Generationengespräch im Pfarrhaus. v. l. n. r.: Rahel, Manfred und Benjamin Ruch. Foto: Martin Bichsel

Rahel, Manfred und Benjamin Ruch vor dem Pfarrhaus. Foto: Martin Bichsel

Manfred Ruch. Foto: Martin Bichsel

Rahel Ruch. Foto: Martin Bichsel

Benjamin Ruch. Foto: Martin Bichsel

«Ich bin noch nicht aus der Kirche ausgetreten»

Der Gemeindeleiter von St. Marien Bern ging Ende August in Pension. Wir trafen ihn und seine zwei Kinder, Rahel und Benjamin Ruch, zum Nachdenken über das Aufwachsen in einem katholischen Pfarrhaus. Frau und Mutter Christine musste arbeiten, Benjamin hatte etwas Verspätung.

Interview: Jürg Meienberg

Rahel, Du bist, so Manfred in seiner Abschiedspredigt*, durch sein theologisches Engagement politisiert worden. Ist das so?

Rahel: Das Kirchenpolitische war bei uns immer ein grosses Thema. Wenn ich gefragt wurde, was macht Dein Vater beruflich, sagte ich, er ist katholisch und Gemeindeleiter, da kamen die Fragen, das geht doch nicht, der darf keine Familie haben. Diese Ungerechtigkeit hat uns schon geprägt. Oder die Geschichte um Hansjörg Vogel, der als Bischof zurücktrat, nachdem er zu Frau und Kind gestanden ist. Wichtig war die Besetzung unserer Kirche durch die Sans-Papiers 2001.

Was war stärker, der politische oder der theologische Vater?

Rahel: Das Politische im breiten Sinne war immer wichtig. Das Engagement für Gerechtigkeit im grösseren Sinn also.

Predigen und Kochen für die Kinder – wie wichtig war diese Verbindung?

Manfred: Ich war als Vater präsent, weil ja Arbeitsort und Wohnort der gleiche war. Später habe ich, glaube ich, nicht mehr so viel gekocht (Rahel lacht), das war vorher anders, als ihr noch kleiner wart.
Rahel: Was ich schon noch weiss, dass Du immer am Donnerstag gekocht hast, da hat es viel Hamburger gegeben …
Manfred: … aber selber gemacht!
Rahel: Ja, das stimmt. Aber die Pfarrei hat schon alles geprägt.

War das für Dich belastend, Rahel?

Rahel: Belastend würde ich nicht sagen. Cool war, dass man hier verschiedene Räume hatte, Kopierer standen zur Verfügung, was man so braucht …
Manfred lacht: … schamlos habt ihr das ausgenützt!
Rahel:
Wir druckten Antikriegsflyer aus, wir konnten auch Veranstaltungen in den Räumen der Pfarrei organisieren, das war sehr positiv. Eine gute Freundin von mir ist als Pfarrerstochter auf dem Land aufgewachsen. Was sie als Pfarrerstocher dort erlebt hat, ist nicht vergleichbar mit unseren Erfahrungen in der Stadt.
Manfred: Es gab hier auch kein Problem, wenn unsere Kinder nicht jeden Sonntag in der Kirche waren. Die meisten Eltern der Pfarrei kannten das Problem mit ihren eigenen Kindern.
Rahel: Als Teenie war das auch nicht so interessant für mich. Aber ich habe mich firmen lassen. Ich bin noch nicht ausgetreten. Das hat auch damit zu tun, dass ich hier ein anderes Bild der katholischen Kirche mitbekommen habe. Eine Kirche für das Quartier, nicht das autoritäre, römische Bild von einer Kirche.

Und doch kommt jetzt, nach 24 Jahren Gemeindeleitung, ein Verdikt aus Rom, dass sogenannte «Laientheolog*innen» keine Pfarrei leiten dürfen.

Rahel: Das hat es ja schon immer geheissen!

Woher kommt dann die Energie von Manfred, in einem nur geduldeten Zustand, diese grosse Arbeit zu machen?

Rahel: Natürlich wegen seiner wunderbaren Familie (lacht). Was ich aber schon mitbekommen habe, ist Deine Freude, mit Menschen etwas zu machen, ihnen unvoreingenommen zu begegnen.
Manfred: Es ist zudem auch eine wahnsinnig kreative Arbeit. Dieser geduldete Zustand gibt auch eine Garantie, dass ich mich nicht identifiziere mit denen, die die Macht haben in der Kirche. Wir stehen auf der Seite von denen, die man nicht wirklich ernst nimmt.
Rahel: Das ist aber nicht nur wegen diesem geduldeten Zustand so. Das ist bei Dir auch so, weil Du das auch selber machen willst, weil Du bereit bist, überall anzupacken.
Manfred: Rahel hat es jetzt ganz lieb ausgedrückt – sie findet mich eigentlich einen Kontrollfreak. (Rahel nickt und lacht.)

Du, Manfred, hast Dich ja auch ganz stark in Strukturarbeit engagiert. Hast Du was erreicht?

Manfred: Von den Strukturen her gedacht, hat sich nichts verändert, im Gegenteil, die neuen Konzepte betonen wieder, dass Demokratie mit den geltenden kirchlichen Regeln nicht kompatibel ist, dass man zwar reden kann, aber es muss dann Konsens herrschen, es gibt kein Abstimmen. Aber in Bezug auf mein Gefühl, wie ich auftrete, habe ich eine grosse Selbstverständlichkeit gewonnen, muss mich nicht mehr dauernd erklären, aber auf der Ebene der offiziellen Anerkennung ist nichts geschehen.

Rahel, wie hast Du es mit Glaubensfragen?

Rahel: Es gibt in mir schon eine Art starkes Urvertrauen, wie man dem auch immer sagen will. Die Glaubensfragen haben mich aber nicht so umgetrieben, ich entwickle mich eher in Richtung Agnostikerin.

Wie religiös ist Dein Vater?

Rahel: Ja, das ist so eine Frage. Meine Partnerin fand es am Anfang etwas seltsam, dass wir eine Pfarrersfamilie sind, die vor dem Essen nicht betet, wo man von diesem ostentativ Religiösen nicht viel merkt. Wir wurden nie zu frommen Sachen gezwungen. Aber Manfred ist schon religiös, Theologie ist ihm ein Herzensanliegen.
Benjamin (kommt dazu): Ich frage meine Schüler*innen auch oft, wie religiös sie sind. Ich sage, sie sollen sich auf einer Skala von eins bis zehn einstufen. Meistens bewegen sich die Antworten zwischen zwei und acht. Niemand sagt zehn. Aber auch selten eins.

Wo siehst Du Deinen Vater auf dieser Skala?

Benjamin (überlegt lange): Ich überlege – bei uns hier in der Familie, gut liberal, ist die Religiosität Privatsache. Glaubensüberzeugungen haben wir erstaunlich wenig thematisiert.

Voneinander wisst Ihr eigentlich wenig in dieser Beziehung.

Benjamin: Ja.

Manfred, war das bewusst kein Thema?

Manfred: Ich komme aus einer Generation, für die war die Zurschaustellung von Religiosität wie es Evangelikale pflegen, ein Gräuel, dieses pädagogische Präsentieren: «Ich war vorher ein Lump und bin jetzt ein*e Jesusjünger*in» war mir zuwider, ich war mehr fasziniert von anonymen Christ*innen, die ihre Haltung lebten, ohne einen Kult daraus zu machen. Und ich bin auch sonst eher ein Typ, der Mühe hat, Menschen ganz nahe an mich herankommen zu lassen, mir ist eine gewisse Diskretion wichtig.

Benjamin, Du hast Dich beruflich theologisch entwickelt.

Manfred (lacht): Er ist superfromm.
Benjamin: Also bitte (lacht). Natürlich war Religion, Theologie, Kirche ein ständiges Thema, was mich schon interessierte und prägte. Ich wählte das Fach Religionslehre im Gymnasium, aber nicht primär aus spirituellem Erleben, mehr aus der Freude an der Auseinandersetzung, es hatte mit mir und meiner Entwicklung zu tun, nicht wie in der Philosophie, die kann man auch sehr distanziert betreiben. Mir war das Verknüpfen mit meiner Entwicklung wichtig, dieses tiefer verstehen wollen. Da entwickelt sich dann eine gewisse Religiosität. Gerade bei Problemen ergibt sich durch diese Art von Nachdenken ein guter Boden, der einem hilft, einiges zu ertragen.

Manfred, Euer Bischof steht zur Beauftragung von nicht geweihten Theolog*innen. Traust Du diesem Zugeständnis?

Manfred: In der konkreten Konstellation im Bistum Basel schon. Wer nicht ganz realitätsblind ist, sieht, dass es ohne Theolog*innen gar nicht geht.

Benjamin, als Theologe, kannst Du Dir vorstellen, eine Pfarrei zu leiten?

Benjamin: Dieses Nein von Rom beeinflusst eine solche Entscheidung schon, wie auch dieses Festhalten an der jetzt gängigen Praxis des Bistums. Es gibt jedenfalls grundsätzlich diese Zuversicht nicht, dass man offiziell anerkannt wird. Ich kenne genug Beispiele von sehr guten Leuten, die vergrault wurden und gegangen sind.
Manfred: Als ich in den kirchlichen Dienst einstieg, fühlte ich mich willkommen. Jetzt höre ich von Leuten, die einsteigen, dass sie sich mit vielen Vorbehalten konfrontiert sehen und jene, die vielleicht nicht so ganz stromlinien förmig sind, fühlten sich nicht willkommen und müssten ihre Loyalität beweisen.

Bist Du enttäuscht?

Manfred: Diese Hoffnung, dass sich die Zulassung zum Amt verändere, war ja eine unter vielen. Ich finde es eigentlich dumm, dass Theolog*innen wie ich ständig uns selbst zum Thema machen. Oft in Seelsorgegesprächen kam die Frage nach dem Amt, dem Zölibat auf, und nahm dann viel zu viel Raum ein. Die Menschen begannen, mich zu trösten, was ja schön war, aber eigentlich ging es um ihre Nöte und Sorgen. Im Laufe meiner Arbeitsjahre wurden die Amtsfragen zu einem kleinen Teil, die Fragen, wie es mit Kirche weitergeht, das sind doch ganz andere Fragen. Jetzt erleben wir, dass sich die Kirche zwar Mühe gibt, sich einsetzt, aber gar nicht mehr gehört wird.

Benjamin, sind diese Fragen bei den jungen Menschen, die Du unterrichtest, nicht mehr da?

Benjamin: Die wesentlichen Lebensfragen sind nach wie vor da, weniger die institutionellen Fragen. Zum Religiösen gibt es kaum Bindungen, aber soziale Fragen, menschenrechtliche, spirituelle sind präsent.


Benjamin Ruch (*1983). Studium Theologie und Rechtswissenschaft in Luzern und Leuven (BEL). Er ist Fachlehrer für Religion und Seelsorger an der Kantonsschule Baden.

Rahel Ruch (*1986). Studierte in Bern Geschichte und ist heute Kampagnenleiterin der Konzernverantwortungsinitiative und Stadträtin in Bern.


24 Jahre lang war Manfred Ruch Gemeindeleiter in St. Marien Bern. Davor arbeitete er bei der Fachstelle für Jugendseelsorge; im Kanton Bern aber begonnen hat Manfred Ruch 1981 als Pastoralassistent in Burgdorf. Geboren und aufgewachsen ist er in Liestal BL, studiert hat er in Fribourg, Rom und Luzern. Liest man seine alten Texte im «pfarrblatt», gerade seine Worte ganz am Anfang, dann ist viel von Gastlichkeit die Rede. Vom runden Tisch, von seiner Familie, von der Einladung zum Besuch und einer offenen Atmosphäre. Somit schliesst sich hier ein Kreis. kr

Abschiedspredigt von Manfred Ruch am 16. August (PDF)

 

 

1. September 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 19
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