«Nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft.» Stefan Wenger (1985), Theologiestudent, Co-Leiter der Selbsthilfegruppe «Nebelmeer», Thun.

… und mir mangelt alles

Dieser Vers drängte sich mir in den letzten zwei Wochen sozusagen auf. Als Konfirmationsspruch einer Freundin, als Predigt in einem Lektürekurs an der Uni und als Lesung in einem Gottesdienst. Der Herr ist nicht mein Hirte, und mir mangelt alles. Das habe ich etwa vor einem Monat gedacht und gefühlt. Geht es nicht vielen so? Dass wir Mangel erleben? Abgrundtiefe Verluste? Und da sagt mir dieser Psalm, der Herr sei mein Hirte und es werde mir nichts mangeln?

Ich stehe zurzeit am Ende einer schweren, rund dreizehnmonatigen Krise. In dieser Zeit habe ich oft grossen Mangel erlebt. Habe mich nach vielen Dingen gesehnt, die mir fehlten. Im vergangenen Monat erlebte ich eine solch intensive Versorgung von Gott, wie sie mir während der ganzen dreizehn Monate zuvor nicht widerfuhr. Jetzt ist der Winter vorbei. Es ist Frühling geworden. Das Warten auf neues Leben hat endlich ein Ende gefunden. Jeder Mensch erfährt Mangel. Sozial, emotional, materiell usw. Gott schenkt uns aber nicht immer und überall alles, was wir brauchen für ein gelingendes und erfülltes Leben.

"Mir wird nichts mangeln." Der Vers beschreibt nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. "Da ist Hoffnung! Es wird wieder anders sein und ich werde wieder mehr als genug haben!  "Gott bewahrt mi nöd vor allem Leid, sondern i allem Leid", hat mir eine Freundin vor kurzem gesagt. Darum geht es in diesem Psalm 23. "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." In diesem Psalm geht es um Ich und Du, um Gott und mich. Es geht um Beziehung. Beziehungsarmut ist die grösste Armut der modernen westlichen und kapitalistischen Welt. In dieser meiner Armut sagt Gott "Du" zu mir. Er hört, sieht und kennt mich wie niemand sonst. Und er begegnet mir in den Menschen, die täglich meinen Weg kreuzen.

5. Mai 2011