Raum für Klage fehlt. Ausdruck dieses Fehlens sind vielleicht die Aufrufe, der Corona-Toten öffentlich zu gedenken, wie dies am Montag auf dem Bundesplatz erneut geschah. Foto: Pascal Fouquet

«Nur wer klagt, hofft»

Nicht nur Trost spenden: Die Kirchen wären in Corona-Zeiten der ideale Ort für Klage und das Aussprechen von Not. 

Von Kerstin Menzel*

Nun leben wir bald ein Jahr unter Pandemiebedingungen. Das kollektive Erleben der hereinbrechenden Krise, der immer neuen, vorher undenkbaren, Massnahmen ist einer grossen Bandbreite von Krisenerfahrungen gewichen. Betroffen sind diejenigen, die erkranken oder gar sterben und ihre Angehörigen, aber auch viele andere – Pflegekräfte und Ärzt*innen mit überfordernden Situationen, Gewerbetreibende mit existenziellen Sorgen oder dem Verlust ihres Geschäfts, Künstler*innen mit bald einem Jahr ohne Wirkungsmöglichkeiten, Eltern mit sehr lange andauernden überlastenden Anforderungen. Alte Menschen verlieren unter der Vereinsamung ihren Lebenswillen. Kinder werden Opfer häuslicher Gewalt oder verlieren jede Struktur. Die Reihe könnte weitergehen. Einerseits versuchen viele, jetzt tapfer durchzuhalten, andererseits findet Leiden v.a. in Grundsatzkritik ihren – demonstrierenden – Ausdruck.

Die Not aussprechen

Nach meinem Eindruck fehlen in diesen Wochen rituell getragene Gelegenheiten zum Aussprechen von Not. Raum für das Zulassen der Gefühle von Ärger und Erschöpfung und Angst und Trauer über das vergangene Jahr und das, was noch kommt – gerade weil dieser Verlust von Sicherheit und Selbstverständlichkeiten doch eine Ahnung dessen in sich trägt, was Klimawandel, verschobene globale Machtdynamiken in den kommenden Jahrzehnten an Herausforderungen mit sich bringen könnten. Ausdruck für das Leid, das viele Gesichter hat, ohne dass es bewertet oder gegen anderes Leid abgewogen wird, wie viele das ja selbst tun und sich das Klagen versagen.

Ausdruck dieses Fehlens sind vielleicht die zunehmenden Aufrufe, der Toten öffentlich, auch gottesdienstlich zu gedenken. Eine der wesentlichen Wirkungen von Gedenkritualen ist es aber, dass dadurch auch Betroffene, Opfergruppen erst definiert werden. Durch die Zahl der Kerzen, durch die Nennung der Namen, durch Beteiligung von Repräsentant*innen. Deshalb ist das inmitten einer laufenden Krise, die immer neue Opfer fordert, schwer.

Vielgestaltige Betroffenheit

Diese Forderung umzusetzen ist aber auch kompliziert, weil die Betroffenheit anders als bei punktuellen Katastrophen so vielgestaltig ist. Nicht nur die Krankheit selbst, die Überlastung des Gesundheitssystems oder das Sterben an Corona verursachen Opfer. Auch die Kontaktbegrenzungen und fehlende körperliche Berührungen, auch wirtschaftliche Folgen und die Schliessung von Bildungseinrichtungen haben Leiden zur Folge, und ja, auch Leiden, das nicht wieder gut zu machen ist. Diese Spannungen auszuhalten, ist nicht einfach. Vielleicht könnten sie aber gerade im Raum der Kirche so zum Ausdruck gebracht werden, dass sie anders erfahren werden, dass sie einen anderen Rahmen erhalten.

Es bräuchte in den kommenden Wochen und Monaten Räume, in denen die ambivalenten und widersprüchlichen Betroffenheitserfahrungen nebeneinander stehen dürfen. In denen man herausfindet aus der gesellschaftlichen Anklage in die gemeinsame Klage, ins Aushalten der Situation und der eigenen Ohnmacht. Die Klage ist dafür biblisch-liturgisch die passende Form. Sie hält Gott den Zustand der Welt vor. Sie lässt sich nicht mit schnellem Trost beruhigen.

Mit eigenen Erfahrungen gehört werden

«Nicht die Behauptung, dass alles letztlich und irgendwie schon in Ordnung sei, ist ein Trost», schreibt der Praktische Theologe Henning Luther. «Tröstlich ist dagegen die Befreiung, nicht länger lügen zu müssen, nichts länger beschönigen und verteidigen zu müssen. In Klage und Verzweiflung liegt mehr ehrliche Hoffnung als in Beteuerung von Sinn und Lebensgewissheit. Die Trauer hält die Treue zum Anderen, zum Besseren, zum Ende des Leidens, den die Affirmationen des Daseins längst verraten hat. Nur wer klagt, hofft.»

Voraussetzung dafür wäre, dass die Widersprüche und die Spannungen dieser Zeit in unseren Räumen konkret und anschaulich und vielleicht auch persönlich berichtet werden. Dann wäre kirchliches Handeln nicht ein Handeln für andere, sondern mit anderen. Sicher würde es als Ausdruck kirchlicher Solidarität empfunden werden – mit den eigenen, konkreten Erfahrungen gehört zu werden.

*Kerstin Menzel ist Assistentin am Lehrstuhl für Praktische Theologie und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt «Sakralraumtransformation» an der Universität Leipzig. Sie ist Mitglied der Redaktion von Feinschwarznet, wo der Beitrag zuerst und ungekürzt erschien.

Literaturhinweis: Henning Luther: Die Lügen der Tröster. Das Beunruhigende des Glaubens als Herausforderung für die Seelsorge (1991), in: Praktische Theologie 33 (1998).

23. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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