Abstimmungsplakat (1970) des Künstlers Peter Freis. Foto: Schweizerisches Sozialarchiv

«Politische Bewusstseinsbildung fördern»

Der 7. Februar 1971 ist ein Geburtstag der besonderen Art. Für diesen Tag haben viele Frauen gekämpft, demonstriert, Diskussionen geführt und Streitigkeiten, sogar Trennungen in ihren Familien in Kauf genommen. Der Film «Die göttliche Ordnung» hat mir den schweren Weg dieser Kämpferinnen eindringlich gezeigt.

Autorin: Michaela Schade, Katholischer Frauenbund Bern (KFB)

In Deutschland aufgewachsen ist das Stimm- und Wahlrecht der Frauen für mich seit jeher eine Selbstverständlichkeit. 1971 war ich fünf Jahre alt und mein Wissen über die Schweiz stammte aus Johanna Spyris «Heidi», vorgelesen von meiner Tante, die immerhin schon einmal in der Schweiz gewesen war.

Das Stimm- und Wahlrecht aller Bürger*innen eines Staates ist ein demokratisches Grundrecht. Das dies Kämpferinnen wie Marthe Gosteli und Emilie Lieberherr vor 50 Jahren erreicht haben, beeindruckt und ermutigt uns noch heute, ist uns Vorbild und Ansporn, ihr Werk fortzusetzen. Denn es ist unabdingbar, dass die Sichtweise der Frauen und ihre Kompetenzen in allen Bereichen von Wirtschaft und Staat gleichermassen anerkannt und geschätzt werden wie die der Männer. Nur so können Fortschritt und Gerechtigkeit für alle erreicht werden.

Das politische Engagement bzw. die Mitbestimmung waren seinerzeit nicht für alle Frauen selbstverständlich, wie der Auszug aus dem KFB-Jahresbericht von 1971 zeigt: «…und nun kommen wir zum zweiten, besonders für die Frauen wichtigen Ereignis des Jahres 1971, nämlich der Verwirklichung der politischen Gleichberechtigung. Sie bringt dem KFB neue Aufgaben, geht es doch darum, die Frauen vermehrt für die Probleme in Kirche, Staat und Gemeinde zu sensibilisieren und ihnen ihre Verantwortung aufzuzeigen. Wir versuchen, zusammen mit dem STAKA die politische Bewusstseinsbildung zu fördern…» Dies spiegelt auch das Ergebnis meiner Bitte an die KFB-Frauen wider, ihre Erinnerungen an das Jahr 1971 zu schildern. Sie haben das Ergebnis der Abstimmung zwar wahrgenommen, knüpfen aber keine besonderen Erinnerungen daran, oder sie waren durch ihre persönliche Situation so beansprucht, dass für die Politik keine Zeit/Energie vorhanden war.

Auch im Vorstand des Dachverbandes, dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund (SKF), herrschte damals Uneinigkeit. Die bis dahin amtierende Präsidentin Yvonne Darbre und ihre Nachfolgerin Anne Marie Höchli-Zen Ruffinen waren beide sehr fortschrittlich eingestellt. Im Vorstand konnte keine gemeinsame Haltung gefunden werden, weswegen 1971 keine Wahlempfehlung abgegeben wurde im Gegensatz zum «Ja» bei der ersten Abstimmung im Jahre 1959. Heute ist der SKF als grosses, schweizweites Frauennetzwerk Vernehmlassungspartner*in des Bundes und arbeitet in diversen politischen Bündnissen mit.

Mit der Einführung des Frauenstimmrechtes war die Gleichstellung der Frauen keinesfalls in allen Bereichen verwirklicht. An den Frauenstreiktagen am 14. Juni 1991 und 14. Juni 2019 kämpften die Frauen weiter für Lohn- und Rentengleichheit, da sie bei gleicher Arbeit nach wie vor pro Jahr über 100 Milliarden Franken weniger verdienen und ihre Renten 40% niedriger sind als die der Männer. Care Arbeit wie Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen werden immer noch nicht als vollwertige Arbeit angesehen bzw. angerechnet.

Für den KFB und seine Ortsverbände bieten sich verschiedene Möglichkeiten, diesen wichtigen Geburtstag zu feiern, z. B. ein politisches Znüni, bei Kaffee und Gipfeli diskutieren über Erreichtes und was Frauen heute bewegen und gestalten, eine literarische Spurensuche über die Geschichte von Frauen, die sich für die Gleichstellung und politische Partizipation der Frauen einsetzten, oder ein Besuch der Ausstellung «Frauen ins Bundeshaus» im Historischen Museum Bern. Der SKF ist Mitglied des Vereins ch2021, auf dessen Website weitere Aktionsideen zu finden sind.

Hoffnungen und Träume sind Grundnahrungsmittel für unsere Seele: Wie schön wäre es, dürfte meine Tochter den 50. Geburtstag der Frauenordination in der katholischen Kirche feiern und sich daran erinnern, wie es war, als weitsichtige, weltoffene und kluge Verantwortungsträger in der katholischen Kirche «Ja» gestimmt haben und so den Frauen den verdienten, gleichberechtigten Platz in der Kirche zuerkannt haben, für den so viele lange und unermüdlich gekämpft hatten…

21. Januar 2021
erstellt von «pfarrblatt» online
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