«Kannst du mich umtaufen?»

Es waren viele, die zum grossen Fest in die kleine Kirche in den Bergen gekommen waren. Nach vielen Jahren war auch ich wieder an diesem Ort. Der Gottesdienst war feierlich, das Essen nach der Messe fein, die Stimmung gut. Ein Pfarreifest, wie es sein sollte! 

Ich stand plaudernd auf dem Platz neben dem Kirchlein. Da erklärten mir zwei Buben von der Gartenmauer herab, ich hätte sie getauft. Erkannt habe ich die beiden natürlich nicht. Aus Täuflingen waren inzwischen mindestens Kindergärtler geworden. Aber die Namen sagten mir etwas. «Du hast doch eine ältere Schwester? Wohnt ihr da und da?» 

Dann wollte ein dritter Bub wissen, ob ich ihn auch getauft habe. Ich fragte ihn nach seinem Namen. Beim besten Willen, sein Name sagte mir nichts. Seine Mutter erklärte mir dann, ihr Sohn sei reformiert, ich könne ihn also gar nicht kennen. Irgendwie schien der Bub enttäuscht. Er fühlte sich ausgeschlossen. Doch plötzlich strahlte er übers ganze Gesicht, und er fragte mich: «Kannst du mich wenigstens umtaufen?» 

Ich fragte zurück: «Wie willst du denn heissen? » Er riss die Arme nach oben, sprang von der Gartenmauer und rief laut: «Herkules!» 

Ich habe ihn natürlich nicht umgetauft, und der Möchtegern-Herkules ist inzwischen sicher ein junger Mann geworden. Ich kenne weder seinen richtigen Namen noch kann ich mich erinnern, wie er ausgesehen hat. Aber ab und zu muss ich an Herkules auf der Gartenmauer denken. Wie wenig es doch braucht, wenn man dazugehören will: einen Anlass, der Menschen zum Gottesdienst und zum Fest zusammenführt, ein paar Gspänli und den Willen, einen Grund zu finden, um auch dazuzugehören. 

Allen Kindern, Jugendlichen, Katechetinnen und Religionspädagogen wünsche ich Gottes Segen im neuen Untijahr – in Grindelwald und anderswo. 

Alex L. Maier Theologe, Domherr, Co-Dekan, Pfarrer in Wangen an der Aare. Autorenportraits

9. August 2012