Foto: iStock/swissmediavision

Versuch

Im Pfingstgottesdienst in Tschlin habe ich die Kanzelinschrift gelesen und mir notiert: «Mentem linguam tu rege Christe meam», und ich versuche das auszudeutschen: «Meinen Geist, meine Art zu denken und zu reden, meinen Sprachgebrauch, meine Überlegungen – leite Du sie, Christus!» Ein prägnanter Leitsatz.

Ich höre darin den Versuch oder die Bitte, von einem Kern sich leiten zu lassen, der mir auch in meinen Deutungen heilsam weiterhilft. Er fällt mir wieder ein, wenn ich zwei Begegnungen nachsinne: Ein Patient erzählte, wie er aus einem sehr aktiven Leben durch Erkrankung für Monate in Spital und Reha-Institutionen gekommen sei und er im Rückblick sagen könne: Er habe bei alldem eigentlich immer gewusst, dass Jesus Christus bei ihm sei. Verfeinert gesagt: Er habe das da (er zeigte mit der Hand auf den Kopf) immer gewusst. Das habe ihm geholfen im Denken. Mit der Zeit habe es ihm auch geholfen, sich auszudrücken und anderen vielleicht verständlicher zu machen, wie es mit ihm jetzt sei.

Ein anderer Patient, fast zwanzig Jahre älter, die durchschnittliche Lebenserwartung überschritten, war entschlossen, die Batterie des Herzschrittmachers nicht mehr erneuern zu lassen. Aber er stürzte und brach sich einen Wirbel, der operiert werden musste, weil die Schmerzen sonst unerträglich würden. Ging sein Blick noch so sich verlierend in die Weite, vielleicht seiner bereits verstorbenen Frau nach, forderte das Leben nun einen operativen Eingriff und warf seine leisen Pläne tüchtig über den Haufen. Als ich ihn wiedersah, war ein akuter Verwirrtheitszustand dazugekommen, und der Patient verstand die leidige Wartezeit bis zur Operation als persönliche Diskriminierung, was er bitter äusserte und sich auflehnte. Er hat mir sehr leidgetan, als ich ihn so antraf. «Mentem linguam tu rege Christe meam. Mentem linguam tu rege» … kaue ich den Leitsatz quasi als Mantra.

Ich merke dabei, dass ich darunter auch annehme, dass mich die Gegenwart Gottes umhüllt, was mich auch umtreibt, selbst wenn ich nichts wahrnehme und mein Herz leer bleibt und ich im Grunde getragen bin in jedem Augenblick. Ja, vielleicht könnte das Ausdeutschen der Inschrift in die Version von Hanns Dieter Hüsch münden: Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott nahm in seine Hände meine Zeit: mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit.

Pfrn. Ingrid Zürcher, ref. Seelsorgerin

Kolumnen der Inselspitalseelsorge im Überblick

 

 

7. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 17
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles