Lucy (l.), eine asylsuchende Frau, welcher der Pfarrer der Berner Pfarrei Dreifaltigkeit, Christian Schaller (r.) helfen konnte. Foto: Georges Scherrer

In einer Notlage mit offenen Armen empfangen

In einer Notlage mit offenen Armen empfangen Lucy ist eine von vielen Menschen, die in der Berner Dreifaltigkeitspfarrei, kurz «Dreif», Hilfe fand. Lucy revanchiert sich und hilft dabei, dass in der Kirchgemeinde alles rund läuft und verschiedene Angebote aufrecht erhalten werden können.

Georges Scherrer, kath.ch

Ein Schock ging im vergangenen Oktober durch die Schweiz: Der Bundesrat bestätigte, dass in Schweizer Asylzentren Frauen missbraucht werden und forderte Massnahmen. Das «Schweizerische Kompetenzzentrum für Menschenrechte» (SKMR) geht in einem Bericht ins Detail: «Sexuelle Belästigung gehört in vielen Zentren zum Alltag, und es sind auch Fälle von Übergriffen und Gewalttaten bekannt – durch Mitbewohnende, aber auch durch Betreuungspersonen und medizinisches Personal.»

Lucy ging durch ein solches Asylzentrum. Vor sieben Jahren gelangte die junge Frau in die Schweiz. In ihrer Heimat hatte sie Wirtschaft studiert, sah aber keine Zukunft. In der Schweiz wurde sie in einem Asylzentrum untergebracht und zudem in ein Integrationsprogramm aufgenommen.

Das Integrationsprogramm ermöglichte es ihr, Deutschkurse zu besuchen. «Ohne Deutsch habe ich keine Chance in Bern», konstatierte die junge Schwarzafrikanerin und stand etwas hoffnungslos da, als der Kurs eingestellt wurde.

Während des Deutschkurses hatte sie eine Frau kennengelernt, der sie sich anvertraute und mit der sie über ihre Zukunft und Schwierigkeiten sprechen konnte. Die Frau riet Lucy, doch «beim Pfarrer nebenan» Hilfe und Ratschlag zu suchen.

Anlaufstelle Pfarrei

Diesen Geistlichen «kümmert deine Herkunft nicht. Wenn du ihm dein Problem schilderst, wird er deinen Fall lösen.» Diesen Priester hatte Lucy bereits «von ferne» während Gottesdiensten gesehen. «Ich getraute mich aber nicht, zu ihm zu gehen». Sie hinterliess darum an der Pfarrhauspforte ihre Telefonnummer mit ihrem Anliegen und war überzeugt, «dass er mich nicht kontaktieren wird.»

Er rief an. Sie schilderte ihm ihr Deutsch-Problem und «er halft mir, so dass ich meinen Deutschkurs weiter verfolgen konnte. Er sagte mir: Für mich ist es normal, dass Sie sich integrieren können.»

Integration ist keine einfache Sache. Sie erfordert die Bereitschaft aller, sagt der Pfarrer der Dreifaltigkeitspfarrei, Christian Schaller. Zur Integration gehöre auch, «dass Menschen, denen geholfen wird, sich selber auf irgendeine Weise als Helfer einbringen wollen und dies von uns Schweizern akzeptiert wird».

Die fleissigen HelferInnen

Der Pfarrer ist nun froh darüber, dass auch Lucy in der Pfarrei hilft, wenn die Kirchgemeinde einen Anlass organisiert. Lucy ist eine von vielen, die Hand anlegen, wenn in der Pfarrei etwas getan werden muss.

Der Dreifaltigkeitspfarrer lässt im Gespräch eine seltsame Bemerkung fallen: «Wir sind in der Kirche vollkommen professionalisiert. Wir haben Personal für alles. Und dann getrauen wir uns nicht mehr zu fragen: Kannst du mir helfen, um diesen Tisch wegzuräumen?»

Lucy spricht heute deutsch und französisch. Sie hat in Neuenburg ein Wirtschaftsstudium aufgenommen, nachdem der Pfarrer ihr geholfen hatte, etliche behördliche Hürden in der Schweiz und ihrer Heimat zu überwinden. Er sorgte etwa dafür, dass die Belege des Wirtschaftsstudiums der jungen Frau aus ihrer Heimat in die Schweiz gelangten.

Unstatthafte Worte

Die Kirche kann nicht alles leisten, um Menschen in Not zu helfen, meint Pfarrer Schaller. Aber ihnen muss geholfen werden. Solche Menschen habe zuweilen einen demütigenden Weg hinter sich. So auch Lucy. Sie wehrte sich in der Schweiz für ihre Sache und suchte darum einen Anwalt, der ihr beistand.

Dieser wollte 3500 Franken als Vorauszahlung, die Lucy nicht hatte. Die anschliessende Bemerkung des Anwalts ging tief unter die Gürtellinie: «Warum bist du nicht von einem Schweizer schwanger? Warum hast du dich nicht prostituiert?»

Unten durch musste die junge Frau auch im Schweizer Asylzentrum, dem sie zugewiesen worden war. Sie wurde Zeugin von sexuellen Übergriffen durch männliche Angestellte auf junge asylsuchende Frauen. Lucy spricht von Vergewaltigung. «Ich sah, wie er ihr das Kleid zerriss, um an sie heranzukommen. Ich habe die verletzte Frau zur Sanität begleitet».

Auch sie musste sich wehren. Sie weigerte sich «Dinge zu tun, die ich nicht wollte» – und ergänzt: «Ehrlich gesagt, manchmal ist sehr schwierig darüber zu sprechen.» Lucy bezeichnet den Berner Priester als ihren «spirituellen Vater» und als «Vertrauensperson». Er ist für sie «sowohl die Kirche wie eine Persönlichkeit.»

Er habe sie als Ayslsuchende nicht gerichtet, sondern ihr geglaubt. «Trotz seiner vielen Aufgaben, findet er Zeit für die Ausländer. Er hatte Zeit für mich. Er hat mir, als ich krank war, wieder Mut gegeben.» Lucy sagt dann noch: «Er konnte mir helfen, weil er viele Leute kennt, und er hat mir seine Hand gereicht. Ich weiss nicht, ob es auf dieser Welt viele Leute wie ihn gibt.»

Alles ist noch offen

Lucy möchte in Ruhe weiter studieren. Darum schlägt sie vor, dass sie Pfarrer Schaller für alles, was er für sie getan hat, dankend umarmen kann und zwar so, dass ihr Gesicht nicht auf dem Foto erscheint. Die Geschichte von Lucy hat noch kein Happyend. Ihr Asylgesuch wurde abgelehnt. Sie hat Rekurs eingelegt. 

 

Eine Serie von kath.ch, eine Dienstleistung des Katholischen Medienzentrums im Auftrag der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz. Bereits erschienen «Warum hätte ich Angst haben sollen?»

 

 

 

14. Februar 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
  • Pfarrblatt / Angelus