Nelly Sachs (geboren am 10. Dezember 1891 in Berlin, gestorben am 12. Mai 1970 in Stockholm). Foto: Nobel Foundation Archive.

«… so nimmt die Nacht mich wieder in Besitz»

«Ja, sie war klein und zierlich», erinnert sich Frau Olsenius mit leuchtenden Augen im Verwaltungsbüro des Stockholmer Friedhofs, wo wir nach dem Weg zum Grab von Nelly Sachs fragen. Auch die Ruhestätte, die sich am Rand des riesigen Areals befindet, ist von geringem Ausmass. Vermerkt sind nur der Name sowie das Geburtsjahr 1891 und das Todesjahr 1970.

von Beatrice Eichmann-Leutenegger

Einige Steine, jüdische Zeichen des Gedenkens, liegen auf der Grabplatte. Ganz nah braust der Autoverkehr Richtung Flughafen Arlanda vorbei. Hat man indessen diesen letzten Ort der Dichterin erreicht, möchte man Stille, nichts als Stille.

 

Als Vorwegnahme des eigenen Sterbens mutet dieses Gedicht aus dem Zyklus «Flucht und Verwandlung» (1959) an. Es birgt die zentralen lyrischen Motive des OEuvres: Wort, Flucht, Sternenzeit, Staub, Heimweh, Nacht. Mit diesen Grundbegriffen zeichnet die Dichterin Bewegungen und Brüche ihres Lebens nach.

Nelly Leonie Sachs war die einzige, überaus behütete Tochter des Berliner Fabrikanten William Sachs und seiner Frau Margarete. Musik, Tanz und die Werke Selma Lagerlöfs bezauberten das Mädchen. «Meine Nelly ist mir zu schade für jeden Mann», pflegte der Vater zu sagen. 1908 brach das Verhängnis herein, denn während des Urlaubs in einem thüringischen Bad wurde die 17-Jährige von der Liebe zu einem weitaus älteren Mann getroffen, den die Eltern ablehnten.

Nelly reagierte mit einer Magersucht, Ausdruck ihrer Lebensverweigerung. Ein kluger Arzt riet ihr zum Schreiben, dem Wort als Möglichkeit der Befreiung. Es war die Geburtsstunde der späteren Dichterin, doch der Weg dahin erwies sich als beschwerlich. Ihre Versuche in spätromantisch-konventioneller Manier sollte sie später verwerfen. Aber zuvor brachen die Sicherheiten ihres Lebens ein.

 

1930 starb der Vater, und sein Tod bewirkte eine materielle Notlage. 1933 setzte mit Hitlers Machtantritt die Zeit der «Sternverdunkelung» ein – die Rassenpolitik verschärfte sich. Nellys Geliebter wurde verhaftet; sie und ihre Mutter erwarteten die Aufforderung zur Deportation. Mit dem letzten Flugzeug gelang ihnen Mitte Mai 1940 die Flucht nach Stockholm. Die Freundin Gudrun Harlan hatte zuvor über Selma Lagerlöf eine Einreisegenehmigung erwirkt, die erst wenige Tage vor der Ausreise eintraf.

Im kalten Paradies Schweden, in einer winzigen Stockholmer Wohnung am Bergsundstrand 23, versuchten die beiden mittellosen Frauen ein neues Leben: fern von Freunden und Angehörigen, fern von der Heimat und deren Sprache. All ihre Kräfte setzte die zerbrechlich wirkende Dichterin für eine Neuschöpfung des Wortes ein, um den angemessenen Ausdruck für ihr Gedenken jener zu finden, die in den «Wohnungen des Todes» umgekommen waren.

Den Namenlosen gab sie eine Stimme und trug mehr «zum gemeinsamen Weiterleben bei als alle Politiker zusammen», wie Hilde Domin 1966 in einem offenen Brief an Nelly Sachs bekennen sollte. Bei ihrer Suche nach einer moderneren Sprache orientierte sich Nelly Sachs an der zeitgenössischen schwedischen Lyrik, indem sie diese zu übersetzen begann. So gewann sie im Land des Exils Freunde, und Freunde fand sie in den 50er Jahren auch im deutschen Sprachraum, wo ihre Gedichte erschienen. «Das Leichte und das Schwere» wechselten jedoch miteinander ab.

Zwar häuften sich die Ehrungen bis hin zum Nobelpreis, den sie zusammen mit Samuel Joseph Agnon 1966 erhielt, doch der Tod der geliebten Mutter hatte sie 1950 in unermessliche Trauer gestürzt. Die psychischen Schwierigkeiten nahmen zu, sodass sie nach der Verleihung des Droste-Preises in Meersburg (1960) drei Jahre in der Psychiatrischen Klinik Beckomberga verbrachte. Ihren Pariser Freund Paul Celan, der sie besuchen wollte, liess sie abweisen, damit nicht die bösen Geister auf ihn übersprängen. Nelly Sachs hat ihre bildmächtige Dichtung durchlitten. Ihre Erfahrungen, die Passion und Auferstehung einschlossen, mündeten in den bestürzenden Satz: «Der Himmel übt an dir Zerbrechen», gefolgt von der Aussage: «Du bist in der Gnade.»




 Buchtipp

 Ruth Dinesen
 Nelly Sachs. Eine Biographie
 Suhrkamp 1991

 

 

28. April 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 10
  • Pfarrblatt / Angelus