Nadja Waibel (1986), Studentin, Zürich. Sie engagiert sich in der CVP.

Ist Jesus ein Kommunist?

Der Satz ist gut, der Satz ist zeitlos. Jeder und jede versteht ihn, egal, ob man im Mittelalter und in der Schweiz geboren wurde und sein ganzes Leben noch nie ein Kamel gesehen hat, oder in der Sahara. Es ist wie das Bild vom Elefanten, der von der Schlange verschluckt wurde. Es bleibt. Als ich den Satz das erste Mal gelesen hatte, wirkte er so klar, so unumstösslich. Doch dann habe ich mehr darüber nachgedacht, was er für mich als Jungpolitikerin bedeutet. Plötzlich war er ganz anders. Zuerst habe ich gedacht, Jesus ist ein Kommunist. Jede soll gleich viel haben. Jeder, der durch mehr Ehrgeiz und Arbeit zu Reichtum gelangt ist, soll ihn verschenken. Denn reich kann ja nur werden, wer sich die Hände schmutzig macht. Doch wir in der Schweiz sind alle reich. Wir werden reich geboren. Wir haben immer genug zu Essen, konnten in die Schule gehen, haben eine Wohnung mit Heizung und Steamer. Will Jesus, dass wir all dies verschenken? Doch wem soll ich es geben? Es gibt so viele Arme. Irgendjemandem am anderen Ende der Welt, irgendjemandem, den ich nicht sehe, nicht kenne, nicht liebe? Sollte ich mich politisch dafür einsetzen, dass die Steuern für Reiche erhöht werden? Dass die Reichen ärmer werden? Ich glaube nicht. Der Staat sollte so organisiert sein, dass die Möglichkeit besteht, ein guter Mensch zu sein. Dass niemand für sein Überleben töten oder stehlen muss. Aber der Staat soll dir nicht vorschreiben, ein guter Mensch zu sein. Denn das ist etwas, was zwischen den Menschen passieren sollte. Der, der viel hat und gibt, wird viel glücklicher, wenn er gibt, weil er will und nicht, weil er muss. Er kann erleben, wie es wirkt, wenn ein Mensch dem anderen hilft. So, dass er erfährt, was Jesus sagte: «Geben ist schöner als nehmen.»

14. April 2011