Mit dem Koscher-Zertifikat ausgezeichnet: das ayurvedische Restaurant Vanakam. Foto: Hannah Einhaus

Die Zusammenarbeit zwischen dem Berner Assistenzrabbiner Michael Kohn und dem Hindu-Priester Sasikumar Tharmalingam machen es möglich: koschere Verpflegung. Foto: Hannah Einhaus.

Koschere Bissen aus den Töpfen der Hindus

Orthodoxe Jüdinnen und Juden können künftig sorgenfrei einen Imbiss im Haus der Religionen einnehmen. Berns Rabbiner Michael Kohn sowie Hindupriester und Küchenchef Sasikumar Tharmalingam haben für eine Speisekarte mit lauter koscheren Zutaten gesorgt.

                von Hannah Einhaus


Eine kleine Weltsensation hat sich hinter den Kulissen im Haus der Religionen abgespielt, am 20. Februar 2018 wird es offiziell: Das ayurvedische Restaurant Vanakam unter der Leitung des Hindu-Priesters Sasikumar Tharmalingam erhält ein Zertifikat für koschere Verpflegung.
Orthodoxe Jüdinnen und Juden sind ab nun auch in Bern gastronomisch versorgt. Bisher existierten nur Caterings und private Initiativen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Am Europaplatz lässt sich nun an einem öffentlichen Ort koscher speisen.

Dies ist möglich geworden dank der Zusammenarbeit von Tharmalingam mit dem Berner Assistenzrabbiner Michael Kohn. Der gebürtige Norweger lebt seit Ende 2016 in Bern. Während seiner rabbinischen Ausbildung in Jerusalem spezialisierte er sich auf Kaschrut, und seit seinem Amtsantritt in der Jüdischen Gemeinde Bern hat es sich der 33-Jährige zur Aufgabe gemacht, Orte für jüdisches Leben zu schaffen, die nicht nur auf das Gemeindehaus und Privatadressen beschränkt sind.
Mit dem Koscher-Zertifikat für das Restaurant Vanakam ist ein solcher Ort nun geschaffen.

Mehr Gemeinsamkeiten als erwartet
Bereits im Vorfeld auf die letzte Nacht der Religionen im November 2017 kam es zu einer vertieften Zusammenarbeit zwischen der Jüdischen Gemeinde Bern und der Hindu-Gemeinschaft im Haus der Religionen. Im gemeinsam erarbeiteten Programm kristallisierte sich heraus, dass beide Religionen mehr Gemeinsamkeiten haben, als auf Anhieb anzunehmen wäre.

Auch wenn in der hinduistischen Religion Dutzende Namen von Göttern angerufen werden, so gebe es doch noch eine übergeordnete Kraft, sagt Tharmalingam, der 1989 als Jugendlicher aus Sri Lanka in die Schweiz floh. Gott sei überall. Der sechszackige Stern – gemeinhin als Davidstern und als Symbol des Judentums bekannt – spielt auch im Hinduismus eine Rolle. Er steht laut Priester Tharmalingam für die unsichtbare Ewigkeit Gottes.

In der Küche überschneiden sich die jüdisch-hinduistischen Interessen ebenfalls: In beiden Religionen sind Reinlichkeitsvorschriften äusserst wichtig. Priester Tharmalingam kocht für seine grosse Hindugemeinschaft, die im gleichen Gebäude den Tempel hat und sich entsprechend zu Gottesdiensten, Feierlichkeiten und Ritualen hier trifft.
«Ich koche in dieser Küche auch unsere vegetarischen Opfergaben», erklärt er. Weder Fleisch noch Fisch dürfen mit den Töpfen in Berührung kommen. Vegetarische Ernährung entschleunige die Gedanken und unterstütze den Einzelnen beim Meditieren, so die hinduistische Überzeugung.

Der Teufel steckt im Detail
Mit seinem vegetarischen Angebot musste das Restaurant im Haus der Religionen eine relativ kleine Hürde nehmen, um ein Koscher-Zertifikat zu erhalten. Wäre Fleisch im Spiel, läge die Latte für den rabbinischen Segen um ein Mehrfaches höher: Das Fleisch selbst müsste geschächtet sein, und um nach Vorschrift Milchiges und Fleischiges zu trennen, wären separate Töpfe sowie getrennte Bestecke und Teller nötig.

Doch auch bei der aktuellen vegetarisch-milchigen Küche hiess es für Rabbiner Michael Kohn, eine ganze Reihe von Fragen abzuklären. Milchige Zutaten gaben am meisten zu tun: «Bei Zutaten aus Sri Lanka lautete die Frage: Stammt die Milch von einem koscheren Tier?», schildert Kohn als Beispiel. Einmal war Kokosmilch mit Kuhmilch gestreckt.
Nach zahlreichen Abklärungen und Telefonaten des Rabbis hat der Priester nun ein neues Produkt gewählt. Zahlreiche Lebensmittel-Zusatzstoffe sind nicht koscher, und auch das Verpackungsmaterial kann problematisch sein.

Manche Kartonverpackung ist innen mit tierischem Fett beschichtet. Rückblickend zeigt sich Rabbiner Kohn zufrieden, dass der Aufwand für das Kaschern des Restaurants im Haus der Religionen überschaubar blieb. Und er freut sich, dass er künftig hier koscher essen kann. Priester Tharmalingam hofft seinerseits: «Nun besteht eine grössere Chance, jüdische Leute anzutreffen». Die Jüdische Gemeinde Bern hat keine eigenen Räumlichkeiten im Haus der Religionen, ist aber als Teil des interreligiösen Vereins und in dessen Aktivitäten eingebunden.

 

Offizielle Zertifizierung am 20. Februar 2018, 18 Uhr Restaurant Vanakam, Haus der Religionen, am Europaplatz.

Haus der Religionen

7. Februar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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