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Ist Ablenkung okay?

«Dauert es noch lange, wann sind wir endlich da, wie weit ist es noch?» Wer schon einmal eine längere Wanderung mit Kindern gemacht hat, kennt das. Man muss sich etwas einfallen lassen, wenn man den Weg bis zum Ende der Wanderung durchhalten will. Sonst breitet sich rasch schlechte Laune aus, und niemand hat mehr Lust weiterzulaufen, und am Ende weiss keiner mehr, wer eigentlich die Idee zu der Wanderung hatte. Der Tag ist im Eimer.

Bei unseren Kindern halfen früher drei Strategien:

A. Einen Vers aufsagen. «Ein Hut, ein Stock, ein Re-gen-schirm» oder «Un kilomètre à pied». Und den Rhythmus des Verses gerade zum Rhythmus des Laufens machen. Gleichzeitig ein bisschen Französisch üben: Was heisst schon wieder «neun»? Wir hatten auch eine flämische Variante auf Lager, weil meine Frau aus Belgien kommt – da zählt man auf sieben und erklärt «zo gaat het goed, zo gaat het beter – al weer een kilometer»: So geht es gut, so geht es besser, schon wieder ist ein Kilometer zurückgelegt.

B. Ein Lied singen. Das hängt ein bisschen davon ab, wo man ist und wie alt die Kinder sind. Im Wald ging es, wenn weit und breit keine anderen Wanderer unterwegs waren. Und solange die Kinder noch klein waren, genierten sie sich nicht.

C. Eine Geschichte erzählen. Das war die Variante mit den grössten Erfolgsaussichten. Allerdings brauchte die auch am meisten Fantasie. Entweder man erzählte eine Geschichte nach. Oder man erfand eine neue. Die Kinder liebten das. Wenn wir eine Geschichte erzählten, waren sie einfach aufmerksam, fragten ab und zu nach, kommentierten. Das Leben ist wieder in Ordnung. Alle laufen weiter, und irgendwann ist das Ziel erreicht.

Also: Ablenkung ist okay. Klar, man kann das Ablenken auch missbrauchen. Das kennen wir alle: Wenn jemand immer ablenkt. Wenn jemand vom Hundertsten zum Tausendsten springt. Dann ist die Ablenkung nicht okay. Vielleicht soll sie verhindern, dass man genau hinschaut, dorthin, wo es wehtun könnte. Oder jemand lenkt ab, um zu vermeiden, dass der wunde Punkt angesprochen wird. Hysterische Persönlichkeitsstruktur, würde Fritz Riemann wohl sagen. Jemand kann nicht bei der Sache bleiben. Das kann einen wahnsinnig machen.

Aber eine Ablenkung scheint mir okay, wenn sie ermöglicht, dass wir wieder in Kontakt kommen mit uns selbst und mit anderen. Wenn sie uns eine neue Handlungsoption eröffnet. Wenn sie uns aus einem festgefahrenen Muster herausführt. Wenn sie uns überhaupt ermöglicht, weiterzufahren oder wieder neu anzufangen.

Manchmal braucht es einen langen Atem und viel Fantasie, um ans Ziel zu gelangen. Tausendundeine Nacht lang erzählt Scheherazade dem König ihre Geschichten; und das tut sie so klug, dass dieser von seiner mörderischen Aggression immer wieder abgelenkt und am Schluss sogar von ihr geheilt ist. So gut kann nicht jeder erzählen. Vielleicht genügt es schon, einfach eine Geschichte zu erzählen, die man einmal gehört oder gelesen oder selbst erlebt hat.

So, wie es die sieben jungen Frauen und drei jungen Männer in der Rahmenhandlung von Giovanni Boccaccios «Decamerone» machen: Sie ziehen sich zurück in ein Landhaus in der Nähe von Florenz und erzählen sich Geschichten, um sich abzulenken; je zehn Geschichten an zehn Tagen. Das war 1348. In Florenz wütete die Pest.

Hubert Kössler, Co-Leiter Seelsorge

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

29. April 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 10
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