Foto: Noah Silliman/unsplash.com

Richtiges Leben

In den 80er Jahren schaute ich mir gern eine Fernsehserie im Bayerischen Rundfunk an, in der ein Journalist in seinem VW­Bus quer durch Deutschland fuhr und Leute interviewte. Klingt unspektakulär, war es auch. Die Sendung hiess «Gernstl unterwegs», und sie führte den Journalisten Franz Xaver Gernstl vom Allgäu bis an die Ostsee. Gernstl hatte sich zum Ziel gesetzt, Menschen darüber zu befragen, worauf es im Leben ankommt. Er wollte wissen, wie man richtig lebt.

Dabei sind Interviews mit über 2000 Menschen entstanden. Gernstl traf keine Berühmtheiten, keine Politiker, Schauspielerinnen oder Gelehrte. Sondern er unterhielt sich mit Menschen wie du und ich, die er auf der Strasse oder in der Wirtschaft zufällig traf. Und alle hatten zu der Frage nach dem richtigen Leben etwas zu sagen. Mich hat es immer wieder beeindruckt, dass die Menschen, mit denen Gernstl ins Gespräch kam, von den «kleinen Dingen» des Alltags erzählten. Auf sie komme es an. Es waren nicht die grossen Gesamtentwürfe, nicht Millionengewinne im Lotto, nicht Olympiamedaillen, nicht Schönheitswettbewerbe, die das gute Leben ausmachten. Sondern jene unspektakulären Dinge, deren Wert uns manchmal erst beim nachträglichen Überlegen bewusst wird.

Manchmal sprechen auch Patienten und Patientinnen von dem, worauf es in ihren Augen ankommt. Was «richtiges Leben» ausmacht. Vielleicht, wenn ich sie gefragt habe, worauf sie sich nach einem Spitalaufenthalt wieder am meisten freuen. Die Antworten sind oft ähnlich wie bei «Gernstl unterwegs». Erstaunlich alltäglich, konkret und unspektakulär (wirklich?) sind die Dinge, die die Menschen dann nennen. Hier eine Auswahl aus Gesprächen in den letzten Wochen:

  • ein gutes Gespräch mit Freunden bei einer Tasse Kaffee
  • eine Freundin treffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, und wir sind nach einer Viertelstunde so vertraut, als hätten wir uns erst gestern gesehen
  • eine schöne Blumenwiese
  • glückliche Leute sehen, zum Beispiel im Tram
  • ein Sonnenstrahl nach einem Gewitter
  • die erste Portion Pommes seit langem im Restaurant bestellen
  • wenn die Tochter unangemeldet zum Abendessen vorbeikommt
  • der Geruch von frischem Brot
  • mit meiner Frau in der Nacht nach Kühlewil fahren und den Kometen Neowise anschauen
  • ein Buch zu Ende lesen und ein neues beginnen
  • die Zahnarztpraxis verlassen und wissen, dass man erst in einem halben Jahr wieder kommen muss
  • die Kälte der Aare durch den Boden des Schlauchbootes hindurch fühlen
  • 20 Pfannkuchen für den Kindergeburtstag aufeinander stapeln


Man muss nicht Gernstl heissen und man muss nicht mit Patienten über die bevorstehende Spitalentlassung nachdenken. Worauf es im richtigen Leben ankommt – darüber kann man mit allen Leuten ins Gespräch kommen. Auch mit sich selber.

Hubert Kössler

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

5. August 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 17
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles