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Mary Daly: «Wenn Gott männlich ist, muss das Männliche Gott sein»

Neben den kirchlich engagierten Frauen, die weiterhin in Pfarreien und kirchlichen Strukturen mitarbeiten, gibt es auch jene vielen, die gehen. Zu ihnen gehörte die amerikanische Theologin Mary Daly (1928-2010). Sie kam mit Unterstützung des Pittsburgher Bischofs John Wright, der bereits damals sog. «Laientheologen» förderte, 1959-1966 nach Fribourg. Dort durchlebte sie im noch vorkonziliären, neuscholastischen Klima der Dominikaneruniversität eine «siebenjährige ekstatische Erfahrung, durchsetzt mit kurzen Zeiten der Düsternis» – und schrieb gleich zwei Doktorarbeiten, eine in Theologie und eine in Philosophie. Kurz darauf wurde Mary Daly am jesuitischen Boston College zur Vordenkerin und Symbolfigur feministischer Bewegungen. Sie ging in scharfer Analyse und mit grossen Schritten immer neue Wege, brach in ihrer gleichermassen kreativen wie provozierenden Art aber auch Brücken hinter sich ab. In der Radikalität von Revolutionären wiederrief sie dabei auch manche ihrer eigenen Thesen, wenn sie ihr schon wenige Jahre später zu traditionell erschienen.

1968, kurz nach dem 2. Vatikanischen Konzil, erschien Mary Dalys erstes Buch «Die Kirche und das andere Geschlecht», in dem sie für eine Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche kämpfte. Fünf Jahre später, bei der Publikation ihres zweiten Buches «Jenseits von Gottvater, Sohn & Co» (1973), erschien ihr dieses Ziel schon «ebenso lächerlich und mitleiderregend wie der Gedanke, dass schwarze Personen im Ku Klux Klan ,Gleichberechtigung` suchten». Ihr wohl bekanntester Satz lautet: «Wenn Gott männlich ist, muss das Männliche Gott sein». Doch ist sie zu diesem Zeitpunkt noch davon «überzeugt, dass jegliche wahre Kraft in uns aus der Teilhabe an der absoluten Wirklichkeit erwächst» und spricht von «Offenbarung in der Begegnung mit der Person Jesu». Sie arbeitete deshalb an einer Reform christlicher Theologie und einer Überwindung patriarchaler Praxis, die bei Daly immer im Dienst eines friedlichen, geschwisterlichen Zusammenlebens auf der Welt und in der Schöpfung steht. So entwarf sie eine «Schwesternschaft» als «Gegenwelt» und «Antikirche», aber in biblisch geprägten Bildern auch als «kosmischen Bund», als «Exodusgemeinde», «charismatische» und «sich mitteilende» Gemeinschaft.

Weitere sieben Jahre später distanzierte sie sich jedoch von der christlichen Theologie. Im Vorwort zur deutschen Übersetzung von «Jenseits von Gottvater» schrieb sie 1980: «Ich bin jetzt davon überzeugt, dass es keine Möglichkeit gibt, die männlich/maskuline Vorstellungswelt aus dem Wort Gott zu entfernen». Schon das Wort «Gott» repräsentiere die «Nekrophilie des Patriarchats». Daraus zieht sie die Konsequenzen: «Und so brach ich ohne Bedauern und mit einem starken Gefühl des Beschwingtseins und der Hoffnung das christliche Symbolsystem und seine Tabus und reiste hinaus in den Raum jenseits von Gott-Vater.»

Man muss die Analysen und Thesen Mary Dalys, die auch in feministischen Kreisen bisweilen auf Widerspruch gestossen sind, nicht teilen. Aber es muss die Frage gestellt werden, wie Kirche und christliche Theologie heute aussähen, wenn die unzähligen Anstösse für Reformen, die seit Jahrzehnten von unzähligen kirchlich engagierten Frauen und Männern erarbeitet wurden, bereitwilliger und konsequenter aufgegriffen worden wären – und wer dann heute noch alles dabei wäre, zum Segen für die ganze Kirche.

Detlef Hecking

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15. März 2016
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