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Kennen Sie das Spiel?

Man schaut sich in die Augen und wer zuerst lacht, hat verloren. Jüngst fiel mir auf, dass das Spiel häufig umgekehrt gespielt wird: Man ignoriert sich, und wer zuerst schaut, hat verloren.

Die Tochter einer Freundin hält sich beim Kinderarzt konsequent die Augen zu. Im Übrigen begegnet mir die Taktik eher bei Männern am längeren Hebel. Elektronische Medien helfen mit, Anfragen ins Leere laufen zu lassen.

Der Psychologe Kip Williams hat belegt, dass das zunächst harmlos wirkende Ignorieren bei den Betroffenen Schmerz und körperliche Symptome auslösen kann. Denn nicht immer sind diese in der Lage, sich hartnäckig für ihre Sache einzusetzen, wie die Frau aus dem Lukasevangelium: In einer Stadt gab es einen Richter, der Gott nicht fürchtete und keinen Menschen scheute. Und in dieser Stadt gab es auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaffe mir Recht gegenüber meinem Gegner! Eine Zeit lang wollte er nicht. Danach aber sagte er sich: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und keinen Menschen scheue - dieser Witwe will ich, weil sie mir lästig ist, Recht verschaffen, damit sie am Ende nicht noch kommt und mich ins Gesicht schlägt.

Marianne Kramer, reformierte Seelsorgerin


Die Kolumne der Inselspitalseelsorge im Überblick

16. Oktober 2018
erstellt von «pfarrblatt»