Verlust des Glaubens. Foto: kallejipp / photocase.de

Orden: Zeit des Zappens

Mehr als 2300 Ordensmänner und Ordensfrauen verlassen jedes Jahr ihre Kongregationen. Das sei eine traurige Realität, die der Papst als ein «Ausbluten des Geweihten Lebens» bezeichne, sagte der Sekretär der Ordenskongregation, Erzbischof José Rodrìguez Carballo, in einem Interview für den «Osservatore Romano».

Anlass ist der «Tag des Geweihten Lebens», den die Kirche jährlich am Fest Mariä Lichtmess (2. Februar) begeht. Papst Franziskus feierte im Petersdom mit Tausenden in Rom wirkenden oder studierenden Ordensleuten aus zahlreichen Ländern einen Festgottesdienst. Rodrìguez Carballo, der früher Generalminister des Franziskanerordens war, wies darauf hin, dass zwar ein Teil der Ordensleute ihren Stand deshalb aufgeben, «weil sie heiraten», jedoch erste Ursache für Austritte Befragungen zufolge «Verlust des Glaubens» und «unbefriedigende Antworten auf Fragen der Spiritualität» seien.
«Zwischen 2015 und 2016 hatten wir über 2300 Austritte, darunter 271 Dekrete der Entlassung durch Ordensleitungen, 518 Zölibatsdispense der Kongregation für den Klerus, 141 Inkardinierungen von Ordenspriestern in Diözesen sowie 332 Gelübde-Entlassungen aus kontemplativen Orden», resümierte Rodrìguez Carballo.

Am 28. Januar hatte der Papst in Audienz die Mitgliejmder der Ordenskongregation aus Anlass ihrer Vollversammlung empfangen, die dem Thema «Treue, Hingabe und Austritte» gewidmet war. Bei der Audienz betonte Franziskus die Wichtigkeit der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema. Er warnte vor einem «starken Blutverlust, der das religiöse Leben und das Leben der Kirche schwächt».
Laut José Rodrìguez Carballo erinnerten die Worte des Papstes unter anderem daran, dass ein grosses Problem neben der Anzahl der Austritte auch das Alter der Austretenden sei: «Zu den meisten Ausfällen kommt es bei Männern und Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren», sagte er.

Der Sekretär der Kongregation für die Institute des Geweihten Lebens sagte weiter, dass die meisten Austritte mittlerweile aus den Reihen der Frauenorden erfolgten. Nach den Daten des letzten 32Päpstlichen Jahrbuchs – im Jahr 2014 – betrug die Zahl der Ordensfrauen weltweit 683 000. 14 Jahre zuvor waren es noch 800 000 gewesen.

Für José Rodrìguez Carballo ist die Frage des Aufgebens des Geweihten Lebens in engem Zusammenhang mit der «Fragilität von Versprechen» in der heutigen Gesellschaft zu sehen. «Wir leben in der Zeit des ‹Zappens›, in der wir keine langfristigen Verpflichtungen mehr übernehmen», sagte der Ordensverantwortliche.

Die aktuelle Kultur sei «fazilitistisch», von einer Überfülle an schnell erfüllbaren Angeboten gekennzeichnet. «In einer Welt, wo alles einfach ist, gibt es keinen Platz für das Opfer, für den Verzicht oder andere Werte. Deshalb ist das Antworten auf eine Berufung ein Schwimmen gegen den Strom», sagte er.

kath.ch /Jürg Meienberg

8. Februar 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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