Ausgangspunkt Befreiungstheologie: Glauben an den «Gott der Hoffnung» mit Gesellschaftskritik und sozialen Forderungen verbinden. Oscar Gil. Foto: Pia Neuenschwander

Migration im Blut

In der Gastronomie im Berner Oberland arbeiten viele Menschen aus den portugiesischsprachigen Ländern.Um ihre Seelsorge kümmert sich Pater Oscar Gil von der Portugiesenmission der Landeskirche. Gegenüber dem «pfarrblatt» gibt Gil Einblick in seine Arbeit und erzählt, wie ihn seine Mission nach Stationen in Brasilien, Italien und Deutschland ins Berner Oberland geführt hat.


Von Niklas Zimmermann


Als Sohn mexikanischer Auswanderer in Kalifornien aufgewachsen, in Brasilien Theologie studiert und als Missionar in Rom und Köln tätig gewesen: Pater Oscar Gil verkörpert das Selbstverständnis der katholischenWeltkirche, die, wie er sagt, «Migration im Blut» habe. Seit zwei Jahren ist Gil Seelsorger bei der Portugiesenmission der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Bern. Die Mission kümmert sich um die seelsorgerischen Bedürfnisse der portugiesischsprachigen Migranten. Gil ist vor allem im Berner Oberland unterwegs, während Pater Pietro Cerantolo den unteren Kantonsteil abdeckt.

In den 1990er-Jahren begann Oscar Gil in der brasilianischen Metropole São Paulo sein Theologiestudium. Er fühlte sich von der in Lateinamerika populären Befreiungstheologie angezogen, welche den Glauben an den «Gott der Hoffnung» mit Gesellschaftskritik und sozialen Forderungen verbindet. Während seines Studiums schloss sich Gil der Scalabrini-Kongregation an. Die Scalabrini-Missionare kümmern sich weltweit um die Seelsorge von Migranten und wechseln in der Regel alle sechs Jahre das Land.

Die erste Auslandsstation von Oscar Gil war Rom, wo er sich ab 2000 um die vielen neueingewanderten Brasilianer kümmerte. Nach sechs Jahren zog er weiter nach Köln. In der Domstadt leitete er die spanisch- und portugiesischsprachige Pastoral des Erzbistums, bis er im Herbst 2013 seine neue Mission im Berner Oberland antrat.

Warum gerade im Berner Oberland? In den Hotels und Restaurants arbeiten viele Menschen aus den katholisch geprägten Ländern Brasilien und Portugal. Weil sie meist nur zwei bis drei Jahr im Land bleiben, seien sie, sagt Gil, oft nicht richtig in die Gesellschaft integriert und blieben häufig unter sich. Hier sind besonders Gils Qualitäten als Seelsorger im umfassenden Sinne gefragt. Wichtig sei es, so Gil, die persönliche Beziehung zu den Gläubigen herzustellen. Neben seinen Gottesdiensten in Thun, Interlaken, Meiringen, Gstaad und Grindelwald besucht er die Familien auch regelmässig zuhause. Gil sagt, er wolle nicht bloss biblische Wahrheiten verkünden, sondern denMenschen helfen. Das Vertrauen baut Oscar Gil auf, indem er sich bewusst als «Lernender» gibt, der neben der Schweizer Mentalität auch die Kultur der portugiesischsprachigen Länder zu verstehen versucht. Mit seinen mexikanischen Wurzeln bringt Gil selbst den Blick von aussen mit.

«Die Leute sitzen nicht einfach still auf den Kirchenbänken», beschreibt Gil den gelebten Glauben im portugiesischsprachigen Raum. Sie wollen aktiv sein und auch emotional angesprochen werden. Während die Liturgie in den Schweizer Gottesdiensten stärker vomgesprochenen Wort geprägt ist, setzt Oscar Gil in seinen Predigten stark auf die Wirkung von Bildern. Die Powerpoint-Präsentation ist für ihn ein unverzichtbares Arbeitsinstrument. Und auch die Sprache, so Gil, müsse den Gläubigen vermitteln, dass der «Gott der Hoffnung» nahe an ihrem Leben ist. Gerade wenn er von der Jungfrau von Fátima spreche, fühlten sich die Gläubigen geborgen, sagt Gil weiter.

Die Migration erinnert an den Urcharakter der «Katholizität». Die Kirche ist durch Migration überhaupt erst entstanden und gerade die Völker- und Sprachenvielfalt ist der heilsgeschichtliche Vorbote einer «neuen Menschheit». Ins Bild passt, dass im Kanton Bern mehr als 40 Prozent der Katholiken keinen Schweizer Pass haben. Vor Ort fällt die Integration ins kirchliche Leben jedoch nicht immer leicht. Deshalb suchten Vertreter der Pastoral, der Landeskirche und der anderssprachigen Gemeinschaften an einer Tagung in Bern nach «Wegen der Zusammenarbeit». Auch Oscar Gil war dabei. Er betont, dass er als Neuangekommener noch Zeit brauche, um sich ein Urteil zu bilden. Doch er lässt durchblicken, dass er sich stärker ein Miteinander als ein Nebeneinander von Ortspfarreien und anderssprachigen Gemeinschaften wünscht.

Selber geht Gil mit gutem Beispiel voran. In Meiringen und Brienz predigt er einmal imMonat auch im deutschsprachigen Gottesdienst und hat damit, wie er sagt, «nur gute Erfahrungen» gemacht.

10. Juni 2015