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News-Artikel

Journalist, TV-Legende Kurt Aeschbacher. Foto: Keystone/René Ruis

«Ich schätze die Toleranz und Akzeptanz»

TV-Legende Kurt Aeschbacher zur Ehe für alle, über Diskriminierungen – und die Haltung von Religionsgemeinschaften zu Schwulen und Lesben.

Interview: Marcel Friedli

Herr Aeschbacher, wie ist Ihre Haltung zur Ehe für alle?

Ich plädiere dafür, dass zwei Menschen, die sich lieben, miteinander eine Beziehung eingehen können. Unabhängig vom Geschlecht. Aus Gründen der Rechtsgleichheit, auf der unsere Verfassung beruht, soll eine solche Beziehung die Gleichstellung aller beinhalten, ohne dass zwischen unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen rechtliche Unterschiede bestehen. Deshalb hoffe ich, dass die Ehe für alle bald auch in der Schweiz akzeptiert wird.

Als wie gross schätzen sie die Diskriminierung von schwulen und lesbischen Menschen ein?

Leider gibt es auch in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft in gewissen Kreisen immer noch Vorurteile gegenüber Menschen, die sich aufgrund ihrer Veranlagung zu einer anderen Lebensform hingezogen fühlen und nicht wie die Mehrheit der Bevölkerung heterosexuell lebt. Ich schätze jedoch die grosse Toleranz und Akzeptanz, die unsere Bevölkerung Schwulen und Lesben entgegenbringt.

Leider ist dem nicht immer so. Welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach zum Beispiel Religionsgemeinschaften bei Diskriminierungen?

Menschen werden nicht nur durch ihre Gene geprägt, sondern genauso stark durch die Kultur ihrer Gesellschaft und damit auch durch die jeweiligen religiösen Vorschriften. Deshalb spielt es eine grosse Rolle, ob eine Gesellschaft und ihre religiöse Verankerung Minderheiten und abweichende Lebensmodelle grundsätzlich toleriert. Wenn nicht, ist dies meist die Ursache für Diskriminierungen.

Wie sind diesbezüglich Ihre persönlichen Erfahrungen?

Ich persönlich habe – ausser den Erfahrungen kürzlich mit einer konservativen katholischen Zeitschrift (vgl. Kasten) – in den letzten Jahren nie direkte Diskriminierung erlebt. In meiner Jugend war es eher so, dass ich zuerst lernen musste, mich und meine Gefühle zu akzeptieren. Wer anders tickt als die Mehrheit, muss zuerst lernen, sich selbst – so wie man ist, denkt und fühlt – zu verstehen. Erst wer sich selbst mit all seinen Eigenschaften mag, kann auch andere respektieren. Dies umzusetzen, ist wohl eine unserer grossen Lebensaufgaben.


Wirbel um Interview

Ein harmloses Interview mit dem längjährigen TV-Moderator Kurt Aeschbacher im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt hat vor kurzem für Aufsehen gesorgt. Dies, weil Mails an die Öffentlichkeit gelangten, die deutlich machten, dass die Verantwortlichen Angst hatten: Angst, die Leser*innen vor den Kopf zu stossen – weil Kurt Aeschbacher schwul ist. Schliesslich ist das Interview doch publiziert worden. Der 71-Jährige hat angekündigt, den Presserat einzuschalten, weil er seiner Meinung nach aufgrund der sexuellen Orientierung diskriminiert worden ist. Kurt Aeschbacher war über fast drei Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter des Schweizer Fernsehens. 2005 hat er sich öffentlich für den Eintrag von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften engagiert. Mit zwanzig trat er aus der katholischen Kirche aus. Doch er arbeitet gerne mit all jenen ihrer Vertreter*innen zusammen, die den Menschen offen und vorurteilsfrei begegnen, wie er dem Pfarrblatt sagt.

Links

Artikel im «Der Bund» vom 18. Juni 2020: Weil er schwul ist: Kirchenzeitung wollte Aeschbacher nicht im Blatt

Stellungnahme Schweizerisches Katholisches Sonntagsblatt zum Interview mit Kurt Aeschbacher, 19. Juni 2020

7. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 15
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