Die Regenbogenfahne ist seit den 1970er Jahren ein internationales schwul-lesbisches Symbol. In vielen Kulturen ist sie ein Zeichen der Toleranz, Akzeptanz, Vielfältigkeit und Hoffnung. fotolia.de

«Unendlich lustvolle Sexualität» ist dem Vatikan nicht geheuer

Der Fall Bürglen – die Segnung eines lesbischen Paares und die vom Bischof angekündigte Versetzung des Priesters – warf grosse Wellen. In der Bischofssynode vom letzten Herbst gehörten die Passagen über die «Homosexualität» zu den umstrittensten. Warum tut sich die Amtskirche so schwer mit gleichgeschlechtlicher Liebe?

Werfen wir einen Blick auf den Kontext. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine Zeit der Emanzipationsbewegungen. Schwarze, Frauen und Homosexuelle stellen die herrschende patriarchale Ordnung in Frage und fordern gleiche Rechte ein. Die in den Neunziger Jahren erstarkte Schwulen- und Lesbenbewegung führt in den westlichen Ländern zur Entkriminalisierung der Homosexualität und schliesslich zur rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Wie reagiert die Kirche auf die gesellschaftlichen Veränderungen und die damit verbundene Verunsicherung?

Papst Johannes XXIII. hat die Frauenemanzipation explizit als Zeichen der Zeit wahrgenommen. Die Konzilsväter betonten, die Kirche könne von der Welt lernen und wertvolle Hilfen zur «Wegbereitung für das Evangelium» erhalten (Gaudium et Spes 40). Unter Johannes Paul II. veränderte sich die Bewertung der gesellschaftlichen Aufbrüche: in kulturpessimistischer Perspektive spricht Rom nun generell vom Werteverfall.

In sich nicht in Ordnung
1975 verurteilt das Lehramt Homosexualität als in sich nicht in Ordnung und schwere Sünde. Die Verurteilung wird mehrmals bekräftigt. 1986 betont die Glaubenskongregation, dass «die Praxis der Homosexualität Leben und Wohlfahrt einer grossen Zahl von Menschen ernsthaft bedroht» und die Kirche nicht schweigen könne. Dem Einwand, diese Haltung werde weder dem modernen Ethos der Gleichheit noch der jesuanischen Liebe gerecht, hält das Lehramt entgegen, dass es Schwule und Lesben nicht diskriminiere, sondern nur deren «homosexuelle Praktiken» ablehne. Ähnlich wird im Fall Bürglen argumentiert, dass man die einzelnen Menschen segnen dürfe, nicht aber deren Verbindung. Katharina Jost, Theologin in Dagmersellen, bringt diese Haltung der Amtskirche in ein Bild: «Eine Mutter sagt ihren beiden Kindern, sie habe sie gleich lieb. Den Geburtstag feiern darf aber nur das eine.»
Unter Papst Benedikt wird die kirchliche Praxis nochmals restriktiver: schwule Männer sind zum Priesteramt nicht zugelassen, auch wenn sie keusch leben; ebenso alle, die eine «Gay-Kultur» unterstützen. Mit dieser Weisung nimmt der Druck auf die Bischöfe und die Betroffenen zu. Als Begründung führt man die Unfähigkeit der genannten Personen an, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen.

Biblisches Randphänomen
Für Bischof Morerod ist die Disziplinierung von Pfarrer Bucheli gerechtfertigt, weil gleichgeschlechtliche Liebe gemäss der Bibel Sünde sei. Die Bibelwissenschaft hat in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass es in den wenigen relevanten Stellen des Ersten Testaments, beispielsweise in der Sodom- und-Gomorra- Geschichte (Gen 19), nicht um gleichgeschlechtliche Liebe geht, sondern um heterosexuelle Männer, die anderen Männern gegenüber sexualisierte Gewalt ausüben.*

Misstrauen gegenüber lustvoller Sexualität
Wenn Homosexualität in der Bibel eine solch marginale Rolle spielt, was beschäftigt die Kirche dann so? «Das ist im Kern das Problem verweigerter Fruchtbarkeit, woraus man folgert, dass hier so etwas wie folgenlose, absolut triebgesteuerte und unendlich lustvolle Sexualität möglich ist, und in so einer Beschreibung sieht man ja schon, dass es im Grunde eine Mischung ist aus Abscheu und Faszination, mit der über Homosexualität geredet wird.»
Die Ethikerin Regina Ammicht Quinn verweist auf das jahrhundertealte Unbehagen im Umgang mit Sexualität und die vielfältigen Versuche, sie durch Verbote und Gebote zu regeln. In einer religiösen und zunehmend auch bürgerlichen Sexualmoral wird Sexualität grundsätzlich nur erlaubt in der Ehe, da sie hier der Zeugung von Nachkommen diene. Sexualität ohne diesen Zweck wird als exzessiv imaginiert und in der untersten Sünden-Schublade versorgt. Die buchstäblich weggeschlossene Angst vor Trieben, so Ammicht Quinn, gehe einher mit einer Sprachlosigkeit in Bezug auf konkrete Erfahrungen der Lust und mute Menschen ein Leben in der Schublade zu. Ein solches Ordnen und Klassifizieren menschlicher Bedürfnisse kommt uns im Katechismus entgegen: Homosexuelle Handlungen «verstossen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen … Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen.»

Die vermeintlich natürliche Geschlechterordnung
Auf das «Humane der Sexualität» und nicht auf das «vermeintlich Natürliche» komme es an, formuliert der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz und ist überzeugt, dass die Neubewertung gleichgeschlechtlicher Lebens- und Liebesgemeinschaften der nächste, konsequente Schritt ist, der aus der Theologie des Konzils folge. Hinter der Verurteilung der Homosexualität steht jedoch nicht nur ein starker Ordnungswille, sondern auch ein starker Naturbegriff.
Man fürchtet ein Durcheinanderbringen der Geschlechterordnung, die als natürlich und in Gottes Schöpfungsplan eingeschrieben verstanden wird. Geschlechterfragen lassen sich aber nicht mit Rekurs auf «die Natur» lösen.
«Gerade als Frauenverband», so der Katholische Deutsche Frauenbund zur Bischofssynode 2014, haben wir «einen geschärften Blick dafür, dass oft kulturell bedingte Vorstellungen – etwa eine hierarchische und patriarchale Eheauffassung – mit Rekurs auf das Naturrecht legitimiert wurden.» Dass das Geschlecht eine biologische, aber genauso eine soziale und politische Komponente hat, zeigt uns der Blick in andere Kulturen, aber auch die Tatsache, dass in unserem Land jedes Jahr Kinder zur Welt kommen, deren Geschlecht medizinisch nicht eindeutig zu bestimmen ist. Die Amtskirche wird um eine Diskussion mit der ihr suspekten Gendertheorie nicht herumkommen.

Angela Büchel Sladkovic

Hinweis:
Im Positionspapier des SKF «Unsittliches Tun oder anerkennenswerte Lebensform?» (2001) finden Sie u.a. eine Diskussion der besagten Bibelstellen. www.frauenbund.ch/publikationen

25. März 2015