Trotz Corona manchmal die Seele baumeln lassen. Foto: photocase.de

Panikreaktion

Als einst das Haus meiner Grosseltern in Flammen stand, warf meine Grossmutter, so die Familienlegende, das Geschirr zum Fenster hinaus und trug die Federbettdecken sorgfältig die Treppe hinunter. Ähnlich paradox muten mich die aktuellen Panikkäufe in den Lebensmittelläden an.

Nichts gegen Vorräte. Mit Wehmut denke ich an die gut bestückten Kellerregale meiner Kindheit: Eingewecktes, Speck und Käse erfreuten nicht nur die Mäuse. Das ist wie Geschirr die Treppe hinuntertragen. Toilettenpapier, Alkohol und Waffen horten dagegen ist Geschirr zum Fenster hinauswerfen. Bringt gar nichts. Was wäre denn adäquates Vorsorgen in der aktuellen Pandemie? Wenn ich mich bei mir zuhause umschaue, so sind Vorratsschrank und Kühlschrank immer noch gut bestückt. Leer hingegen sind zurzeit eher die Kopfregale.

Seit Wochen verbindet uns ein einziges gemeinsames Thema. Das ist auch gut so und wichtig. Aber so vieles ist schon geschrieben und gesagt worden zu diesem Virus, der uns alle in einen Ausnahmezustand versetzt. Mir fällt beim besten Willen nichts mehr ein, das ich mit Ihnen heute teilen könnte. Klar, ich könnte aus dem Spital erzählen. Das will ich aber nicht. Ich möchte mich wieder mal über etwas ganz anderes austauschen, etwas das Sie vielleicht erheitert oder Ihnen Mut macht. Aber wie gesagt, die Pandemie hat meine Kopfregale vorübergehend leergefegt und ich habe es wohl versäumt in dieser Hinsicht genügend Vorräte anzulegen. Ich habe zusammen mit den Patient*innen im Spital bisher immer geübt, von der Hand in den Mund zu leben und mich nicht zu sorgen für den morgigen Tag, denn, Sie wissen ja, es ist genug, wenn ein jeder Tag seine eigene Sorge hat. Der das gesagt hat, hat auch immer wieder versichert: «Fürchte Dich nicht».

Tönt einfacher, als es ist, wenn Sie vielleicht ein*e Risikopatient*in sind oder jemand Ihrer Liebsten erkrankt ist. Überraschend finde ich nach einigem ziellosen Suchen zuhinterst im Regal, zwischen zwei leeren Dosen, doch noch ein bisschen Seelenschokolade, die ich gerne mit Ihnen teile. Es ist dies meine Lieblingsschokolade, ein uralter Vers aus dem Jesajabuch. Er ist vor mehr als zweitausend Jahren entstanden, auch in einem kollektiven Ausnahmezustand, welche die Betroffenen zu paradoxen und gefährlichen Reaktionen hätte verführen können. Der Prophet Jesaja beruhigt in diesem Chaos die Menschen:

«So spricht Gott: In Umkehr und Gelassenheit werdet ihr gerettet, in der Ruhe und im Vertrauen liegt eure Stärke» (Jes 30,15).

Mögen wir alle in diesen seltsamen Tagen den Segen dieser ruhigen Kraft erfahren.

Marianne Kramer, ref. Seelsorgerin

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

15. April 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 9
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles