Fastenzeit! Foto: zettberlin / photocase.de

Quadragesima, die –

Jedes Jahr frage ich mich an irgendeinem Punkt der Fastenzeit, ob eigentlich noch jemand die tatsächlichen Fastengebote der Kirche einhält. Wie ist es mit Ihnen, kennen Sie die? Wahrscheinlich nicht wirklich.

Also: Die Fastenzeit umfasst 40 Tage. Sie beginnt am Aschermittwoch und endet mit Ostern, womit sie Vorbereitung auf den Tod und die Wiederauferstehung Christi ist. Gleichzeitig ist sie Busszeit. Während der vierzig Tage sind Katholik*innen angehalten, mal drüber nachzudenken, wie viel ungesunden Müll sie in sich hineinstopfen oder wie viel inhaltsleeren Unsinn sie sich am Fernseher reinziehen.

Darüber nachdenken reicht aber eigentlich nicht – zur Busse gehört ein klassisches Detoxprogramm. Dieses wurde letztmals im Jahr 1966 aktualisiert, in der Konstitution Paenitemini. Dort wird unterschieden zwischen Abstinenz und Fasten. Abstinent sollte jeden Freitag gelebt werden – im Gedenken an die Leiden Christi. Abstinenz bedeutet Verzicht auf Fleisch, daher auch die katholische Tradition, freitags Fisch zu essen. Im Rahmen des Fastens sei zudem nur eine Mahlzeit pro Tag einzunehmen (ein Snack morgens und abends sei erlaubt) sowie sich generell niederen Gelüsten weitestgehend zu enthalten.

Wie viele Katholik*innen sich nun aber tatsächlich noch an diese Fastengebote halten, sei dahingestellt. Ich schätze, es sind nicht viele. Das Fasten jedoch lebt und hat in der heutigen, konsumregierten Welt des Kapitalismus eine ganz neue Bedeutung erhalten. Die psychologische Funktion, die der Busse, ist heute stärker denn je zu beobachten.

Weniger Flugzeug, weniger Fleisch für eine bessere Welt. Hier spielt aber eine gefährliche Dimension hinein. Die kollektive Verantwortung wird verlagert auf das Individuum. Es geht nicht mehr nur um das persönliche Heil: Heute lastet auf jedem zudem die Verantwortung für den ganzen Planeten. Statt die Gesellschaft zu verändern, lassen wir den Einzelnen büssen. Die Wirtschaft lacht sich ins Fäustchen, und wir alle fühlen uns nach ein wenig Selbstgeisselung etwas besser. Seltsam.

Sebastian Schafer

katholisch kompakt im Überblick

20. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 5
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