Die Beweinung Christi unter dem Kreuz (Kloster St. Andreas, Sarnen). Im Hintergrund die älteste Darstellung Berns. Bild: zVg

Lasset uns das Kindlein anbeten

Fragt man in Sarnen nach St. Andreas, wird man kaum Bescheid bekommen. Fragt man aber nach dem «Sarner Jesuskind», wird sogleich auf die Klosterkirche der Benediktinerinnen hingewiesen. Immer wieder kommen Pilger*innen mit ihren Anliegen zum Sarner Jesuskind und zünden in der Kirche eine Kerze an. Was ist das Sarner Jesuskind?

Autor: Angelo Garovi


Das Sarner Jesuskind wurde aus dem früheren Doppelkloster Engelberg 1615, bei der Verlegung des Frauenklosters nach Sarnen, mitgenommen. Die Motive und Umstände, unter denen die Figur des Jesuskindes (vorerst) ins Engelberger Frauenkloster gelangte, lassen sich gut angeben: Es ist die Zeit der mystischen Bewegung des 14. Jahrhunderts. Es ist deshalb wohl nicht überraschend: Die Figur des Jesuskindes wurde um 1360 geschaffen. Das älteste Kleid des Kindes, das «Agneskleid», soll sogar ein Stück des Hochzeitskleides von Königin Agnes von Ungarn sein – Wohltäterin des Frauenklosters Engelberg und Tochter des bei Königsfelden ermordeten Habsburgerkönigs Albrecht († 1308).

Das Spätmittelalter wandte sich der Betrachtung der Menschwerdung Christi besonders zu, von seiner Kindheit bis zu seinem Leiden und Tod am Kreuz. Die Geburt Jesu war ein beliebtes Thema in den Frauenklöstern. Auch der heilige Franziskus hatte im Wald bei Assisi bereits eine Krippe aufgestellt. In der Bibliothek von Engelberg gibt es aufschlussreiche Schriften über die Mystik aus dem elsässisch- oberrheinischen Raum (Meister Eckhart, Tauler, Seuse). Strassburg war ein Zentrum der Mystik, das bis in die Ostschweiz zu den Dominikanerinnenklöstern Töss, Oetenbach und Katharinental reichte.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wird auch das Frauenkloster in Engelberg ein solches Zentrum der mystischen Bewegung in der Innerschweiz. Eine daselbst überlieferte anonyme Sammlung deutscher Predigten – bekannt geworden unter dem Namen «Engelberger Prediger» – überliefert, dass den Nonnen des Klosters die Verehrung des Jesuskindes ans Herz gelegt wird. Ein späterer Bericht von 1634 erzählt ein wundersames visionäres Erlebnis einer Schwester im mittelalterlichen Kloster Engelberg:

«In der heiligen Nacht zu Weihnachten war eine kranke, ohne Zweifel gottselige Schwester in ihrem Bettlein so krank, dass sie nicht in die Mitternachtsmesse kommen konnte. Da bat sie, dass man ihr das Kindlein Jesum in ihre Zelle bringe. Da verrichtete sie bei ihm ihr Gebet und heilige Andacht, indem sie die grosse Liebe Gottes betrachtete und wie das Kindlein vor Frost gezittert haben müsse und seine Händlein und Füsslein hin und her bewegt hätte und um unsere Sünden so herzlich geweint habe. Da, im selben Moment, zog das Kindlein das rechte Füsslein und die Beinlein an sich, wie es noch heute zu sehen ist. Da hat die Schwester vor Schrecken gerufen, man solle das Kindlein von ihr nehmen und in die Kirche tragen.»

Die Verehrung des Jesuskindes beschränkte sich (seither) nicht mehr nur auf den Frauenkonvent. Der Bericht von 1643 erwähnt auch die Wallfahrt zum Sarner Jesuskind.

Andachtsbild

Die Klosterkirche beherbergt auch eine weitere Kostbarkeit, die auf das Leiden Christi hinweist: Im Chor hängt ein kunst- und stadtgeschichtlich bedeutsames Andachtsbild aus dem späten 15. Jahrhundert. Der Teil eines Altarflügels stammt aus der Katharinenkapelle in Unterseen, wo er bis zur Reformation hing. Dann geriet das Bild in den Reformationswirren in einen Estrich – und wurde später nach Obwalden (Lungern) weitergegeben. 1690 kam das Bild ins Frauenkloster Sarnen.

Der hervorragende Maler dieser Altartafel war Heinrich Büchler aus Bern, der seinerzeit auch den Münsteraltarflügel gemalt hatte (wurde vernichtet). Interessant für die Berner: Die Kunsthistorikerin Charlotte Gutscher-Schmid hat in der Stadtansicht im Hintergrund («Jerusalem») auf die Ähnlichkeit mit der Topographie der Stadt Bern hingewiesen. Rechts im Bild wird mit dem Kran die Nydeggkirche aufgerichtet. Nach links hin sieht man das Münster, dessen Westturm bis zum ersten Geschoss gebaut ist und auf dessen Plattform die weitere Bauphase zu erkennen ist. Daneben schliesst sich der Zeitglockenturm an. Auf dieser Tafel aus der Zeit um 1475 ist die Stadt Bern in der ältesten Ansicht festgehalten.


11. Dezember 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 26
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