Dem Grauen mit Menschenwürde entgegentreten. Foto: fotolia.de/Eléonore H

Instrumentalisierung und Menschenwürde

Das Buch «Alles, was wir geben mussten» des japanisch-britischen Autors und letztjährigen Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro erzählt eine auf den ersten Blick simple Geschichte: Es geht um Internatsschüler, um Verliebtheit, um kleine Intrigen und grosse Gefühle.

Alles wirkt ganz unspektakulär. Wenn es da nicht einen untergründigen Subtext gäbe, der von Anfang an mitschwingt, sich aber erst im Lauf des Lesens offenbart: Diese Schüler wurden geklont. Ihre Existenz verdanken sie allein der Tatsache, dass sie bei Bedarf als Organspender für mögliche Empfänger dienen müssen.
Das alles wird in einer nüchternen und sachlichen Sprache erzählt; fast beiläufig erfährt man, dass die Schüler dieses Internats um ihre Bestimmung wissen. Das macht die Ungeheuerlichkeit der Szenerie umso erschreckender: Das Grauen kleidet sich in scheinbare Normalität.

Ein Schulbeispiel für das, was Immanuel Kant als Instrumentalisierung definiert – und «kategorisch» verboten hat: Wenn unser Handeln den anderen Menschen nicht mehr als Zweck in sich versteht, sondern nur als Mittel zum Erreichen eines anderen Zwecks, dann ist dieses Handeln sittlich verwerflich.

Dass Klone nicht hergestellt werden dürfen, um als mögliche Organspender herzuhalten, ist ein einfaches moralisches Urteil. Die Herausforderung besteht darin, Instrumentalisierungen schon im Kleinen zu entdecken und ihnen im Namen der Menschwürde entgegenzutreten.

Hubert Kössler


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27. März 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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