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Spitalbesuch

Wohl die wenigsten kommen voll ungetrübter Freude hierher. Vielleicht ein frischgebackener Vater, der seine Partnerin und das neugeborene Baby besucht. Vielleicht eine Angehörige, die die operierte und geheilte Patientin mit dem Auto abholt. Aber die anderen?

Viele haben gemischte Gefühle: Einerseits freuen sie sich, dass sie den Patienten sehen können. Gleichzeitig sorgen sie sich: «Was soll ich nur sagen? Werde ich die richtigen Worte finden? Was, wenn die Emotionen mich überwältigen? Wenn ich mich ekle? Wenn mir übel wird?»

Manche vertragen die Atmosphäre schlecht, die Gerüche, die Geräusche. Auch wenn die Patientin, die sie besuchen, keine ansteckende Krankheit hat: Manche haben die (vielleicht archaische) Angst, dass sie durch die Berührung mit der Krankheit des anderen in ihrer eigenen Kraft geschwächt werden.

Manche kommen zu Fuss. Manche mit dem Fahrrad. Manche mit dem Bus – und erleben diese Anreise gerade in der gegenwärtigen Krise als bedrohlich: «Sitze ich neben einem möglichen Covid-Patienten, der in die Insel fährt, um sich testen zu lassen?»

Manche eilen. Manche zögern den Besuch hinaus. Vor Kurzem sagte mir eine Angehörige: «Ich fahre nicht mit dem Schnellzug, sondern mit dem Bummler. Ich brauche diese Zeit, um mich auf den Besuch vorzubereiten.»

Der Tessiner Autor Giovanni Orelli erzählt in seinem Buch «Monopoly» (in dem er sich fragt, ob das Finanzwesen nicht – irgendwie – wie das Monopoly-Spiel funktioniert; ein interessanter Gedanke, aber das ist eine andere Geschichte) von einer alten, einfachen Frau aus dem Tessin, die mit dem Zug nach Bern fährt. Sie will ihren schwer verunfallten Sohn im Inselspital besuchen. Es ist wunderbar und erschütternd zugleich, wie Orelli diese Frau beschreibt: Sie hat eine Armbanduhr von ihrer Nichte ausgeliehen, damit sie die Ankunft nicht verpasst. Sie hält die ganze Fahrt lang einen Zettel in der Hand. Darauf sind in Blockschrift die Adresse des Spitals und die Fahrzeiten aufgeschrieben. «Ankunft Luzern, Abfahrt Luzern. Dort musst du umsteigen, sag’s dem Schaffner. Ankunft Bern.»

Für die alte Frau ist die Stadt ein Irrgarten. Endlich findet sie das Spital; dann endlich den Sohn. Man könnte schon beim Lesen vor Rührung weinen.

Was kann man machen, wenn man einen Patient*innenbesuch vor sich hat? Vielleicht das, was auch ich immer wieder versuche zu beherzigen, bevor ich ein Patient*innenzimmer betrete: Ich halte kurz inne. Ich unterbreche den Rhythmus des schnellen Von-Ort-zu-Ort-Gehens. Ich konzentriere mich und versuche mich zu öffnen für das, was jetzt kommt. Ich vergegenwärtige mir, dass ich nicht für alles verantwortlich bin. Ich nehme wahr: Was passiert beim anderen? Was bei mir? Ich lasse die Empathie zu. Ich erlaube mir, mich abzugrenzen. Ich bemühe mich, mehr zu hören als zu sagen. Ich nehme mir hinterher einen Moment Zeit, bevor ich die nächste Aufgabe angehe.

Hubert Kössler

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

27. Januar 2021
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 3
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