Pfarrer Lukas Schwyn macht als Präsident des bäuerlichen Sorgentelefons auf lokalen Messen mit auffälligem Umschnall-Natel auf dem Rücken Reklame. Foto: zVg

Ganz Ohr bei speziellen Sorgen

Ein zerschlagener Teller erscheint in den Publikationen des Bäuerlichen Sorgentelefons als Symbol für drückende Probleme. Das ökumenische Hilfsangebot richtet sich an Bäuerinnen, Bauern und alle in der Landwirtschaft tätigen Menschen in schwierigen Lebenslagen.


«Ich habe das Gefühl, dass meine Frau eine Aussenbeziehung hat», meint ein Mann am anderen Ende der Leitung tief verzweifelt. «Beziehungskrisen sind ein grosses Thema beim Bäuerlichen Sorgentelefon», erzählt Pfarrer Lukas Schwyn. Er ist Präsident der ökumenischen Einrichtung, zu deren Trägerschaft vier Organisationen gehören: Die Schweizerische Reformierte Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft (srakla), die Schweizerische Katholische Bauernvereinigung (SKBV), der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) und die Entwicklung der Landwirtschaft und des Ländlichen Raums (AGRIDEA) ist.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter bilden ein Berater- Team von derzeit sechs Frauen und zwei Männern, die sich die Anrufzeitenmontags und donnerstags teilen. Wer sein Herz ausschütten möchte, Lösungswege oder eine Fachstelle sucht, kann sich anonym an das Sorgentelefon wenden. Die Beraterinnen und Berater verzichten auf Belehrungen, urteilen nicht, verzichten auf religiöse oder politische Beeinflussung und haben Schweigepflicht. Die Auswahl der Berater ist anspruchsvoll: «Meist empfehlen Mitarbeitende neue Leute», erzählt Lukas Schwyn: «Wichtig ist, dass die Menschen am Sorgentelefon um die Sorgen und Nöte der Bauern wissen.» Die meisten im Team kommen selbst von einem Bauernhof und kennen die dortigen Sorgen. Diese Freiwilligen verpflichten sich an drei Weiterbildungen und einem Treffen pro Jahr teilzunehmen. Dazu kommen Supervisionen und Intervisionen, begleitet durch einen Psychologen. Dabei werden Fallbeispiele im Team diskutiert oder belastende Telefonate fachlich aufgearbeitet. Neue Mitarbeiter sind bei entsprechender Eignung herzlich willkommen. Die frisch gestaltete Website hält auch dazu weitere Informationen bereit.

Die Lebensform der Bauern ist anders als bei den meisten Menschen, erklärt Pfarrer Schwyn: «Auf dem Bauernhof hängen Betrieb und Beziehung dicht zusammen. Der Betrieb muss jeden Tag laufen ohne Rücksicht auf Befindlichkeit und Streit. Hier kann sich niemand einfach so krank melden und ein paar Tage ausspannen.» In schwierigen Lagen könne das Bäuerliche Sorgentelefon einen Rückhalt bieten und sei deshalb unverzichtbar. Pro Telefontag sind es «nur» etwa zwei Telefonate, die neu eingehen. «Ich werde manchmal gefragt, ob sich das überhaupt lohnt», meint Lukas Schwyn: «Doch das Wissen darum, dass man im Ernstfall eine Nummer wählen kann, unter der Menschen zu erreichen sind, die einen verstehen, ist nicht zu unterschätzen.»

Vor allem mit Eheproblemen und Generationskonflikten sind die Berater des Sorgentelefons konfrontiert. «Es geht in beiden Bereichen meist um Entfremdung. Es wird einfach nicht geredet.» Vor allem die Männer hätten nicht gelernt, Gefühle auszudrücken, schildert Pfarrer Schwyn: «Solange der Betrieb läuft, nehmen sie oft gar nicht wahr, dass ihre Ehefrauen leiden.» Zu oft setzen die Ehemänner ihre Prioritäten auf Kühe und Maschinen – die Frau kommt am Schluss. Frauen wollen meist die Ehe retten, bevor sie zerbricht, und rufen deshalb beim Sorgentelefon an. Männer hingegen schreien verzweifelt um Hilfe, wenn die Frau gegangen ist. Auf Bauernhöfen gibt es nach wie vor eine Lebensform, die bei der übrigen Bevölkerung ausgestorben scheint: Hier leben zwei, drei oder gar vier Generationen unter einem Dach – und von einem Betrieb. Es geht um Wohnrecht, Wasser- und Stromrechnungen, nicht abgesicherte Frauen, reinschwatzende Eltern, eigenmächtige Schwiegertöchter und vieles mehr. Ein weiteres Thema sind gesundheitliche Probleme, wie der Präsident des Bäuerlichen Sorgentelefons erzählt: «Die Leute beuten sich aus, bis die Gesundheit schlapp macht: Vom Magengeschwür über Rückenprobleme bis zum Burnout.» Überall ist das Bäuerliche Sorgentelefon eine hilfreiche erste Adresse – oder wie der Slogan heisst: ... einfach mal mit jemandem reden.

Christina Burghagen


Bäuerliches Sorgentelefon:
041 820 02 15
Montag 08.15 bis 12.00 und Donnerstag 18.00 bis 22.00
www.baeuerliches-sorgentelefon.ch

4. Februar 2015