Laut Papst Franziskus verbietet die katholische Lehre die Diskriminierung Homosexueller. Das Verhältnis bleibt konfus. Foto: David Dieschburg / photocase.de

«Schmutziges Wasser»

Unvergessen die Aussage von Papst Franziskus über einen Homosexuellen, der Gott suche und ein Mensch guten Willens sei: «Wer bin ich, ihn zu verurteilen», sagte der Papst auf dem Rückweg von Brasilien 2013 vor mitreisenden Journalisten.


Die Welt witterte Entspannung. Homosexuelle Menschen und liberale Geister atmeten auf. Nun lassen Äusserungen des Papstes zur Priesterausbildung aufhorchen. Er riet kürzlich italienischen Bischöfen bei «geringsten Zweifeln» homosexuelle Priesteramtskandidaten nicht in die Seminare aufzunehmen.

Neben den Missbrauchsskandalen sitzt dem Papst offensichtlich die Aussprache mit den chilenischen Bischöfen im Nacken. Einem homosexuellen chilenischen Missbrauchsopfer sagte er: «Gott liebt dich so. Der Papst liebt dich so.» Das steht nicht im Widerspruch zum Katholischen Katechismus, der festhält, dass Homosexuelle geliebt werden sollen, wie alle Menschen; die sexuelle Praxis aber wird verurteilt.
Das bestätigte auch der konservative Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan: «Was der Papst sagte, ist wunderbar, finden Sie nicht? Das würde ich auch sagen. Das ist konservative, traditionelle, katholische und rechtgläubige Lehre.»

Die päpstliche Mahnung an die italienischen Bischöfe betreffend der Aufnahme Homosexueller in die Priesterseminare kommentierte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Gualtieri Bassetti, ziemlich grob: «Der Papst hat Recht: In den Seminaren gibt es schmutziges Wasser, das entfernt werden muss.» Das italienischen Schwulen-Portal «Gayburg» protestierte umgehend. Hier werde wieder Hass und Gewalt gegen Schwule gefördert.

Die Lehre der Kirche scheint weiterhin wichtiger als der Mensch. Noch immer herrscht, so scheint es, eine grosse Wissenslücke über das Leben Homosexueller. Missbrauch und Schwulsein werden unverständlicher Weise immer noch in Verbindung gebracht. Das ist haltlos. Entschuldigungen und klare Verurteilung von Missbrauch sind das eine, ein neuer Umgang mit Lebensrealitäten in Ausbildung und Zulassung von Priesteramtskandidaten das andere.

Die Aufhebung des Pflichtzölibates und die Zulassung der Frauen zum Priesteramt sind in weiter Ferne. Ohne echte Reformen aber werden die Wirrnisse um das Thema weitergehen. Auf dem Buckel der Betroffenen. Auch das ist ein Skandal.

Jürg Meienberg



Die Hintergründe und eine Einordung zum Thema von Roland Juchem (cic), via kath.ch:

Offene Fragen nach unterschiedlichen Papst-Aussagen zu Homosexualität

Beobachter und Betroffene rätseln über den neuen Kurs: Einerseits äussert der Papst sich volle Respekt gegenüber Schwulen. Andererseits warnt er, homosexuell Veranlagte in Priesterseminare aufzunehmen. Jüngste Äusserungen eines Zwiespalts, in dem Papst und Kirche stehen.

«Wer bin ich, ihn zu verurteilen?» Dieses Zitat von Franziskus zum Thema Homosexualität aus seinem ersten Amtsjahr ist eines seiner bekanntesten überhaupt. Von manchen vorschnell als Trendwende in der katholischen Lehre missverstanden, steht es doch für einen neuen Ton in päpstlichen Äusserungen.

Starker Zuspruch an Missbrauchsopfer
Ähnlich der Satz, von dem Juan Carlos Cruz, chilenisches Opfer sexuellen Missbrauchs, unlängst im Interview aus einem persönlichen Gespräch mit Franziskus berichtete: «Er hat mir gesagt: Juan Carlos, dass du schwul bist, spielt keine Rolle. Gott hat dich so geschaffen. Gott liebt dich so. Der Papst liebt dich so.»
Während einige fundamentalistische Blogger darin päpstliche Häresie witterten, kommentierte der nicht gerade als liberal bekannte Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan: «Was der Papst sagte, ist wunderbar, finden Sie nicht? Das würde ich auch sagen. Das ist konservative, traditionelle, katholische und rechtgläubige Lehre.»

Wertschätzung kontra interne Weisungen
Solch wertschätzende Rede ist das eine. Das andere sind Meldungen über Homosexualität im Zusammenhang mit Missbrauch und mutmasslichen Schwulen-Lobbys. In diesem Zusammenhang fiel übrigens auch das berühmte «Wer bin ich, ihn zu verurteilen?»-Zitat.
Gefragt worden war der Papst von Journalisten nach homosexuellen Netzwerken und einer Schwulen-Lobby in Vatikan. In seiner Antwort unterschied er denn auch: Homosexuelle Orientierung sei das eine, etwas anderes der Bruch des priesterlichen Keuschheitsgelübdes und ein Drittes, intime Beziehungen für Netzwerke zu nutzen. «Das Problem ist, wenn man mit dieser Tendenz eine Lobby macht.»

Aus eben diesem Grund warnte der Papst Anfang der Woche laut dem Internetportal «Vatican Insider» in seinem Gespräch mit Italiens Bischöfen: «Wenn es nur geringste Zweifel gibt, nehmt sie besser nicht auf.» «Tief sitzende» homosexuelle Neigungen und die Praxis «homosexueller Handlungen», so der Papst, könnten das Seminar sowie den jungen Mann und seinem möglichen Priesterberuf selber kompromittieren.

Wieder Hass und Gewalt gegen Schwule
Die Worte mit denen der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Gualtieri Bassetti, später dem Papst beipflichtete, waren noch drastischer: «Der Papst hat Recht: In den Seminaren gibt es schmutziges Wasser, das entfernt werden muss.» Entsprechend empörte sich das italienischen Schwulen-Portal «Gayburg»: «Die Kirche von Papst Franziskus bereitet sich also vor, wieder Hass und Gewalt gegen Schwule zu fördern.»

Gleichwohl ist auch im Bericht der Sonderermittler im chilenischen Missbrauchsskandal unter anderem von Homosexualität die Rede. Franziskus erwähnte dies in dem Text, den er den chilenischen Bischöfen vergangene Woche im Vatikan gab. Bei vielen Tätern habe sich gezeigt, dass es bereits in ihrer Ausbildung Probleme gab. So nannte der Papst «ernste Vorwürfe gegen Bischöfe und Ordensobere, von denen es heisst, mit der Leitung dieser Ausbildungsstätten hätten sie Priester betraut, die aktiv gelebter Homosexualität verdächtigt würden».

Nur ein Teil des Missbrauchsskandals
Seither gibt es aus Chile neue Meldungen über angebliche Netzwerke homosexueller Kleriker. Natürlich, das sagte auch der Papst, ist Homosexualität nur einer von vielen Aspekten des Missbrauchsskandals. In kirchlichen Internaten und Seminaren gibt es vor allem Fälle sogenannter Ephebophilie, der sexuellen Präferenz für Jugendliche. In diesem Alter können junge Menschen nach Aussagen von Fachleuten besonders leicht Opfer von Übergriffen werden.

Gegenüber Italiens Bischöfen bestätigte Franziskus indes nur, was die vatikanische Bildungskongregation schon 2005 in ihrer «Instruktion zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen» schrieb: Die Kirche könne «bei aller Achtung der betroffenen Personen jene nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen». Der Grund: Homosexuelle seien «in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen».

Die negativen Folgen solcher Weihen seien nicht zu übersehen. Nicht nur Vertreter von Homosexuellen-Verbänden kritisierten dies damals als diskriminierend und falsch.

Roland Juchem, kath.ch

 

 

30. Mai 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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