um das Schloss herum wachsen und wuchern. Ähnlich kommt es mir vor, wenn ich vors Haus trete und den grossen Gar­ten mit allen Sinnen wahrnehme: Hier spriesst und blüht und wächst es. Mir begegnet das Leben in seiner Fülle und Vitalität, und ich ahne, dass auch das Ruhen unseres gewohnten Alltags und die Passivität im Hinblick auf un­ser Programm nur vorübergehend sind. Schon jetzt fühle ich mich wach­ geküsst – nicht von einem Märchen­prinzen, sondern vom Frühling, der sich in märchenhafter Schönheit zeigt. Das Leben geht weiter – wann und wie genau wird sich erst noch zeigen. Vie­les bleibt offen, spannend und im wahrsten Sinne des Wortes lebendig.

Isabelle Senn

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13. Mai 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 11
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