Papst Franziskus wird von der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet zum offiziellen Staatsbesuch empfangen. Foto: Santiago de Chile, 16. Januar, Reuters/Rodrigo Garrido

Papst Franziskus begegnete in Chile zahlreichen Kontroversen.

Eine Bilanz:

Missbrauch.
Die Gläubigen in Chile werfen dem Bischof von Osorno, Juan Barros, vor, Fälle von Kindesmissbrauch vertuscht zu haben. Dieser weist alle Vorwürfe zurück. Der Papst steht hinter ihm, verurteilt den sexuellen Missbrauch aber scharf.

Jugend.
Papst Franziskus hat Chiles alte und neue Regierung aufgefordert, sich stärker für die Jugend und die indigenen Völker des Landes einzusetzen.

Mapuche.
Ein zweites grosses Thema waren die Mapuche: Unter Beifall warb er für die Rechte und die Kultur der Indigenen als Teil der Identität und des Reichtums Chiles. Mit Blick auf Ökologie und nachhaltige Entwicklung sagte Franziskus, von der Weisheit der alteingesessenen Völker könne man lernen.

 

Chile, Land der Träume -

dieses Bild beschwor Papst Franziskus zum Schluss seines dreitägigen Besuchs. Ein Land, das Menschen verschiedener Völker und Kulturen beherbergt, ein aufnahmebereites Land, in dem Gerechtigkeit regiert. Er sprach davon bei seiner Schlussmesse südlich von Iquique, wo die Atacama-Wüste auf den Pazifik trifft. Ein paar Zehntausend Gläubige, weit weniger als erwartet, waren in dieses Ödland hinausgezogen, um ihren Oberhirten zu hören. Der Weg ins Land der Träume ist ein harter Weg.

von Burkhard Jürgens

Wohl keine der 21 früheren Auslandsreisen von Franziskus wurde im Vorfeld von so viel Kritik und Widerständen begleitet wie die nach Chile. Bischof Juan Barros von Osorno, der - unbewiesen - beschuldigt wird, sexuellen Missbrauch durch einen Priester gedeckt zu haben, wurde zum medialen Dauerbrenner, in der Unruheregion Araukanien gingen mehrere Kapellen in Flammen auf, auch die Kosten für den päpstlichen Aufenthalt wurden diskutiert.

Keine Proteste an Veranstaltungen
Dennoch traten Proteste während der Veranstaltungen nicht in Erscheinung. Peter Saunders, ehemaliges Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission, kam nach Chile, um seine Missbilligung über den Umgang der Kirche mit Missbrauch zu bekunden - fand aber keine Schlagzeilen.

Einige Personen demonstrierten am Rand der ersten Papstmesse gegen Barros. Einen kleinen "Marsch der Armen" gegen die öffentlichen Ausgaben für das Event zerstreute die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas; es blieb eine Einzelaktion. Franziskus unternahm so etwas wie einen medialen Konter. Schon in seiner Begrüssungsrede ging er das Thema Missbrauch an, bekannte "Schmerz und Scham". Genauso klar stellte er sich hinter die Aufarbeitung der Bischöfe.
Die Ansprache im Präsidentenpalast wurde auch in den Park übertragen, in dem an die 400'000 Menschen auf die erste Messe mit dem Papst warteten. Auch hier gab es Applaus.

Lob für Weisheit der angestammten Völker
Ein zweites grosses Thema waren die Mapuche: Unter Beifall warb er für die Rechte und die Kultur der Indigenen als Teil der Identität und des Reichtums Chiles. Unter Beifall pries er im Präsidentenpalast die "Weisheit der angestammten Völker". Von ihnen lasse sich lernen, "dass es keine Entwicklung für ein Volk gibt, das der Erde den Rücken kehrt". In der Katholischen Universität, einer der Top-Hochschulen Lateinamerikas, riet er der Bildungselite des Landes, sich auch den indigenen Traditionen zu öffnen - eine Verbindung zwischen Hörsaal und dem Wissen der Ahnen.

Das Verhältnis zwischen den Ethnien ist bisweilen buchstäblich explosiv. In Temuco, dem Kernland der Mapuche, nannte Franziskus gebrochene Versprechungen gegenüber den Indigenen eine Form von Gewalt, "weil sie die Hoffnung zerstört". Erst dann verurteilte er die andere Gewalt - jener, die sich ihr Recht einfach holen wollen. Gewalt bringt Gewalt hervor, mahnt der Papst; sie "verkehrt die gerechteste Sache in Lüge".

Anspielungen auf Landraub
Wenn der Papst gegenseitige Wertschätzung als "einzige Waffe gegen die Abholzung unserer Hoffnung" bezeichnet und warnt, dass Radikalismus "alles niederbrennt", sind das auch subtile Anspielungen auf den Landraub der einen, den gewaltsamen Widerstand der anderen.
Manchmal sind es gerade diese Feinheiten, die wirken. Das gilt auch für das knorrige araukanische Eichenholz, aus dem die Altar-Aufbauten in Temuco gefertigt waren, oder den Gruss des Papstes in der Mapuche-Sprache "Mari, mari. Küme tünngün ta niemün" ("Guten Tag. Der Friede sei mit euch").

Die katholische Kirche in Chile hat manche Schlachten verloren, etwa gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Die Gesellschaft durchlebt eine stärkere Säkularisierung als andernorts in Lateinamerika. Insofern lehnt sich der Papst aus dem Fenster, wenn er für Pluralität wirbt.
Das beeinflusst auch seine Botschaft an den Klerus: Er weiss, dass er Priester und Ordensleute mobilisieren muss, um dem Trend entgegenzuwirken. Dazu will er sie zuerst aus ihrer Burg nostalgischer Isolation und moralischer Überlegenheitsgefühle herausholen. Seine Ansprache an die Geistlichen war die längste und eindringlichste in Chile, vielleicht sogar eine der grundsätzlichsten seines Pontifikats.

Plaudern mit argentinischem Akzent
Ein Thema war auch das Verhältnis des Papstes zu seinem Heimatland Argentinien. Vorab kursierende Spekulationen über eine Million Pilger von jenseits der Grenze erwiesen sich als übertrieben; diese Grössenordnung entspricht eher der Zahl argentinischer Touristen im Lauf eines Jahres. In Temuco fanden sich respektable Gruppen ein, die ihren Landsmann sehen wollten, vor allem Mitglieder der Volksbewegungen aus dem ländlichen Raum.

Nach der Messe plauderte Franziskus eine halbe Stunde mit ihnen. Dass er bei einem Jugendtreffen in Santiago immer wieder in seinen argentinischen Zungenschlag fiel, wurde ebenfalls als Zeichen seiner Heimatverbundenheit gewertet. Die Jugendlichen in Chile rief der Papst auf, sich nicht mit Ungerechtigkeiten und einem Es-war-schon-immer-so abzufinden.

Wenn die Kirche jung bleiben will, muss sie sich von der neuen Generation "herausfordern und hinterfragen" lassen - auch das ein Signal, dass Franziskus die Umkehr, die er anderen predigt, ebenso für die Kirche wünscht. Auffallend still verhielt sich der Papst hingegen zur Frage des elitären Bildungssystems, das viele junge Menschen von einer besseren Zukunft ausschliesst.

Verborgene Momente
Zu den stärksten Momenten der Reise gehörten womöglich die, die der Öffentlichkeit verborgen blieben - Treffen mit Personen, die sexuellen Missbrauch durch Priester erlitten, mit Betroffenen unterschiedlicher Lager im Mapuche-Konflikt und Opfern des Pinochet-Regimes. Frieden werde möglich, wenn man den Menschen ins Gesicht sehe, betonte der Papst in Santiago. Sein Sprecher Greg Burke hatte vor der Reise gesagt, die besten Treffen seien ohnehin die ganz privaten.

 

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25. Januar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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