Alfred wird «Verdinger». Szenenbild.

«Verdinger» erzählt ein dunkles Kapitel

Der Dokumentarfilm «Verdinger» kam in diesen Tagen in die Schweizer Kinos. Er erzählt die Geschichte von Alfred Ryter, der im Berner Oberland als Verdingbub grausames Leid erfahren musste.

von Christina Burghagen


«Normalerweise liegen die beiden Gehirnhälften auf einer Höhe», erklärt der heute 80-jährige Alfred Ryter auf seiner Terrasse im gepflegten Garten in Uetendorf. Er veranschaulicht das mit seinen Händen, die er vor der Brust erst waagerecht nebeneinanderhält, und dann im Ungleichgewicht. «Bei mir hat sich das verschoben, was permanenten Stress auslöst.» So hat ihm das sein langjähriger Arzt anschaulich erklärt und somit seinem Patienten einen Schlüssel zu sich selbst in die Hand gegeben.

Dass seine Gehirnhälften aus den Fugen gerieten, liegt an den traumatischen Erfahrungen, die er als Verdingbub machen musste. Alfred Ryter wurde im Jahr 1940 in Frutigen als Fünftes von sechs Kindern geboren. Der Vater arbeitete als Bauarbeiter und gelegentlich als Rucksackbauer, die Mutter sorgte für Heim und Kinder. «Bis 1948 hatte ich eine wunderbare Kindheit mit liebevollen Eltern», erinnert er sich. Sie seien zwar arm gewesen, aber es habe immer genug zu essen, vor allem aus dem eigenen Garten, gegeben.
Doch schon ab 1946 bröckelte das familiäre Gefüge. Denn die Mutter erlitt in diesem Jahr eine Totgeburt, und erkrankte danach an Diabetes und Tuberkulose. Immer wieder musste sie für längere Zeit nach Heiligenschwendi zur Kur.

Zu Hause in Frutigen schaffte es der Vater immer weniger alles zusammenzuhalten, und so beschloss er wohl drei seiner Söhne zu «verdingen». «Er hat nie darüber geredet», sagt Ryter fast erstaunt, weil ihn das immer noch umtreibt. «Seine Schuldgefühle haben ihn wohl so sprachlos gemacht», vermutet er. Erinnern kann sich noch daran, dass der Vater ihn nach Adelboden brachte, wo sie zwei Männer ‘ohne Gesicht’ trafen. Das seien vermutlich der Bauer und ein Gemeinderat gewesen. Es habe Schnee gelegen an diesem Tag. Kaum beim Bauer angekommen wurde der siebenjährige Alfred in einen verdreckten Geräteschuppen gesperrt, in dem ein mottenzerfressenes Kanapee stand. Die ganze Nacht weinte er verzweifelt und schlug mit einer Jaucheschippe gegen die Tür, hinter der er irgendwann erschöpft einschlief.

Seine Erinnerungen setzen erst wieder ein, als die Apfelbäume blühten. Ganze drei Monate sind wie ausgelöscht in seinem Gehirn. Eineinhalb Jahre dauert sein Martyrium bei einem kinderlosen Ehepaar, das zwar als Mitglieder einer Freikirche streng ihrem Glauben folgten. Den kleinen Alfred aber behandelt sie mit einer Kaltherzigkeit, die einem den Atem rauben. Zu essen bekam er nie genug, brachte er vermeintlich zu wenig Leistung, wurden Mahlzeiten gestrichen. «Nicht jeden Tag gab es Schläge, aber wenn, dann blutig», erzählt Ryter. Eine Wirbelverletzung im Halsbereich, die aus diesen Misshandlungen resultiert, wurde erst viel später behandelt.

Die Bauersleute liessen den Jungen nicht an ihrem Leben teilhaben. An Feiertagen wurde er im Schuppen eingesperrt. Alfred fragte sich damals, wie es sein kann, dass diese Menschen die Geburt Jesu feiern, aber ein Kind schlagen, wegschliessen, frieren und hungern lassen. Seinen etwas älteren Brüdern ist es nicht besser gegangen. Beide nahmen sich als junge Männer das Leben. Zurück bleibt Alfred Ryter, der sein Leben bis heute meistert, und uns seine Geschichte im Film «Verdinger» erzählt.

Saschko Steven Schmid produzierte den Film auf der Grundlage des gleichnamigen Buchs und der Vermittlung der Historikerin Loretta und des Historikers Marco Leuenberger. Vom ersten Interview bis zum fertigen Film vergingen vier Jahre. Auf der Suche nach einem Drehort stiess der Filmemacher und sein Team aufgrund der Thematik immer wieder auf Ablehnung, bis sie im Kiental herzlich aufgenommen wurden.

Die Verletzungen, die Alfred Ryter an Leib und Seele ertragen musste, wiegen schwer. Was ihn aber am meisten verletzt ist jetzt, wenn Leute sagen: «Ach, du warst ein Verdingbub? Das kennt man ja jetzt aus Büchern und Filmen, das ist ja immer dasselbe…»

 


Aktuelle Vorstellung in der Stadt Bern
(empfohlenes Alter: 10):
Bern Cinématte So 16:15

Alle Termine des Dokumentarfilms «Verdinger» unter www.verdinger.ch

7. September 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Brennpunkte
  • Soziales