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News-Artikel

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Tränen lügen nicht - oder vielleicht doch?

In einem Kurs über Transplantationsmedizin sollten wir lernen, wie man mit betroffenen Angehörigen spricht: Wie überbringt man eine schlechte Nachricht? Wie fragt man nach der allfälligen Bereitschaft zur Organentnahme? Wir übten das im Rollenspiel. Die Kursteilnehmer waren Ärztinnen, Pflegende, Seelsorger. Die Angehörigen wurden durch Schauspieler dargestellt. 

Ich werde nie vergessen, wie eine Schauspielerin anfing zu weinen, als ein Arzt ihr mitgeteilt hatte, dass ihr Mann sterben würde. Sie schluchzte; ihr Gesicht wurde rot; sie zitterte. Die Grenzen verwischten: Waren ihre Tränen echt? 

Ich werde zu einem Patienten gerufen. Die Pflegende hat den Eindruck, dass er mit seiner Situation nicht zurechtkommt und ein Gespräch ihm gut tut. Als ich mich vorstelle, schmunzelt er: «Wissen Sie, hier liegt ein Missverständnis vor. Ich bin nah am Wasser gebaut. Das war schon immer so. Ich weine sehr schnell. Bei einem Film, wenn ich einen Brief bekomme, wenn ich meinem Enkelkind vorlese. Und, natürlich, auch jetzt im Spital, weine ich oft. Offenbar hat die Pflegende deshalb gefunden, dass es mir schlecht geht. Aber so ist es nicht, im Gegenteil: Mir geht es sogar sehr gut. Die Operation ist gut verlaufen; ich freue mich, dass ich bald entlassen werde.» 

Lügen seine Tränen? Und was ist mit jenen ungeweinten Tränen, die Patienten nicht weinen, weil sie das Weinen verlernt haben? Als Kim Jong-il starb, weinten viele Menschen. Das staatliche Fernsehen zeigt die Bilder. Der Sarg des Diktators wird durch die Strassen gefahren; Tausende stehen am Rand und klagen. Sind sie wirklich traurig? Das kann ich nicht beurteilen. Aber was ich beurteilen kann: Das staatliche Fernsehen missbraucht diese Tränen, um die totale Kontrolle zu erhalten und auszubauen. 

Kontrolle. Vielleicht ist das eine Spur. Wenn Tränen etwas mit Kontrollverlust zu tun haben, lügen sie nicht. Ich zeige mich dann verletzbar, in meiner Emotionalität, in meiner Trauer oder in meiner Freude. So entfalten Tränen ihre reinigende, heilende Kraft.

Hubert Kössler (1962), Theologe, Co-Leiter Seelsorge Inselspital, verheiratet,
Vater von zwei Kindern. Wohnt in Wabern. Autorenportraits

1. März 2012